Er war der Mann mit dem steinernen Gesicht, der erste Bundeskanzler – und wäre es allein nach ihm gegangen, hätte es den zweiten nicht schon nach 14 Jahren gegeben.
Am 5. Januar 2026 wäre Konrad Adenauer 150 Jahre alt geworden. Der Respekt vor ihm und seiner politischen Leistung reichte stets über Parteigrenzen hinaus. Der Historiker Norbert Frei überlässt in seiner lesenswerten Biografie das letzte Urteil über Adenauer sogar einem von dessen härtesten Kritikern. Rudolf Augstein, der "Spiegel"-Herausgeber, dem Adenauer einen "Abgrund von Landesverrat" vorgeworfen hatte, schrieb in seinem Nachruf: "Er war ein ganz großer Häuptling."
Konrad Adenauer: Jeder CDU-Vorsitzende stellt sich in seine Tradition
In der CDU ist Adenauers Erbe, trotz seines – vorsichtig formuliert – pragmatischen Umgangs mit mancher Hinterlassenschaft der NS-Zeit am wenigsten umstritten. Wer sich an der Spitze der Partei in eine Tradition stellen will, nennt von den drei langjährigen Vorsitzenden und Kanzlern immer Adenauer, oft Helmut Kohl und inzwischen kaum noch Angela Merkel. Die Parteistiftung ist nach ihm benannt, die Parteizentrale ebenso.
Umso verblüffender erscheint das Ergebnis, wenn man einen Blick darauf wirft, was von Adenauers Erbe heute noch Gültigkeit besitzt. Vieles, was Christdemokraten, aber auch die Bundesrepublik als Land lange zu den Grundfesten zählten, ist heute mehr Wunsch als Wirklichkeit.
In Adenauers Jubiläumsjahr steht die Westbindung, die er durchsetzte, weil ihm die Freiheit wichtiger war als die Einheit, vor ihrer schwersten Belastungsprobe – nicht etwa, weil die Deutschen ausscheren, sondern weil Donald Trump an Europa kein Interesse mehr hat. Dass das deutsch-französische Verhältnis kontinuierlich an Kraft verliert, hat seine Gründe eher in den handelnden Figuren auf beiden Seiten. Auch die Beziehungen zu Israel, die eigentlich undenkbar waren und doch fast selbstverständlich wurden, erleben eine harte Phase, in der Friedrich Merz sogar die unbedingte Solidarität infrage stellte.
Die Tiefe der Risse in Adenauers Erbe zeigt das Ausmaß des Epochenwechsels, der Zeitenwende oder wie immer man sonst nennen will, was wir gerade erleben. Das Europa, das Adenauer und andere aufbauten, zerfleddert an den Rändern und ächzt in seinem Zentrum. Und die Innenpolitik steht dem in nichts nach. Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit ist in der gegenwärtigen Krise nur noch Legende. Die dynamische Rentenversicherung mit Umlagefinanzierung, mit deren Einführung Adenauer sich 1957 die wohl für immer einzige absolute Mehrheit bei einer Bundestagswahl sicherte, gilt heute als Inbegriff eines überforderten Sozialstaats. Den Mut wiederum, wie Adenauer beim Lastenausgleich, Reiche für eine Vermögensabgabe heranzuziehen, hat in der Union von heute bislang niemand.
Adenauers Umgang mit Alt-Nazis war ambivalent
Und die Gefahr von rechts? Adenauers Umgang mit Alt-Nazis und Mitläufern war ambivalent. Er unterstützte die Verurteilung der schlimmsten Täter. Sein wichtigster Mitarbeiter aber war ein mindestens willfähriger Diener des Hitler-Regimes gewesen. Der Kanzler betrieb das Verbot einer neonazistischen Partei, band aber andere Parteien mit Mitgliedern von zweifelhaftem Leumund in seine Koalitionen ein, auch, um eine große Koalition zu umgehen. Letztlich beendete er mit seiner persönlichen Autorität eine Debatte, wie sie in der CDU von heute gerade beginnt, die nächsten Jahre prägen und die Partei womöglich zerreißen wird.