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Wahlwochenende in Spanien: Demonstranten wollen Proteste fortsetzen

Die Demonstrationen am Wahlwochenende in Spanien halten an. Zehntausende junge Leute gehen im ganzen Land auf die Straße - totz des Demonstrationsverbotes. Auch in der kommenden Woche wollen sie die Proteste fortsetzen. Sie demonstrieren gegen das Establishment und für soziale und politische Reformen.

Auf dem Puerto del Sol-Platz in Madrid herrschte gestern Abend fast Volksfest-Stimmung: Erneut strömten tausende Demonstranten in Spaniens Hauptstadt Madrid auf die Straßen. Im Zentrum der Hauptstadt setzten sich die Menschen weiterhin über das Demonstrationsverbot hinweg, das angesichts der heutigen Regional- und Kommunalwahlen verhängt worden war. Auf dem Platz im Herzen Madrids erklang brasilianische Percussion-Musik. "Dieser Protest ist wichtig", sagte die 20-jährige Demonstrantin Julia Estefania, "denn hier wusste bislang keiner, dass wir zu so etwas in der Lage sind." Auch in den Metropolen Barcelona und Valencia ging der Protest weiter.

Und er soll sich auch nach dem Wahltag fortsetzen: Die Teilnehmer einer Kundgebung in Madrid entschieden heute, ihre Protestaktion in der spanischen Hauptstadt um wenigstens eine Woche zu verlängern. In anderen Städten des Landes sollten die Demonstranten im Laufe des Tages auf Vollversammlungen ebenfalls über eine Fortführung der Kundgebungen entscheiden. Nach Medienberichten trat die große Mehrheit für eine Fortsetzung ein.

Protest gegen das Establishment

Der stellvertretende Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Günther Maihold, sieht in den Protesten mehr als nur eine Reaktion auf die Wirtschaftskrise des Landes. Sie seien eine "Abwehrreaktion gegen das Establishment", sagte er im Deutschlandradio Kultur. Auch Maihold rechnet damit, dass die Proteste nach der Wahl weitergehen werden. "Wenn man meint, man könne danach zur Tagesordnung übergehen und das alte politische Spiel weiterspielen, ist man sicherlich auf dem Holzweg."

Der französische Autor Stéphane Hessel, dessen Essay "Empört euch", einer der Leitfäden der Proteste in Spanien ist, begrüßte die Kundgebungen, merkte aber auch kritisch an: "Die Demonstranten dürfen nicht nur gegen etwas sein, sie müssen auch für etwas sein." Ihnen müsse klar werden, welche Veränderungen sie anstrebten, sagte er dem spanischen Radiosender RAC1.

Auslöser der Protestaktionen war die Krise in Spanien. Jeder fünfte Erwerbsfähige ist ohne Job, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast 45 Prozent. Wegen der hohen Verschuldung setzte die Regierung einen strengen Sparplan durch: Beamtengehälter wurden gekürzt, Renten eingefroren, Kündigungen erleichtert.

AFP/DPA / DPA
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