Streikfolgen Brummi-Fahrer legen Italien lahm


Tankstellen ohne Benzin, leere Regale in den Supermärkten, den Bauern vergammelt Obst und Gemüse: Die Lkw-Fahrer streiken erst sei drei Tagen, doch schon regiert das Chaos. Dauert der Ausstand an, droht Italien ein sehr unbesinnliches Weihnachtsfest.
Von Luisa Brandl

Der seit drei Tagen andauernde Lkw-Streik hat in Italien ein Chaos ausgelöst: die Blockade tausender Lastwagen auf den Autobahnen im ganzen Land hat zu Versorgungsengpässen geführt. Die Zapfsäulen an vielen Tankstellen sind leer, die Regale in den Supermärkten abgeräumt. Die Landwirte bleiben auf ihrem Obst und Gemüse sitzen, ganze Industriebetriebe stehen still, weil die Material-Lieferungen nicht ankommen. Auf den Autobahnen kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen streikenden Lastwagenfahrern und solchen, die fahren wollten. Die Polizei nahm Streikführer in Neapel und Sizilien fest.

Transportminister will Fahrer zum fahren zwingen

Der Ausstand, an dem nach Angaben der Gewerkschaften nahezu alle Lastwagenfahrer Italiens teilnehmen, bringt die Regierung unter Druck. Nachdem die Verhandlungen gestern gescheitert waren, hatte Transportminister Alessandro Bianchi um Mitternacht eine Verordnung erlassen, wonach die Lastwagenfahrer ihre Blockade beenden müssen. Andernfalls drohen ihnen Geldbußen und der Entzug der Fahrerlaubnis für sechs Monate. Doch die Lkw-Fahrer wollen an dem Streik festhalten. Sie fordern unter anderem staatliche Zuschüsse als Ausgleich für die gestiegenen Spritpreise.

Die Stimmung unter den Streikenden hat sich seit Montag dramatisch aufgeheizt. In Ventimiglia an der Grenze zu Frankreich geht gar nichts mehr. Rund 3000 Lkws versperren den Grenzübergang und haben den internationalen Fernverkehr zum Erliegen gebracht. Fahrer, die sich dem Streik nicht anschließen wollten, wurden aus ihren Kabinen gezerrt und am Weiterfahren gehindert. In Neapel nahm die Polizei drei Lkw-Fahrer fest, die fahrbereiten Lastwagen den Weg versperrt hatten. Andernorts wurden Windschutzscheiben eingeschlagen und Reifen aufgeschlitzt, um die Beteiligung am Streik zu erzwingen. Aus demselben Grund stellte die Polizei in Sizilien den Gewerkschaftsführer und einige Mitstreiter unter Hausarrest.

Energiedepots mit Polizeigewalt freigeräumt

Der anhaltende Streik stellt Italien auf die Probe. Die Benzinreserven an den Tankstellen sind zu 80 Prozent verbraucht. Vor den Zapfsäulen, die noch nicht geschlossen haben, bilden sich lange Schlangen. Die Lastwagenfahrer hatten in Rom ein Depot des Energieversorgers ENI blockiert, das mit Polizeigewalt frei geräumt werden musste, damit die Tankwagen sicher ein- und ausfahren konnten. Zwei Tankstellen auf dem römischen Autobahnring wurden mit Polizeieskorte beliefert. In den Supermärkten kam es zu Hamsterkäufen. Frische Milch gibt es seit gestern nicht mehr, ab heute werden Fleisch, Obst und Gemüse rar. Regierungschef Prodi verurteilte den Streik gestern im Staatsfernsehen als "Verletzung der Freiheit der Bürger."

In einem Land, in dem der Güterverkehr zu 80 Prozent auf Rädern abgewickelt wird, bedeutet der Streik ein herber Schlag gegen die Wirtschaft. Die Landwirte werden ihre Erzeugnisse nicht los. Der italienische Bauernverband sprach von 200 Millionen Euro Schaden pro Tag durch vergammeltes Obst und Gemüse. 40 Prozent der Milch sei im Stall geblieben, so ein Sprecher. Aber auch die Industrie des Landes ist gelähmt. In den FIAT-Werken stehen die Montagebänder still, weil die Einzelteile nicht geliefert werden konnten. 22 000 Werksarbeiter mussten gestern zuhause bleiben. Denn das Autowerk hat keine Magazinbestände. Alle Teile werden "just in time" geliefert und ohne Zwischenlagerung montiert, um Lagerraum zu sparen. Ein FIAT-Sprecher sagte der Presse: "Die Tatsache, dass eine Kategorie die gesamte nationale Produktion lahm legen kann, verschlechtert dramatisch die Wettbewerbschancen in unserem Land."

Barilla droht mit Produktionsstop

Die Vorweihnachtszeit ist in Italien nun alles andere als besinnlich. Wenn der Streik wie geplant bis Freitag anhält, müssen die Italiener womöglich auch auf das traditionelle Weihnachtsgebäck "Panettone" und "Pandoro" verzichten. Beim Markenführer Bauli in Verona blieben die zartvioletten Kartons, die wie Hutschachteln aussehen, leer. Die 600 Fabrikarbeiter gingen nach Hause. Bauli hat bereits angedroht, seine Werbung einzustellen, weil es sinnlos sei, ein Produkt zu bewerben, das nicht hergestellt werden kann. Auch der Nudelhersteller Barilla hat seine Produktion herunterfahren müssen und droht mit einem Stop, wenn der Streik weitergeht.

Die Zeitungskioske werden nur unregelmäßig beliefert. Der Blumenhandel, der über die blockierte Grenze in Ventimiglia nach Frankreich und Großbritannien exportiert, fürchtet sogar um die gesamte Ernte. Auch kulturelle Veranstaltungen sind vom Streik betroffen. So musste etwa in Palermo ein Konzert des Sängers Lucio Dalla abgesagt werden, weil das Material zum Bühnenaufbau nicht geliefert wurde.


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