Mord an Markus K. im Jahr 1981 Von der Todesangst einer Zeugin


1981, als der vierjährige Markus K. getötet wurde, war die Zeugin neun Jahre alt. Sie habe gesehen, wie der Junge von seiner Mutter ermordet worden sei, behauptet sie heute. Die Täterin habe sie bedroht, deshalb habe sie geschwiegen. 26 Jahre lang. Erst 2007 ging sie zur Polizei. Die Verdächtige wurde verhaftet. Jetzt ist sie wieder auf freiem Fuß. Die Zeugin bangt um ihr Leben.
Von Inken Ramelow

Gabriele H. ist mit den Nerven am Ende. "Sie ist schon wegen Mordes angeklagt", schimpft sie. "Und bedroht darüber hinaus jetzt unsere Tochter mit dem Tod und läuft trotzdem in Freiheit rum - das ist unfassbar sowas!" Sie kann nicht fassen, was ihre Tochter ihr am Telefon erzählt: "Mama, die Frau K. ist auf freiem Fuß. Jetzt bin ich dran, ich hab solche Angst".

Die Tochter ängstigt sich, weil die Haftrichter im niedersächsischen Oldenburg eine für sie fragwürdige Entscheidung getroffen haben. Sie haben eine Angeklagte auf freien Fuß gesetzt, die vor 26 Jahren ihren eigenen Sohn, den kleinen Markus Kern, kaltblütig erdrosselt haben soll. Obwohl die 48jährige Monika K. weiterhin dringend tatverdächtig und auch bereits wegen Mordes angeklagt ist, wie das Gericht bestätigt, darf sie frei herumlaufen. Begründung: Es sei keine Fluchtgefahr gegeben, die Frau habe Meldeauflagen erhalten. Dabei ist bei einem Mordvorwurf eigentlich allein die Schwere der Tat Haftgrund.

"Wenn du was sagst, bist du tot"

Zusätzlich steht der Vorwurf im Raum, dass die angeklagte Monika K. die Hauptaugenzeugin des Verfahrens seit 26 Jahren für den Fall mit dem Tod bedroht, dass diese auspacken sollte. Bei der Hauptaugenzeugin, deren Aussage die erneute Aufnahme des Verfahrens ausgelöst hat, handelt es sich um die Cousine des kleinen Markus, die damals als Neunjährige alles beobachtet haben will. Markus' Mutter soll sie erwischt und ihr gedroht haben: "Wenn Du von dem, was Du gesehen hast, etwas erzählst, dann geht's Dir wie dem Markus!" Die Cousine ist die Tochter von Gabriele H..

Cousine redete erst nach 26 Jahren

Die Cousine hatte erst jetzt - im Frühjahr dieses Jahres nach 26 Jahren all ihre Angst wegen dieser Drohungen überwunden und der Polizei alles erzählt. Der Mordfall galt bis dato als ungeklärt. Weil der Gerichtsmediziner den Eintritt des Todes des kleinen Jungen falsch berechnet hatte, war Monika K. damals als Verdächtige ausgeschieden, denn sie hatte für diese falsch berechnete Zeitspanne ein Alibi. Markus starb jedoch nicht am Abend, wie ursprünglich angenommen, sondern nach neueren gerichtsmedizinischen Erkenntnissen bereits am Nachmittag. Und für diese Zeit hat die Frau kein Alibi. Dazu kommt die Aussage der Cousine, deren Aussage wiederum von weiteren Zeugen gestützt wird. Diese hatten die Frau in der Nähe des Bahndamms mit ihrem Fahrrad und dem Kind gesehen. "Und wir haben weitere Beweise, ich möchte hier dem Prozess allerdings nicht vorgreifen", sagt Frauke Wilken, Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Zeugin durchlebt Schreckens-Kindheit

Markus' Mutter ist außerdem angeklagt gewesen, weil sie einige Wochen zuvor versucht haben soll, den Jungen mit Fleckenwasser zu vergiften. Ihr wurde vorgeworfen, ihm die Chemikalie in die Milch gemischt zu haben. Die Cousine hatte dies, so berichtet ihre Mutter, beobachtet und den Großteil weggeschüttet. Dennoch kam Markus abends ins Krankenhaus. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Mutter Markus loswerden wollte, weil er ein uneheliches Kind war. Allerdings lehnte das Landgericht Oldenburg eine Eröffnung des Hauptverfahrens in dieser Sache am Montag ab, unter anderem, weil die Richter keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür sahen, dass das Reinigungsmittel in einer tödlichen Dosis verabreicht worden sei. Das Hauptverfahren wegen der Erdrosselung wurde jedoch zugelassen. Markus' Cousine bezahlt ihre Aussage in jedem Fall nun mit neuer Todesangst. Die heute 35-Jährige fürchtet die Rache der Monika K.. Um ihre Schreckens-Kindheit aufzuarbeiten, hatte sie sich vor einigen Wochen freiwillig in psychiatrische Behandlung begeben. Die aktuelle Nachricht der Freilassung ist nach Angaben der Mutter ein unglaublicher Schock für Markus' Cousine und ein herber Therapie-Rückschlag. Normalerweise verlässt sie die Einrichtung am Wochenende und fährt nach Hause, jetzt aber bleibt sie dort. Solange die Angeklagte auf freiem Fuß ist, fühlt sie sich nicht sicher. "Ich möchte an den Richter appellieren, dass er seine Entscheidung noch mal überdenkt", sagte die Mutter stern.de. "Denn ich finde es nicht in Ordnung, dass diese Frau in Freiheit ist und unsere Tochter in Todesangst lebt. Das ist so grausam."

Rückblick: Oldenburg-Kreyenbrück am 19. August 1981. Folgendes trägt sich nach Angaben der Mutter der Zeugin zu: Monika K. fährt mit ihrem vierjährigen Sohn Markus auf dem Fahrrad zu einem entlegenen Waldstück an einem Bahndamm. Die Cousine wird unfreiwillig Zeuge der Szene. Die Neunjährige hatte gerade noch mit Markus gespielt, war den beiden nichts Böses ahnend hinterher geradelt. Sie beobachtet, wie die Mutter ihr Kind erdrosselt. Gelähmt vor Schreck harrt sie aus, so dass Monika K. sie entdeckt. Sie packt das Kind: "Sag bloß niemals jemandem etwas davon", zischt sie ihr zu, "sonst ergeht es Dir wie dem Markus!"

Die Angst zerstörte ihr Leben

Das kleine Mädchen hielt sich an das Verbot, lebte seitdem, wie die Mutter berichtet, in Todespanik. Immer wieder nahm Monika K., die in der Nachbarschaft lebte, die Kleine beiseite und machte ihr Angst. Auch Markus' Geschwister beobachten, wie ihre Mutter immer wieder böse aber leise auf das Mädchen einredet. Worum es geht, ahnen sie nicht. Das Mädchen verändert sich, will nicht mehr draußen spielen, sie wird in sich gekehrt und still. Ihre Mutter Gabriele stellt verwundert fest, dass sie häufig nachts aufwacht und die Kleine schlafend auf einem Kissen vor ihrem Bett vorfindet. "Sie lag da vor meinem Bett und sie hatte meine Hand ganz fest gefasst", erinnert sich die Mutter heute mit Tränen in den Augen. "Damals wusste ich doch gar nicht, dass und warum sie eine solche Angst hatte."

Als Erwachsene ist die Cousine weiter von Ängsten geplagt, zieht dauernd um, wird straffällig, um sich Geld für ihre Umzüge zu ergaunern. Im Frühjahr dieses Jahres saß sie deswegen in Haft. Sie beschloss: Mein Leben muss sich ändern, ich will nicht mehr weglaufen müssen und keine Angst mehr haben. Sie beschließt, der Polizei alles über Markus' Tod zu erzählen.

Gerichtsmediziner verrechnen sich

Die Polizei hatte mit der Cousine dieses Jahr erneut den Tatort aufgesucht, dabei hat die Frau sich daran erinnert, dass in der Nähe ein Junge stand. Die Polizisten stießen bei ihren Ermittlungen dann unter anderem auf die alte Zeugenaussage eines damals 14-Jährigen. Er gab einen Tag nach dem Mord an, genau von dieser Stelle aus um die Mittagzeit eine Frau beobachtet zu haben, die mit ihrem Kind zum Bahndamm fuhr. Diese Zeugenaussage wurde 1981 nicht weiter verfolgt, weil der Gerichtsmediziner fest davon überzeugt war, dass der Junge erst am Abend des 19. August starb. Zu dieser Zeit suchten Vater und Mutter unter anderem zusammen mit Polizisten nach dem Kind und hatten damit ein Alibi. Nach den aktuellen gerichtsmedizinischen Erkenntnissen wissen die Ermittler: Der Junge wurde bereits am Nachmittag ermordet.

Angeklagte schweigt

Die heute 48-jährige Monika K. wurde daraufhin im Juli in ihrer Wohnung im schwäbischen Trossingen verhaftet. Vergangenen Donnerstag wurde sie überraschend auf freien Fuß gesetzt. Sie schweigt bislang zu den Vorwürfen. Der Prozess soll am 8. Januar beginnen


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