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Offener Brief: Hass-Kommentare: Bataclan-Überlebender weist Jesse Hughes zurecht

Ein Fan der US-Band Eagles of Death Metal hat deren Sänger Jesse Hughes in einem offenen Brief attackiert: Mit seinen Kommentaren zum Anschlag auf das Bataclan verbreite er Angst. Beide sind Überlebende des Terrorangriffs auf die Konzerthalle in Paris.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Jesse Hughes vor dem Bataclan in Paris

Fans fühlen sich durch rassistische Kommentare und Verschwörungstheorien beleidigt: Jesse Hughes, Frontmann von Eagles of Death Metal, vor dem Bataclan in Paris

Im Namen des Rock'n'Roll hat Ismael El Iraki einen offenen Brief an verfasst, der gerade in den sozialen Medien die Runde macht. Beide Männer haben den Terroranschlag auf das Bataclan in Paris überlebt, bei dem am 13. November vergangenen Jahres islamistische Terroristen 89 Menschen ermordeten und Hunderte verletzten. El Iraki stand als Zuschauer ganz vorn, während Jesse Hughes auf der Bühne als Frontmann der Band Eagles of Death Metal den Rock'n'Roll zelebrierte. Den Rock'n'Roll aber habe der Musiker längst verraten, so El Iraki. Denn mittlerweile sei klar, dass Hughes "Dummheit verdammt gefährlich" sei.

Grund für die Wut und die Enttäuschung des Fans sind Hughes' Kommentare in verschiedenen Interviews, in denen er unter anderem die strengen Waffengesetze in Frankreich anprangert, auf Grund derer sich niemand den Angreifern habe entgegenstellen können. Er hat sogar den Sicherheitsleuten des Bataclan vorgeworfen, gemeinsame Sache mit den Terroristen gemacht zu haben.

Pro-Waffen und Pro-Trump 

Tatsächlich zeigt Hughes schon immer gern von seiner rechten Seite: für die amerikanische Waffenlobby, für Donald Trump, Anti-Obama, für Kriegseinsätze und gegen das Recht der Frau auf Abtreibung. Jüngstes Beispiel dafür, wie rechts Hughes politisches Weltbild ist, ist ein Interview mit dem paläokonservativen Taki-Magazin, auf das El Iraki sich in seinem Brief bezieht.

"Lieber Jesse, ich habe gerade dein geschmackloses Taki Interview gelesen. Um dir die Wahrheit zu sagen, mein Herz blutet. Ich habe herausgezögert, es zu lesen. Ich dachte 'Was soll es Neues bringen, es kann nicht schlimmer sein als die anderen'. Es ist schlimmer, und verdammt noch mal, niemals werden wir uns damit abfinden", schreibt El Iraki aufgebracht.

"Ich liebe deine Musik, deine Konzerte und, Alter, nie hätte ich gedacht, dass du so ein Angstverbreiter werden würdest wie Fox News, wie Trump und diese ganzen Typen. Ich habe dich immer für einen Einzelgänger gehalten, einen Rebellen. Jetzt wissen wir, dass du keiner bist. (...) Wir haben dich geliebt und verteidigt, weil wir dich für einen liebenswerten Idioten gehalten haben. (...) Du hast jetzt gezeigt, dass deine Dummheit verdammt gefährlich ist."

El Iraki schreibt, Hughes habe eine "ekelige Wunde geöffnet", indem er Araber und Moslems nicht nur in einen Topf werfe, sondern auch kollektiv verdamme. "Ich lebe für den Rock'n'Roll, und ich bin Araber", schreibt El Iraki, um dann Hughes' Theorie einer moslemischen Verschwörung zu sezieren.  

"Was mich am meisten schmerzt, ist, dass du nicht mal wahrnimmst, dass eine Vielzahl derer, die lebend aus diesem schrecklichen Szenario herausgekommen sind, unser Leben einem Moslem verdanken. Sein Name ist Didi. (...) Dieser Kerl hat etwas getan, das weder du, noch ich oder sonstwer jemals gemacht hätten. (...) Als er auf der Straße in Sicherheit war, ist er wieder hineingegangen. Er ist zurück, um noch mehr Menschen zu retten. (...) Ein unbewaffneter, rot-blutender, ganz realer Held, den du mit deinen rassistischen, hasserfüllten Kommentaren gerade beleidigt hast. Du, der du kein Held bist." (...) "Du sagst: "Der Islam ist das Problem". Ich sage: "Ihr verdammten Fanatiker und eure Scheiß-Märchengeschichten sind das Problem." 

Konzerte abgesagt

El Iraki ist der zweite Bataclan-Überlebende, der Hughes seine Hassrhetorik vorwirft. Zuvor hatte Tony Scott in einem Artikel auf "Louder than War" dem Rockidol vorgeworfen, seine Fans zu beleidigen.

Konsequenzen hat Hughes rechtes Gerede zumindest in Frankreich: Zwei Festivals haben Eagles of Death Metal von der Auftrittsliste gestrichen: Rock en Seine und Carbaret Vert.

Der ganze Brief in Deutsch:

"Lieber Jesse, ich liebe deine Musik, deine Konzerte (so großartige, wilde Shows) und, Alter, nie hätte ich gedacht, dass du so ein Angstverbreiter werden würdest. Wie Fox News, wie Trump und diese ganzen Typen. Ich habe dich immer für einen Einzelgänger gehalten, einen Rebellen. Jetzt wissen wir, dass du keiner bist. Wir (und damit meine ich die Rebellen, die Einzelgänger, die Rock-Szene) haben dich immer geliebt und verteidigt, weil wir dich für einen liebenswerten Idioten gehalten haben, einen Mistkerl wie die 'Three Stooges' oder den Wolf von Tex Avery. Du hast jetzt gezeigt, dass deine Dummheit verdammt gefährlich ist.

Deine Kommentare haben eine ekelige Wunde geöffnet. Du sagst, die Sicherheitsleute hätten mitgemacht und jeden Araber gewarnt, den sie gesehen haben. Wie du auf diesem Bild sehen kannst, das jemand vor Show-Beginn gemacht hat, bin ich ein Araber und sehe auch so aus. Ich habe einen großen, lockigen Bart, und meine Hautfarbe passt dazu. Außerdem lebe ich für den Rock'n'Roll. Abgesehen von der Liebe meiner Frau ist es das Wichtigste in meinem Leben. Deshalb war ich natürlich in dieser warmen Novembernacht im Publikum im Bataclan. Ich würde doch ein Eagles-of-Death-Metal-Konzert nicht verpassen. Und es war nur das erste von acht Rock-Konzerten, die ich in der Woche sehen wollte.

Wie gesagt, ich lebe für den Rock'n'Roll, und ich könnte nicht noch mehr wie ein Moslem aussehen, selbst wenn ich wollte. Aber offensichtlich hat mich die große, böse Moslem-Verschwörung übersehen. Verdammt, sie haben vergessen, mich zu warnen. So wie sie auch Djamila vergessen haben und all die anderen Araber, die in dieser Nacht erschossen und ermordet wurden. Sie haben Amin, der auch Marokkaner ist, vergessen, der in dieser Nacht erschossen wurde. Offensichtlich haben sie ein paar Wochen später auch vergessen, Leila zu warnen, die bei dem Angriff in Ouagadougou getötet wurde. Dämliche, internationale Moslem-Verschwörung. Die kriegen echt nichts hin.

Ich will dich jetzt nicht ehren, indem ich erzähle, was ich in der Nacht gemacht habe. Ich habe mich immer geweigert und werde mich immer weigern, das in der Öffentlichkeit zu tun: Ich glaube nicht, dass eine weitere verdammte Bataclan-Geschichte irgendjemandem hilft. Du kannst selbst nachfragen, und ich glaube, du wirst nicht mögen, was du hören wirst, denn es passt nicht in dein kleingeistiges Schubladendenken, wie sich ein Moslem oder Araber (den Unterschied zwischen diesen beiden Worten ignorierst du ja) verhält. Ich glaube, dass es den Menschen, denen ich in der Nacht geholfen habe, egal war, dass ich ein Araber bin, so wie es mir egal war, wo sie herkamen oder vor welchem eingebildeten Freund sie sich verbeugen. Wir bluten alle in Rot, Bruder. Aber genug über mich.

Was mich am meisten schmerzt, ist, dass du nicht mal wahrnimmst, dass eine Vielzahl derer, die lebend aus diesem schrecklichen Szenario herausgekommen sind, unser Leben einem Moslem verdanken. Sein Name ist Didi, und er hat uns die linke Vordertür geöffnet. Dieser Kerl hat etwas gemacht, das weder du, noch ich oder sonstwer jemals gemacht hätten.

Weißt du, was dieser Araber gemacht hat, dieser Moslem? Er hat die linke Vordertür geöffnet, hat eine Masse an Leuten hinausgelassen und dann, als er auf der Straße in Sicherheit war, IST ER WIEDER HINEINGEGANGEN. Er ist zurück, um noch mehr Menschen zu retten. Er hat den Ausgang nach oben aufgeschlossen und hat Leute da rausgelassen. Dieser Typ war nicht so wie du oder ich.

Er war ein verdammter Held. Ein unbewaffneter, rot-blutender, ganz realer Held, den du mit deinen rassistischen, hasserfüllten Kommentaren gerade beleidigt hast. Du, der du kein Held bist. Du, der wie ich ein ganz normaler Typ bist, der in einer entsetzlichen Situation gefangen war, und der alles getan hat, um heraus zu kommen und den Menschen um ihn herum zu helfen. Deshalb: Nein, deine Kommentare sind nicht in Ordnung. Wie sollte es in Ordnung sein, Helden zu beleidigen?

Du sagst: "Der Islam ist das Problem". Ich sage: "Ihr verdammten Fanatiker und eure Scheiß-Märchengeschichten sind das Problem. Rassismus und die Verweigerung, einander als komplexe Lebewesen (komplexer als Volkszugehörigkeit und Rasse erklären können) anzuerkennen, sind das Problem. Andere auf das zu reduzieren, was man selbst zu wissen meint, ist das Problem. Du hast die Typen in der Nacht gesehen. Diese marmor-äugigen, gehirngewaschenen, entsetzlichen Mörder-Arschlöcher, die nicht mehr in der Lage waren, ein anderes menschliches Gesicht zu erkennen. Alter, sei nicht so wie die. Lass' es. Tu' nicht so, als stündest du allein gegen diese schreckliche fundamentalistische Todeswelle. Denn das ist die Welt, in der wir jetzt leben, und wir sitzen alle in derselben Scheiße. Moslems und Araber mit dir. Ihnen droht der gleiche zufällige, dämliche Tod wie dir.

Rock'n'Roll ist Liebe, Alter. LIEBE. Guck' dich mal an: Du verbreitest Angst, Bruder. Versuch', in deinem Leben mehr die Person zu sein, die wir auf der Bühne lieben. Verbreite Liebe. Die echte Liebe, die Liebe, die durch Bärte und Hautfarben und religiösen Scheiß und Klamotten hindurch sieht. Die Art Liebe, die nicht nur eine Konzertmenge, sondern hoffentlich ein ganzes Land, die ganze Welt einen kann. Ich hoffe, du kapierst, wie falsch der Mist ist, den du verbreitest. Ich hoffe, du erkennst, dass das, was tu tust, falsch ist. "Es ist immer noch Zeit, eine andere Straße zu nehmen, als die, auf der du bist", Bruder. Led Zeppelins Worte.
Komm' zurück zum wahren Spirit des Rock'n'Roll, der besagt, dass eine gute Rockshow dafür sorgen sollte, dass du Sex haben oder dich prügeln willst. Nicht dafür, Werbung für einen fiesen konservativen Politiker zu machen."

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