HOME

"Three Identical Strangers": Die getrennten Drillinge - Geschichte eines vertuschten Sozialexperiments

Drei Brüder, Drillinge, wachsen getrennt voneinander auf, sie wissen nichts voneinander. Doch dann bringt ein Zufall ihr Leben ins Wanken. Sie merken: Wir sind Teil eines Experiments.

Von Amelie Rolfs

Sundance Film Festival: Getrennte Drillinge und psychologische Experimente: "Three Identical Strangers" im Trailer

Stellen Sie sich vor, Sie haben zwei Geschwister, besser noch, zwei Geschwister, die nur wenige Minuten später, am selben Tag im selben Jahr wie Sie geboren wurden - und Sie wissen von alldem nichts. Und nun stellen Sie sich vor, sie lernten die beiden kennen, lernten sie lieben, aber nur, um später zu erfahren, dass Sie Teil eines Experimentes sind. Dass jemand herausfinden wollte, wie es ist, wenn drei biologisch sehr ähnliche Kinder unterschiedlich aufwachsen. Klingt gruselig? Bobby Shafran, David Kellman und Eddy Galland ist genau das passiert. 

Die auf dem Sundance Festival vorgestellte Dokumentation "Three Identical Strangers" erzählt die Geschichte der drei Brüder. Der Film des Regisseurs Tim Wardle gewann den Preis für die beste Erzählweise.  Die Dokumentation rekonstruiert das Leben der Drillinge. Wie sie sich 19 Jahre nach ihrer Geburt erstmals treffen, herausfinden, dass sie in der Kindheit Teil eines sozial-psychologischen Experiments waren, wie einer der Dreien daran zerbricht und wie sie bis heute auf eine Entschuldigung der Verantwortlichen warten.

Nach neunzehn Jahren sind die Drillinge wiedervereint 

1980 im Bundesstaat New York. Robert Shafran, alle nennen ihn nur Bobby, 19 Jahre alt, kommt auf das Sullivan County Community College. Er hofft darauf, sich hier ein neues Umfeld aufzubauen. Er braucht Veränderung, denn im Jahr zuvor überfielen Freunde von ihm eine 83-Jährige Frau, sie starb an den Folgen. Bobby war dabei, der Richter urteilte, seine Rolle sei nur "minimal" gewesen. Doch Bobby muss fünf Jahre lang Sozialstunden leisten. Am neuen College fühlt er sich wohl. Seine Kommilitonen grüßen ihn freundlich, er wird überschwänglich umarmt und behandelt wie ein alter Freund. Nur eines stört ihn. Alle nennen ihn - warum auch immer - "Eddy". Es sind die ersten zarten Hinweise, dass eine Begegnung bevorsteht, die Bobbys Leben erschüttern wird.

Das Semester beginnt, und ein Gespräch wühlt ihn auf. Ein Kommilitone klopft an der Tür seines kleinen Zimmers im Studentenwohnheim. Er sagt, es müsse so sein, das ginge gar nicht anders: Bobby habe wahrscheinlich einen Zwillingsbruder. Der Mann heiße Eddy Galland, ebenfalls adoptiert, ebenfalls am 12. Juni 1961 geboren, und bis vor kurzem ebenfalls Student am Sullivan County Community College. Bobby will Eddy treffen, klar. Ist da was dran? Wird er deswegen immer "Eddy" genannt? Wenig später braucht er die Fragen nicht mehr stellen. Denn er sieht gleich: Der Typ sieht aus wie ich. Dann hat er auch noch das gleiche Lachen. Und er spricht auch noch wie ich. Ich habe einen Zwillingsbruder. 

Bobby Shafran erinnert sich bei der Vorstellung der Dokumentation auf dem Sundance Festival an den Moment, als er Eddy traf. "Mein ganzes Leben hatte ich das Gefühl, dass mir etwas fehlte. Aber als ich an diesem Tag in die Schule kam, war es als hätte mir jemand den Fahrplan für mein Leben in die Hand gedrückt.", zitiert in die Washington Post. Claire Kellman, die Adoptivmutter von David Kellman berichtet laut Daily Mail Ähnliches. "David begann sehr früh zu sprechen. Eines Tages wachte er auf und erzählte mir von seinem Bruder. Wir dachten natürlich er würde es sich einbilden."

Zwillinge wiedervereint? Twins Reunited? Das ist Stoff, der die Menschen interessiert, natürlich steht die lokale Presse bei den beiden Schlange und bringt die Geschichte. Und weil so eine Geschichte sich rasant verbreitet, und die Menschen sie weitererzählen, kommt sie auch bei einem Menschen an, der wohl genauso verwirrt gewesen sein muss, wie die beiden vereinten Brüder. Bei Eddys Eltern klingelt also das Telefon. Am Apparat: David Kellman. "Sie werden mir das niemals glauben…" beginnt er das Telefonat. Er hat das Foto von Eddy und Bobby in der Zeitung gesehen und ist sich sicher: Er ist auch ein Bruder.

Die drei Brüder ziehen sogar zusammen

So werden aus den Zwillingen Drillinge. Die drei treffen sich, und ihr Schicksal verbindet sie schnell. Sie entwickeln eine enge Beziehung und ziehen sogar zusammen. Ihre Geschichte wird ein landesweiter Hit. Die drei nehmen sich einen Agenten, der ihre Auftritte in den Medien koordiniert. Es folgen Interviews, Besuche in Fernsehshows und eine kleine Rolle in Madonnas "Susan…verzweifelt gesucht" 1985. Der Medien-Ruhm der Drillinge flaut erst Mitte der achtziger Jahre langsam ab - ihre Verbindung bleibt sehr stark. Sie ziehen nach New York und gründen ein Restaurant mit dem Namen "Triplets"- Drillinge. Die Washington-Post schreibt 1988 über das Ost-Europäisch/Jüdische Lokal: "Die Speisekarte erklärt ihren Arterien den Krieg, aber massiert die Seele".

Es sind gute Jahre, gute Berichte, und würde man die Geschichte hier beenden, es wäre eine klassische Wohlfühlgeschichte, und so blieb sie der amerikanischen Öffentlichkeit auch bis Ende der Neunziger in Erinnerung. Niemand ahnt, dass die Brüder längst etwas wissen, dass sie nicht mehr loslässt, dass Eddy Galland depressiv wird, und Stück für Stück in einen Alptraum hinabgleitet. 1995, mit 33 Jahren, begeht er Suizid. Er hinterlässt seine Frau und eine Tochter. Die beiden anderen Brüder halten still. Noch. Doch dann, einige Jahre nach Eddys Tod, suchen sie erneut die Öffentlichkeit. Sie geben der langjährigen Trennung der Brüder eine Mitschuld an Eddys Tod. Und sie erzählen endlich die ganze Geschichte ihrer Adoption.

Fremd und tief verbunden: Drillinge werden bei der Geburt getrennt - Jahre später treffen sie sich zufällig wieder

Die ganze Wahrheit über die Adoption

Bereits kurz nach ihrer Wiedervereinigung 1980 erfuhren die Drillinge, dass eine Agentur sie bei der Adoption vorsätzlich getrennt hatte. Sie forschten nach, ihre Adoptiv-Familien verglichen die Adoptionsprozesse. Die Parallelen schockierten sie. Sie fanden heraus, dass alle drei Jungen bis zur Pubertät an einer sozial-psychologischen Studie teilgenommen hatten.

Es war die "Los Angeles Times", die 1997 berichtete, dass die Adoptionsagentur, Louise Wise Services, Davids Adoptivmutter bei der Vermittlung darauf hingewiesen hatte, dass ihr Sohn bisher an einer Entwicklungsstudie teilgenommen hätte. Die Agentur hatte offenbar betont, dass bei nicht-Teilnahme alle bisher erhobenen Daten verloren gingen. Das Ehepaar Kellman stimmte einer weiteren Teilnahme an der Studie zu. Ihnen war nicht bewusst, um was für eine Studie es sich handelte und sie sahen keinen Nachteil darin, sie weiterlaufen zu lassen. Ab diesem Zeitpunkt bekam die Familie mehrmals im Jahr Besuch von Wissenschaftlern des Child Development Centers, einer auf die Erforschung der vorpubertären Entwicklung von Kindern spezialisierten Organisation.

Die Wissenschaftler beobachteten David beim Spielen mit Bauklötzen oder Dreiradfahren und filmten ihn. Den Kellmans fiel nichts Beunruhigendes an dem Studienaufbau auf, David nahm über Jahre hinweg Teil. Die Brisanz der Studie wurde der Familie erst bewusst, als sie Erfuhr, dass auch Bobby und Eddy von den Wissenschaftlern über Jahre hinweg begleitet wurden. 

Filmszene aus "Three Identical Strangers" zeigt Bobby. Eddy, David Arm in Arm.

Filmszene aus "Three Identical Strangers". Der Dokumentarfilm wurde auf dem Sundance Festival prämiert.


Es stand ein unglaublicher Vorwurf im Raum: Die Adoptionsvermittlung und die Forscher hätten zusammengearbeitet, um die Kinder als Versuchsobjekte zu missbrauchen. Hatte die Adoptionsvermittlung die Kinder hierfür vorsätzlich getrennt? Dass alle drei Familien jüdisch sind und zum Zeitpunkt der Adoption eine ungefähr zwei Jahre alte Tochter hatten, unterstützte den Verdacht der Brüder. Offensichtlich hatte jemand die Adoptionsfamilien gezielt ausgesucht, um eine vergleichbare Umgebung für die Entwicklung der Kinder zu gewährleisten. Die Zeitpunkte der Adoptionen ließen das ebenfalls vermuten. Die Adoptiveltern von David Kellmann hatten sich nur einige Tage vor der Geburt der Drillinge bei Louise Wise Services angemeldet. Laut Aussage der Adoptivmutter riet die Agentur dem Paar, sich auf eine lange Wartezeit einzustellen, da wenige Neugeborene vermittelt würden. Doch nur sechs Wochen später bekamen die Kellmans David vermittelt, berichtete die Los Angeles Times. 

Wer so viel nachforscht, wer so viel vermutet, der will auch konfrontieren. Und so informierten die Adoptiveltern der Drillinge die Agentur über ihre Entdeckungen. Es kam zum Treffen mit Funktionsträgern von Louise Wise Services. Sie stritten jede Teilhabe der Agentur an einer Planung der Studie ab. Kinder getrennt zu vermitteln sei normale Praxis, da niemand drei kleine Jungs auf einmal aufnehmen würde. Ob das so stimmte? Durch einen Zufall bekamen die Zweifel der Adoptiveltern neue Nahrung.
Nach dem Treffen verließen die Familien das Gebäude, kehrten jedoch einige Minuten später zurück, um einen vergessenen Regenschirm einzusammeln. "Als wir zurückkamen, öffneten sie gerade eine Flasche Scotch, als ob sie feierten die Lage entschärft zu haben", beschrieb Bobbys Adoptivvater 1997 die Situation gegenüber News & Record

Das Child Development Center ist inzwischen im ‘The Jewish Board of Family and Children’s Services’ aufgegangen. Nach Ende der Dreharbeiten zur Dokumentation machte die Organisation den Brüdern einige Seiten der tausend Seiten umfassenden Studie zugänglich. Allerdings zum Teil geschwärzt, sagte der Regisseur des Films, Tim Wardle, gegenüber der Washington PostAuf dem Sundance Festival wiederholten die Brüder ihre Vorwürfe gegenüber der Adoptionsagentur und dem Jewish Board of Family and Childrens Service. "Sie können uns unsere Kindheit nicht zurückgeben, aber sie können uns zeigen, dass es ihnen Leid tut", sagte David Kellman der Washington Post. Bereits 1997 sagte Bobby Shafran der Los Angeles Times: "Sie haben uns zwanzig Jahre zusammen gestohlen." Die Brüder warten bis heute auf eine Entschuldigung der Adoptionsagentur und Wissenschaftler und hoffen auf eine Entschädigung. 

Agentur und Forscher weisen Verantwortung von sich

Die Adoptionsagentur verwies auch in den Jahren nach der ersten Konfrontation durch die Familien immer wieder auf die, nach ihrer Einschätzung, gängige Praxis in den 1960er Jahren  Mehrlingskinder zu trennen und bestritt eine Teilhabe an der Planung und Durchführung der Studie. Seit 1980 ist die Trennung von Mehrlingskindern bei Adoptionen im Bundesstaat New York verboten. 2004 stellte Louise Wise Services das Geschäft ein. Heute ist bekannt, dass neben den Drillingen mehrere Zwillingspärchen Teil der Studie waren. Auch sie wurden nach der Geburt getrennt vermittelt. Jedoch nicht alle durch die Louise Wise Agency.

Der Leiter der Studie, Dr. Peter Neubauer (verstorben 2008), und damaliger Direktor des Child Development Centers hat sich wiederholt zum Vorgehen geäußert. "Die Kinder wurden nicht Aufgrund der Studie getrennt", sagte er dem Orlando Sentinel 1997. Die Kinder seien durch die Adoptionsagentur getrennt worden, erst daraus hätte sich das Forschungsinteresse gegeben.

Die vollständige Studie liegt im Archiv der Yale University, ist jedoch erst 2066 öffentlich zugänglich. Allerdings veröffentlichte eine psychologische Fachzeitschrift 1986 einen wissenschaftlichen Artikel, der sich unter anderem auf die von Neubauer durchgeführte Studie bezieht. Darin wird Neubauers Aussage bestätigt und die Trennung der Kinder als "herausragende Forschungsmöglichkeit" beschrieben. "Zum ersten Mal würde es möglich sein Kinder mit geteilter biologischer Abstammung zu beobachten, während sie in verschiedenen Haushalten aufwuchsen. (...) Die Studie konzentriert sich auf die Frage, Natur gegen Erziehung: was beeinflusst den Menschen stärker, seine Anlagen oder seine Erziehung?", heißt es dort. Damit bestätigt der Artikel den Vorwurf der drei Brüder über den Aufbau und das Ziel der Studie. Allerdings weist der Artikel darauf hin, dass es den Forschenden aufgrund der Datenschutzrichtlinien der Agentur nicht erlaubt war, die Familien über Geschwisterkinder zu informieren. 

Robert "Bobby" Shafran und David Kellman bei der Premiere des Dokumentarfilms "Three Identical Strangers" vor einer roten Wand.

Robert "Bobby" Shafran und David Kellman auf dem Sundance Festival 2018. 

AFP

Statement des Jewish Boards

Gegenüber der Washington Post gab The Jewish Board of Family and Childrens Service ein Statement zu den erneuten Anschuldigungen ab. "The Jewish Board heißt die von Dr. Peter Neubauer durchgeführte Studie nicht gut und zeigt sich anerkennend, dass der Film eine Plattform für den öffentlichen Diskurs zur Studie geschaffen hat." (…) "Seit vielen Jahren hat The Jewish Board Menschen, die Teil der Studie waren, Zugang zu ihren Daten in zeitnaher und transparenter Weise gegeben. Bis heute haben wir allen Menschen, die Teil der Studie waren, und auf uns zugekommen sind, Einblicke gegeben. Aus datenschutzrechtlichen Gründen und dem großen menschlichen Einfluss dieser Studie, wurden diese Einblicke nur sehr eingeschränkt gewährt. Wir hoffen, dass der Film andere Menschen ermutigt, Zugang zu den Daten anzufragen. (…) The Jewish Board hatte keine Rolle in der Trennung von Zwillingen, die durch Louise Wise adoptiert wurden." 

Die Frage nach Natur gegen Erziehung greift auch der Regisseur Tim Wardle in der Dokumentation "Three Identical Strangers" auf. Dafür lässt er neben den überlebenden Brüdern auch andere durch die Studie Betroffene zu Wort kommen. Paula Bergstein erfuhr erst mit 35 Jahren von ihrer Zwillingsschwester. Auch sie waren durch Louise Wise Services vermittelt worden. Der Dokumentarfilm hat vorerst keinen Erscheinungstermin in Deutschland. Der Filmverleih "Neon", der auch die Rechte an dem Oscar nominierten Film "I, Tonya" hält, hat die Filmrechte erworben.