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Bremen: Vor 25 Jahren verschwand Jutta Fuchs – jetzt pumpt die Polizei einen ganzen See leer

35 Millionen Liter Wasser lassen Polizei und Staatsanwaltschaft von Bremen aus dem Schwaneweder Tietjensee in die Weser pumpen. Sie hoffen, dass sie so das Verschwinden einer jungen Mutter vor 25 Jahren aufklären können.

Jutta Fuchs aus Bremen, THW-Mitarbeiter pumpen Wasser aus dem Tietjensee in Schwanewede ab.

Vor 25 Jahren verschwand Jutta Fuchs. Jetzt pumpt die Polizei Bremen den Tietjensee in Schwanewede leer

DPA

Es ist ein immenser Aufwand, den die Mordermittler der Bremer Polizei betreiben. Ein Vierteljahrhundert nach dem spurlosen Verschwinden einer jungen Mutter sind Dutzende Beamte und Mitarbeiter von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk in Schwanewede im Nordwesten der Hansestadt im Einsatz, um einen kompletten See leerzupumpen. Die Fahnder vermuten, dass sie im Morast auf dem Grund des Gewässers die Leiche von Jutta Fuchs finden könnten.

Der Tietjensee ist etwa 250 Meter lang und 83 Meter breit, insgesamt müssen rund 35 Millionen Liter abgepumpt und in die Weser geleitet werden, um den See trockenzulegen. In dieser Größenordnung ist das Vorhaben ein Novum für die Bremer Polizei. Sie muss dabei besondere Vorsicht walten lassen: Mögliche Beweise dürfen beim Abpumpen weder verschwinden noch beschädigt werden. Dazu seien besondere Vorkehrungen getroffen worden, sagte ein Polizeisprecher, ohne näher ins Detail zu gehen. Auch auf die Natur müssen die Ermittler Rücksicht nehmen."Wir haben Unterstützung durch Umweltbetriebe wegen der im See lebenden Fische", so der Sprecher. Nach der Durchsuchung soll der See wieder geflutet und die Fische wieder darin ausgesetzt werden. 

Jutta Fuchs verschwand 1993 in Bremen

Der Tietjensee stand während der Ermittlungen schon einmal im Fokus der Beamten: 1994 hatte ein Angler eine mit Steinen beschwerte Tüte aus dem See gefischt, in der sich persönliche Gegenstände der Vermissten befanden, unter anderem ihr Verlobungsring. Eine Suche mit Tauchern führte seinerzeit nicht zu weiteren Erkenntnissen.

Nun rollte die Staatsanwaltschaft den Fall wieder auf und ordnete das Abpumpen des Wassers an. Des Mordes an Jutta Fuchs verdächtig ist ihr früherer Lebensgefährte Wolfgang O.

Rückblick: Am 26. Juni 1993 sollte für die junge Mutter ein neues Leben beginnen. Mit ihrem kleinen Sohn wollte die 29-Jährige endlich in eine neue Wohnung umziehen – nachdem sie einen Schlussstrich ziehen und ihren Lebensgefährten verlassen konnte. Vier Mal hatte sie sich bereits von ihm getrennt, vier Mal kehrte sie zu ihm zurück. Doch besser wurde es nicht. Immer wieder ging Wolfgang O. fremd, wie die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" Jahre später rekonstruierte. 

Nun sollte es kein Zurück mehr geben. In ihrem Kalender markierte die junge Frau den Umzugstermin, den 26. Juni. Liebevoll bereitete sie die neue Wohnung auf den Einzug vor. Das Kinderbett war bereits aufgebaut. Doch die kleine Wohnung in Bremen blieb leer. 

Jutta Fuchs verschwand einen Tag vor ihrem ersehnten Neuanfang. Am 27. Juni fand ein Autofahrer auf einem Parkplatz an der A27 ihre Handtasche. Darin ihre völlig durchnässten Dokumente: Ausweis, Führerschein und Bankkarte. Der Zustand der Sachen gab Rätsel auf – denn in jenem Sommer hatte es bereits seit Tagen nicht mehr geregnet.

Was gibt der Titejensee in Schwanewede preis?

Von Jutta Fuchs selbst fehlte jede Spur. Wolfgang O. behauptete, sie sei mit einem Liebhaber durchgebrannt. Doch die Ermittler glaubten ihm nicht. Zu unwahrscheinlich erschien ihnen, dass die junge Frau, die als liebende und verantwortungsvolle Mutter bekannt war, ihren zweijährigen Sohn zurückgelassen hätte. Stattdessen nahmen die Kriminalisten Wolfgang O. ins Visier. Vor allem nachdem an seinem Firmenfahrzeug Spürhunde anschlugen. Für die Polizei war dies der Beweis, dass in dem Wagen eine menschliche Leiche transportiert worden sein musste. Doch die Beamten fanden sie nicht – bis heute.

Obwohl die Ermittler so gut wie sicher waren, dass Wolfgang O. die junge Frau umgebracht hatte, hatten sie nicht genug Beweise gegen ihn in der Hand, um ihn verhaften zu können. Auch nicht, als ein Jahr später die Tüte mit dem Verlobungsring aus dem Tietjensee gefischt wurde.

Die Polizei gab jedoch nicht auf. Suchte weiter nach der Frau, wandte sich in der Hoffnung auf irgendwelche Hinweise 2008 an die Zuschauer von "Aktenzeichen XY". Doch alles ohne Erfolg. 

2013 erhob die Staatsanwaltschaft trotzdem Anklage. Zunächst weigerte sich die zuständige Strafkammer, wegen der dünnen Beweislage ein Verfahren zu eröffnen. Doch nach einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft hob das Oberlandesgericht den Beschluss des Landgerichts auf und eröffnete das Verfahren.

Im Oktober 2017 begann der Prozess gegen Wolfgang O., musste aber bereits am ersten Verhandlungstag eingestellt werden. Der Angeklagte erschien nicht im Gerichtssaal. Wie der "Weser Kurier" schrieb, lebte der Mann damals bereits seit Jahren im Ausland und die Justiz konnte nicht klären, ob er die Ladung für den Prozess erhalten hatte. 

Inzwischen hat er sie bekommen. Am 13. August 2018, mehr als 25 Jahre nach dem Verschwinden von Jutta Fuchs, begann der Prozess – in Anwesenheit des Angeklagten. Ob das Gericht ihn tatsächlich des Mordes überführen wird, bleibt fraglich. Denn wie schwierig das sein dürfte, verrät die Prozessankündigung. Wolfgang O. soll demnach seine Lebensgefährtin "zu einem nicht exakt bestimmbaren Zeitpunkt auf nicht feststellbare Weise getötet und an einem bis heute nicht bekannten Ort verborgen haben". 

Mitte kommender Woche soll der Tietjensee in Schwanewede leergepumpt sein. Die Ermittler hoffen, dass sie dann schon etwas mehr wissen, um das Rätsel um die verschwundene Mutter nach 25 Jahren lösen zu können.

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ivi / wue / mit DPA-Material