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Cold-Case-Ermittler: So will Nordrhein-Westfalen Hunderte ungeklärte Mordfälle aufklären

Wenn ein Mord viele Jahre zurückliegt, ist die Aufklärung oft schwer bis unmöglich. In Nordrhein-Westfalen greifen die Ermittler zu neuen Methoden - und hatten damit schon Erfolg.

Wenn Ermittlungen an einem Tatort (Symbolbild) auch nach Jahren nicht zu einem Fahndungserfolg führen, spricht man von einem Cold Case. Inzwischen können solche Verbrechen aber auch noch nach Jahrzehnten aufgeklärt werden.

Wenn Ermittlungen an einem Tatort (Symbolbild) auch nach Jahren nicht zu einem Fahndungserfolg führen, spricht man von einem Cold Case. Inzwischen können solche Verbrechen aber auch noch nach Jahrzehnten aufgeklärt werden.

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Der Mord geschah vor mehr als 30 Jahren: 1987 wurde Claudia O. umgebracht. Zwar stießen die Ermittler damals auf Spuren eines Raubmordes, aber den Täter konnten sie nicht ermitteln. Bis sich Spuren-Spezialisten und Profiler den "Cold Case" aus Lohmar bei Köln nach 30 Jahren noch einmal vorknöpften - und der kalte Fall plötzlich heiß wurde.

Die Polizisten analysierten die Tat noch einmal in allen grausamen Einzelheiten. Dann nahmen sie sich die - immer noch eingelagerten - Asservate vor und untersuchten sie gezielt auf DNA. Die Ermittler wurden fündig (hier ist die Pressemitteilung zu dem Fall verlinkt): Zum Vorschein kam der genetische Fingerabdruck eines bereits wegen anderer Verbrechen verurteilten Doppelmörders. Dessen Entlassung in die Freiheit könnte sich nun deutlich verzögern.

Beispiel Nordrhein-Westfalen: Seit Jahresanfang entsteht im Landeskriminalamt (LKA) des bevölkerungsreichsten Bundeslandes eine neue Datenbank. In ihr werden alle 900 ungelösten Tötungsdelikte seit 1970 gespeichert. Die alten Ermittlungsakten werden dazu digitalisiert. Mordversuche und besondere Vermisstenfälle sind auch dabei - verschwundene Kinder etwa.

Fall in Lohmar macht Hoffnung auf weitere Ermittlungserfolge

"Wir wollen diese Fälle systematisch aufbereiten und ihr Potenzial gemeinsam ausloten", sagt Andreas Müller (56), Chef-Profiler im LKA. Der Fall in Lohmar könnte der erste "Cold Case" werden, den die zehn Profiler des Landeskriminalamts mit der örtlichen Mordkommission auf diesem Weg doch noch aufgeklärt haben.

"Wir prüfen: Ist der Fall lückenlos rekonstruiert? Ist die Motivlage klar? Gibt es Merkmale eines Mordes? Selbst wenn am Ende rauskommt: Es war ein Totschlag, der verjährt ist - der ist dann immerhin kriminalistisch geklärt. Den Familien der Opfer bringt das Gewissheit - das ist nicht zu unterschätzen."

Mord verjährt nicht. Deswegen wurden auch bislang alte Mordakten immer wieder hervorgeholt: "In der Vergangenheit hat man eine Papierakte bekommen: "Hier, ungeklärter Fall. Schau' mal drauf"", sagt Müller, selbst langjähriger Mordermittler. "Und wenn eine Altakte aufgeklappt wurde, kam dann oft der aktuelle Mordfall, das Tagesgeschäft, dazwischen."

Nun werden die Altfälle systematischer angegangen: Tatzeit, Tatort, Opfer, Alter, Motivlagen und Spuren werden in ein Fallbearbeitungssystem übertragen. Müller hat keinen Zweifel an weiteren Erfolgen: "Wir haben schon in der Anfangsphase erste Fälle identifiziert, bei denen die Ermittlungen jetzt wieder aufgenommen werden. Über die können wir noch nicht sprechen. Aber man sieht schon, dass das Werkzeug funktioniert."

"Grundsätzlich ist das eine gute Sache", sagt der Düsseldorfer Serienmord-Experte Stephan Harbort. "Die haben gute Analyse-Möglichkeiten und da sind die richtigen Leute am Start." Sogar einigen Serienmördern dürfte man damit auf der Fährte sein: "Fünf Prozent aller Tötungen sind Serientötungen."

Mord an zehnjährigem Mädchen: NRW-Profiler halfen bei der Aufklärung

Bei der Aufklärung des Mordes an der zehnjährigen Stephanie in Thüringen haben die NRW-Profiler mitgeholfen. Das Kind war vor 27 Jahren bei Weimar missbraucht und von der Teufelstalbrücke geworfen worden. Der mutmaßliche Täter, ein Lkw-Fahrer, gestand die Tat bei seiner Festnahme vor einigen Monaten in Berlin.

Die Profiler sind besondere Spurenleser: Ein Team ehemaliger Mordermittler, die speziell fortgebildet sind und auf Spezialisten wie Rechtsmediziner und forensische Psychiater zugreifen können. "Wir kommen dann rein, wenn es für die Mordermittler draußen schwierig wird. Die suchen dann unsere Expertise oder einfach eine zweite Meinung", sagt Müller. "Das muss in dem ein oder anderen Fall einen Mehrwert bringen."

Im besten Fall gelingt es, aus dem Wust an sichergestelltem Material, das nach einem Mordfall oft säckeweise gesammelt wird, die entscheidenden Stücke herauszufiltern. Denn kein DNA-Labor habe die Kapazität, alles zu untersuchen: "Das wäre viel zu viel." Daher ist die Verhaltensanalyse so wichtig: "Womit ist der Täter in Berührung gekommen? Und an welcher Stelle?"

Müller erklärt: "Wir rekonstruieren die Tat, das Verhalten des Täters, seine Fähigkeiten und Schwächen. Welcher Täter kommt dafür in Frage, welche physische und psychische Konstitution hat er?"

Wie genau können die Profiler den Täter-Typus analysieren?

Mit den Profilern aus dem Fernsehen habe das nicht viel gemein: "Das ist oft völliger Quatsch. Wir können nicht sagen, welches Auto ein Täter fährt oder ob in seinem Vorgarten Rosen wachsen." Aber oft: "Wie gewalttätig er ist und ob er sich im Griff hat oder nicht, wo er ungefähr wohnt, welches Alter er ungefähr hat."

Bei der Wiederaufnahme der Ermittlungen nach zwei Morden an jungen Frauen im Raum Velbert und bei Bonn 1979 und 1985 hatten die Profiler ihre Finger ebenfalls im Spiel: "Wir haben das fallanalytisch bewertet." Im vergangenen Jahr waren die Fälle, die vermutlich auf das Konto eines Serientäters gehen, im Fernsehen vorgestellt worden, nun werden die eingegangenen Hinweise ausgewertet.

Auch wenn Mord nicht verjährt: Wunder können die Profiler nicht vollbringen. Etliche Altfälle werden kalt bleiben und es nicht schaffen, Profiler wie Müller und die zuständige Mordkommission zu elektrisieren: "Die Leiche wurde nie gefunden, wir haben keine Spuren, es gibt keinen neuen Ansatz - das ist dann kein Fall, der zu priorisieren wäre."

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anb / DPA