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Interview

Rechtspopulismus-Studie: Experte erklärt, warum Verschwörungstheorien noch immer Anklang finden

Laut einer Studie verfestigen sich in Deutschland nicht nur rechte Einstellungen, sondern auch Verschwörungstheorien in der Mitte der Gesellschaft. Der stern sprach mit Michael Butter von der Universität Tübingen über den Grund dafür.

Von Nikolaus Pichler

Asylsuchende auf Bahnhöfen: Oft Gegenstand zahlreicher Verschwörungstheorien

Asylsuchende tauchen oft in Verschwörungstheorien auf.  Dennoch ist für Michael Butter klar, dass Verschwörungstheorien kein rein rechtes Phänomen sind.

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Obwohl die Zahl der Asylbewerber sinkt, wachsen bei den Deutschen die Vorbehalte gegen Asylsuchende. Das zeigen die Ergebnisse der aktuellen "Mitte-Studie", einer repräsentativen Reihenuntersuchung, mit der alle zwei Jahre rechtsextreme Einstellungen und "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" gemessen werden. Zugleich stellten die Wissenschaftler fest, dass Verschwörungsmythen in der Bevölkerung generell großen Zuspruch finden. 45 Prozent meinten, geheime Organisationen würden politische Entscheidungen beeinflussen. Nahezu ein Viertel der Befragten mutmaße, Medien und Politik steckten unter einer Decke. 

Dennoch seien "Verschwörungstheorien" nicht ausschließlich ein Phänomen aus dem rechten Spektrum, sagt der Experte Michael Butter von der Universität Tübingen. Der Wissenschaftler hat im letzten Jahr ein Buch über Verschwörungstheorien geschrieben. Der stern sprach mit dem Forscher über den Ursprung solcher Theorien und die Antworten darauf.

Herr Butter, was sind überhaupt Verschwörungstheorien?

Verschwörungstheorien zeichnen sich durch drei Charakteristika aus. Sie gehen meistens davon aus, dass nichts durch Zufall geschieht. Demnach wurde alles geplant. Es gibt eine geheime Gruppe, die alles kontrolliert und alle Strippen zieht. Sie gehen zweitens davon aus, dass alles miteinander verbunden ist. Und drittens gehen sie davon aus, dass nichts so ist, wie es scheint und es eine Gruppe von Verschwörern gibt, die hinter den Kulissen alle Fäden in der Hand hält. Insofern laufen diese Faktoren wieder zusammen.

Sind Verschwörungstheorien ausschließlich ein rechtes Phänomen oder findet man sie auch im linken Spektrum?

Nein. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorien und Extremismus und auch einen Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorien und Populismus. Der ist aber auf beiden Seiten des politischen Spektrums gleich ausgeprägt. Sie sind also nicht ausschließlich ein Phänomen aus dem rechten Spektrum. Es gibt verschiedene Studien, die das zeigen. Der Zusammenhang ist gut nachgewiesen.

Es sind also ausschließlich extreme politische Positionen davon betroffen?

Verschwörungstheorien sind nicht beschränkt auf extreme politische Positionen. Sie sind Teil der Mitte der Gesellschaft, wir finden sie in allen Altersgruppen, in allen Einkommensschichten, bei Geschlechtern und allen Bildungsschichten. Nur bei manchen Gruppen etwas häufiger als bei anderen.

Wieso wird dennoch so oft ein Zusammenhang zwischen dem rechten Spektrum und Verschwörungstheorien hergestellt?

Weil uns in der Berichterstattung von Medien rechte Verschwörungstheorien mehr stören als die linken. Die scheinen dann als eine Art Kapitalismuskritik auf, während bei den rechten Verschwörungstheorien der Rassismus und der Antisemitismus noch expliziter ist. Dementsprechend werden wir hier auch schneller hellhörig.

45,7 Prozent der in der Studie Befragten glauben beispielsweise an geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Deutschland ist ein aufgeklärtes und demokratisches Land. Wieso finden Verschwörungstheorien dennoch Anklang?

Früher war es noch viel normaler an Verschwörungstheorien zu glauben als in der Gegenwart. Hätte man diese Studie 1819 oder 1919 durchgeführt, hätte man 80 oder 90 Prozent Zustimmung auf diese Fragen erzielt. Weil man dachte, so funktioniert die Welt. Die modernen Verschwörungstheorien entstanden bereits im Zeitalter der Aufklärung. Da finden wir zum ersten Mal Verdächtigungen gegen die Illuminaten oder die Freimaurer, die wir bis heute nicht losgeworden sind. Weil solche Theorien ein Sinndefizit füllen, wenn religiöse Erklärungsmuster nicht greifen. Verschwörungstheorien gehen Hand in Hand mit der Aufklärung. Was die Studie betrifft, sind die Zahlen etwas problematisch. Der Begriff "Verschwörungstheorien" wird überhaupt nicht definiert und die Fragen sind relativ vage gestellt. Die Zustimmungsrate wäre deutlich niedriger, wenn die Fragen etwas konkreter gestellt würden. Was wir kriegen ist eher so ein Hinweis, wie empfänglich die Gesellschaft für solche Theorien ist.

Dennoch sind solche Theorien nicht förderlich für ein demokratisches Zusammenleben wie auch die Studie feststellt. Wie begegnet man ihnen?

Verschwörungstheorien sind letztendlich ein Zeichen für Krisen der Gesellschaft. Das zeigt die Studie sehr gut. Verschwörungstheorien gedeihen besonders gut bei Leuten, die sich kulturell oder ökonomisch abgehängt fühlen. Leute, die das Gefühl haben, ihnen schwimmen die Felle weg oder das Land geht vor die Hunde. Und das ist durchaus eine Spiegelung der Realität, dass es solche Tendenzen in den Ansichten der Menschen gibt. Das sind Themen, auf die die Politik Antworten finden muss. Man sollte aber keinesfalls Menschen, die an solche Theorien glauben, abschreiben. Nicht alle sind empfänglich für Argumente, dennoch gibt es auch einen Teil, der auf politische Maßnahmen reagieren würde.

Was wären die Antworten? Oft wird von Medienkompetenz in diesem Zusammenhang gesprochen.

Medienkompetenz ist genauso wichtig, wie zu lernen, dass Gesellschaften so komplex sind, dass es für eine kleine Gruppe nicht möglich ist, diese so zu kontrollieren. Mit höherer Bildung sinkt auch die Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien, weil man alternative Erklärungen bekommt, wie Gesellschaften funktionieren. Bildungsarbeit ist aber nur ein Teil, weil man damit nur die Leute erreicht, die ausgebildet werden oder in der Schule sind. Für Leute, die nicht in der Ausbildung sind, braucht es konkrete politische Angebote: Eine Politik, die sich wiederum um die vermeintlich Abgehängten und Schwachen kümmert. Das kann in Teilen dazu beitragen, dass die Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien auch wieder zurückgeht.

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