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Emanzitiert: Die Vagina-Kataloge

Die Schönheitsindustrie hat einen neuen Wirtschaftsraum erschlossen: den Intimbereich der Frau. Doch das große Geschäft "da unten" dürfen wir gar nicht erst zulassen.

Eine nackte Frau hält sich eine große, weiße Lilienblüte vor ihren Schritt

Die Kosmetikindustrie versucht, die Vulva zur Problemzone zu erklären

Die Produktpalette ist vielfältig: Peeling, Reinigungstücher, Dampfkuren, Duftwässerchen, sogar ein Serum für alternde Haut gibt es für die neueste Problemzone: die Vulva. Die soll geglättet, aufgepolstert, verjüngt, aufgefrischt und ganz allgemein optimiert werden. Sagt wer? Sagt die Schönheitsindustrie. Vor drei Jahren erntete die amerikanische Schauspielerin und Lifestyle-Unternehmerin Gwyneth Paltrow noch Hohngelächter, als ihre Webseite "Goop" ein Kräuterdampfbad empfahl, das die von innen reinigen und sogar Hormone ausbalancieren soll. Jetzt werden immer öfter Behandlungen und Pflegeprodukte angepriesen, die in erster Linie Kopfschütteln begünstigen. Begleitet werden diese Angebote von Bildern blütenverzierter Intimregionen – das echte Ding ist offenbar nicht schick oder appetitlich oder photogen genug.

Wollt ihr den totalen Waschzwang?

In der plastischen Chirurgie gibt es schon länger den Trend zum Schnippeln, Ziehen und Nähen auf der Suche nach der perfekten V-Form, die vom Konsumideal unserer jugend- und pornobesessenen Tage definiert wird. Jetzt folgt die mit all ihren typischen, verlogenen Heilsversprechen, und ich fürchte, auch diesmal werden genügend Frauen darauf hereinfallen, um einen Boom auszulösen.

Dabei stehen wir im Ansinnen, die Vagina zu einem Ort stetiger Frische zu machen, von vornherein auf verlorenem Posten. Ständig ist "da unten" irgendetwas los: Mal pinkeln, mal poppen, dann wieder bluten wir, mitunter macht die Vagina ihr ganz eigenes Ding, pulsiert oder sekretiert, einfach so, weil sie in Laune dafür ist oder sich einen Pilz eingefangen hat. (Manchmal wird sie ernsthaft krank, aber dann muss sie zum Arzt und nicht in den Kosmetiksalon. Fürs Protokoll: Wir sprechen hier von einer gesunden Vulva und einer gesunden Vagina.)

Die Vagina ist das fleischgewordene Schreckgespenst unserer schönen neuen, von Desinfektionsspray vernebelten Keimfreiwelt. Sie ist von Natur aus nicht seifig-rein, sondern im Gegenteil sauer unterwegs, idealerweise bei einem PH-Wert von 3,8 bis 4,4. Deshalb kann sie sich im Normalfall auch um sich selbst kümmern und braucht keine eigenen Waschlotionen und schon gar keine Kräuterdampfbäder. Wer die Vagina ständig "frisch" im Sinne des pervertierten Reinheitsgebots von 2018 halten will, muss ständig mit irgendeinem parfümierten Fetzen nachwischen (in der Très-Chic-Version für 1,70 Euro das Stück). Damit stört man natürlich den Betrieb, aber wen in unserer vom Putzfimmel ergriffenen Welt interessieren noch komplexe, über Jahrmillionen entwickelte Selbstreinigungsmechanismen?

Der Schönheitswirtschaft kommt diese konsumgesellschaftlich sanktionierte Zwangsstörung gerade recht: Sowas erfordert ja direkt den Kauf immer neuer Fläschchen und Döschen, ein Leben lang, denn die Käuferinnen werden sich so sehr daran gewöhnen, dass sie sich ohne einen Stoß Damaszenerrosenspray ins Höschen nicht mehr wohlfühlen (30 ml "Beauty Mist" à 25,– Euro, bezeichnender Name übrigens). Was das alles mit ihrem Weiblichkeitsverständnis anrichten wird, lässt sich noch gar nicht absehen. Und dabei haben die Anbieterinnen die Chuzpe, uns zu erklären, dies alles geschehe im Namen der weiblichen Selbstbestimmung und der Enttabuisierung der V-Zone. Der größte Feind der Frau ist viel zu oft eine andere Frau.

#metoo ist auch "da unten"

Sie fragen vielleicht: Was ist mit aktuellen Frauenthemen, mit #metoo? Warum schreibt die Steinitz in der selben Woche, in der der Fall Dieter Wedel öffentlich wird, über Vaginalkosmetik? Weil die Steinitz davon überzeugt ist, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt. Seit Anbeginn der Zeit will man uns irgendeinen, Pardon, Scheiß über unsere Vagina einreden: Sie sei der Sitz der Sünde, die Pforte zum Wahnsinn und selbst der Grund für jede Form von Gewalt, die sich gegen sie richtet. Ebenso lange suchen Frauen die Schuld für sexuelle Übergriffe zuerst bei sich, fühlen sich schmutzig und fügen als Folge sich selbst – und anderen Frauen – Schaden zu. Doch das dürfen wir nicht länger zulassen, auf keiner Ebene, in keiner noch so kleinen Dosierung. Das ist die Kernaussage der #metoo-Bewegung. Die scheinbar harmlose Ansage, "da unten" sei ständig zu glätten, zu sprühen und zu wischen, bis es glänzt, ist nichts anderes als die Einstiegsformel zur Körperfeindlichkeit, zu Frauen- und Selbsthass. Wenn #metoo uns etwas gelehrt hat, dann dass wir solche Dinge ansprechen müssen. Und zwar, bevor sie Schaden anrichten können.

 

Zum Shitstorm? Zur Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur einen Post.

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