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Umstrittene Altersbestimmung Hamburg und Berlin führen Genitaluntersuchungen bei Flüchtlingen durch


Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Deutschland - darunter auch viele unbegleitete Jugendliche. Oft müssen Ärzte klären, ob die Einwanderer noch minderjährig sind. Hierfür werden vereinzelt auch ihre Genitalien untersucht, allerdings auf freiwilliger Basis.

In Hamburg und mit Einschränkungen in Berlin begutachten Ärzte bei der Altersbestimmung von jungen Flüchtlingen auch deren Genitalien oder Brustdrüsen. Wie eine DPA-Umfrage ergab, verzichten alle anderen Bundesländer auf diese aus Sicht der Kritiker "hochnotpeinliche Intimuntersuchung" - oder aber die Behörden wissen nichts davon. Manche Länder wie Thüringen oder Rheinland-Pfalz halten ärztliche Untersuchungen zur Altersbestimmung generell für zu ungenau. "Selbst das beste medizinische Verfahren hat eine Fehlerquote von zwei bis drei Jahren", sagte der Sprecher des Jugendministeriums in Erfurt der Deutschen Presse-Agentur.

Hamburg will mit der Untersuchung klären, ob Flüchtlinge wie behauptet minderjährig sind. Der Test sei freiwillig und führe im Falle einer Verweigerung nicht dazu, dass sie als volljährig eingestuft werden, betont die Sozialbehörde. Im Zentrum der Überprüfung stehe das Röntgen des Kiefers, bei Bedarf auch der Handwurzel oder des Schlüsselbein-Brustbein-Gelenks.

Unterbringung hängt vom Alter ab

Für die Behörden ist es von großer Bedeutung, ob die unbegleiteten Flüchtlinge wie behauptet tatsächlich minderjährig sind. Denn davon hängt ab, wie sie untergebracht und versorgt werden. Während volljährige Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Erstaufnahmeheime kommen, kümmern sich um Minderjährige Jugendämter, Pflegefamilien und Heime - was deutlich aufwendiger und auch teurer ist.

Für Hamburgs Ärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery ist das dennoch kein Grund für Genital- oder Röntgenuntersuchungen. Er warnte seine Ärzte-Kollegen gar davor, zum "Handlanger des Staates" zu werden.

Berlin hält es ähnlich wie Hamburg, nutzt "Ganzkörperuntersuchungen" zur Klärung der Röntgenverträglichkeit auch zur "Feststellung der Reifezeichen". "Eine spezielle Genitaluntersuchung erfolgt (...) nicht", erklärte die Universitätsklinik Charité. Zwang gebe es auch nicht: "Verweigern Probanden die körperliche Untersuchung oder Röntgenuntersuchung, kann eine forensische Altersdiagnostik nicht erfolgen.

Unterschiedliche Ansätze bei den Ländern

Alle anderen Länder setzen auf Inaugenscheinnahmen und Gespräche mit den Jugendlichen, in Hessen etwa durch erfahrene Sozialpädagogen des Sozialdienstes. Meist werden wie in Rheinland-Pfalz auch Dolmetscher hinzugezogen. Ähnlich arbeiten Schleswig-Holstein, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland.

In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern verwiesen Sprecher auf Empfehlungen der jeweils zuständigen Ministerien, die sämtlich keine Genitalbegutachtungen vorsähen. In Bayern etwa werde zur Inaugenscheinnahme postpubertärer Körpermerkmale geraten - "soweit sie ohne Entkleiden oder Untersuchung erkennbar sind". In Sachsen und Baden-Württemberg sind die Jugendämter in der Wahl der Mittel frei.

amt DPA

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