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stern vor Ort: Notstrom für den Zapfhahn

In der niedersächsischen Kleinstadt Hitzacker waren die Leute entspannter als die Lage. Ein Ortstermin im Pegel-Club.

Als die Elbe am Tresen steht, denkt Andrea Uckert doch für einen kurzen Moment ans Aufgeben. Die Keller sind bereits voll gelaufen, die Koffer gepackt, die Nachbarn fort. Vorm Hochwasser hatte die Wirtin getönt, noch in Gummistiefeln und Badeanzug zapfen zu wollen. Jetzt sickert die braune Brühe in den Schankraum. Der Strom ist ausgefallen. Die "Insel", Hitzackers kleinste Kneipe, hat keine Kühlung mehr für vier volle Fässer. Das drückt aufs Gemüt. Andrea Uckert hasst warmes Bier. Hinterm Schnapsständer hängt ein Schild: "Wer die Wirtin kränkt, wird aufgehängt."

Eine Stadt ohne Deiche

Hitzacker im Wendland, 450 Kilometer nördlich von Dresden, 100 Kilometer östlich von Hamburg. Eine Stadt ohne Deiche, Häuser aus Lehm und Sand, Fachwerkidylle, zehn Hochwasser in den vergangenen 30 Jahren. Elbe und Jeetzel kriechen langsam die Straßen hoch. Am Rathaus hängen Zettel, wo wann das Wasser stehen wird: 6,16 Meter am Stromkasten, Unterkante Yachthafen, in der Mitte der Hauptstraße bei 6,90 Meter. Warmes Bier in der "Insel" bei 7,40 Meter wurde nicht angekündigt.

Andrea Uckert stellt Kerzen auf und zapft weiter. Sieben-Minuten-Pils mit schäumender Krone. Morgens ab zehn ist bei ihr immer Knobeln, mittags ab drei Dämmerschoppen. Das Hochwasser bringt alles durcheinander. Hektisch kippen die Männer Krombacher, Moravia und Whisky-Cola. Sie müssen Keller leer pumpen und Sandsäcke schleppen.

"Muss ja weitergehen"

Die "Insel" ist nur über eine Stiege und aufgebockte Paletten zu erreichen. Plötzlich gehen Lichter und Radio wieder an, ein Schlagerfuzzi besingt die Fischer von San Juan. Das Technische Hilfswerk hat Notstrom besorgt. Jetzt laufen auch die fünf Pumpen wieder, in Flur und Innenhof. Andrea Uckert macht sechs Helle klar für die Helfer. Muss ja weitergehen, sagt sie.

Über eine Woche hatten die Menschen in Hitzacker Zeit, sich auf eine erste, zweite oder dritte Welle vorzubereiten. Sie rüsteten ihre Häuser ein, zogen Folien bis in den zweiten Stock und schraubten Toiletten ab. Und nahmen sich vor, die lässigsten Hochwasserbezwinger der Republik zu werden. Hier putzten Mütter Fenster, als andere schon ihre Türen einmauerten.

Ein Lkw nach dem anderen

Natürlich nervt das Wasser, es ist kein Spaß. Es wird auch Tage stehen bleiben. Aber jetzt können alle mal zeigen, was sie draufhaben. Wen sie kennen. Beziehungen, sagt Löwi, Sachbearbeiter bei der Gemeinde, schaden nur dem, der keine hat. Er kennt die Sandsackverwalter im Kreis, und so rollt um Mitternacht ein Lkw nach dem anderen durch die engen Straßen, am Ende mit Kaffeesäcken aus Brasilien. Da staunen aber alle: der Löwi! Nur der Stadtdirektor schimpft. Die Säcke, die jetzt in der Stadt verteilt werden, würden dringender an den Deichen gebraucht. Pack lieber mit an, ruft einer.

Die "Kanufreunde", eine lockere Vereinigung von Polizisten, Elektrikern, Maschinenschlossern und anderen hand- und trinkfesten Männern, haben die Macht übernommen in den Straßen, die jetzt Kanäle sind. Sie tragen grüne T-Shirts, besitzen Boote und Notstromaggregate, halten Wache, Tag und Nacht. Ihren Chef nennen sie "Commander": ein entschlossener Familienvater mit Fünftagebart, Freibeuterblick und Ring am rechten Ohr. Commander hat seinen VW Passat gegen einen geländegängigen Mitsubishi eingetauscht. Natürlich ist die "Insel" Stammkneipe des Pegel-Clubs.

Ein Sattelschlepper als "Zwischenlager"

In der ersten Flutnacht haben sie so lange auf der Straße gegrillt, bis die Elbe den Rost umspülte. Sie haben Kanus auf dem voll gelaufenen Marktplatz deponiert und Rettungsringe vor ihre Autos gehängt. Einfallsreich sind aber auch die anderen. In der Straße Lanke steht ein Sattelschlepper mit nassen Reifen und einem Zettel vorm Heck: "Dieser Wagen ist nicht abgesoffen. Er ist Zwischenlager für drei Haushalte und eine Arztpraxis."

Über der Stadt knattern Hubschrauber und donnern Tornados. Verteidigungsminister Peter Struck schickt 3600 Marinesoldaten. Feldjäger mit aufgeblendeten Scheinwerfern rasen über gesperrte Zufahrtsstraßen. Elbaufwärts brechen Deiche, evangelische Pastoren lesen Flutandachten. In der Hauptstraße von Hitzacker lässt die Wirtin vom "Jachthafen" Schnitzel und Matjes mit Kartoffelsalat von Haus zu Haus paddeln. Und der Museumsdirektor, dessen Erdgeschoss unter Wasser steht, nimmt bei herrlichstem Sonnenschein erst mal ein Bad in der Elbe. Wo sie schon mal da ist.

Mikrofone im Wasser

Die Katastrophe findet nur noch auf dem Bildschirm statt. Die fleißigen Reporter haben sich vor "Pauls Imbiss" am Ortseingang aufgebaut und dürfen dort auch anschreiben lassen, es gibt Bratwürste und Frikadellen. Dann waten sie mit ihren Stiefeln und dem Mikrofon ins Wasser. Die Frau vom NDR sieht Hitzacker "zwischen Hoffen und Bangen", der Mann von Sat 1 verkündet Pegelstände von bis zu acht Metern, während der Bürgermeister, zwei Meter neben ihm, im ZDF sinkendes Wasser ansagt. Der klatschnasse Reporter von RTL will weiter nach Lauenburg, da sei mehr los. Und Andrea Uckert in der "Insel" ordert ein neues Fass Bier. Es kommt mit dem Kanu.

Uli Hauser / print