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"Gutterdämmerung": Premiere in Berlin: Die Götter des Rock sind gekommen, euch zu holen

"Gutterdämmerung" versucht nicht weniger, als ein neues Filmgenre aufzumachen. Herausgekommen ist eine düstere Kreuzung aus "Footloose" und "Rocky Horror Picture Show". Allerdings mit weniger Humor, dafür mit Iggy Pop, Lemmy Kilmister und Henry Rollins.

Von Sophie Albers "Rollins" Ben Chamo

Olivia Vinall

Irgendwann muss die Blondine Drogen nehmen, damit der Film weitergehen kann

Von diesem Staraufgebot wird sich der Film nie erholen: Iggy Pop, Henry Rollins, Jesse Hughes und Josh Homme (Eagles of Death Metal), Grace Jones, Tom Araya (Slayer), Slash, Nina Hagen und natürlich Lemmy Kilmister. Eine Schlacht der Götter des Rock habe er auf die Leinwand bringen und zu einem einmaligen Erlebnis machen wollen, sagt denn auch der belgisch-schwedische Fotograf, Visual Artist und Regisseur von "Gutterdämmerung" Björn Tagemose.

Herausgekommen ist bei dieser Götter-Überdosis eine Metalrock-Oper, die behauptet, der "lauteste Stummfilm" aller Zeiten zu sein. Dabei reden die Leute dauernd. Aber das toleriert man gern angesichts der Heldendichte und Bilderwucht, die tatsächlich kräftig bei der Stummfilm-Ästhetik geborgt hat.

Guter Iggy, böser Iggy

Hier noch mal die Erlebnisanordnung: Eine Band spielt hinter einer Leinwand, auf der der Film läuft, vor der aber auch Musiker und ein Erzähler auftreten. Letzterer war bei der Deutschland-Premiere in Berlin am Freitagabend der grandiose ehemalige MTV-Superstar Ray Cokes, dessen Schlagfertigkeit auch sogleich die abgerauchte Technik retten musste. Aber dann ging es endlich los mit der Gitarre des Bösen, die ein mitfühlender Engel zu leichtbekleideten Mädchen auf die Erde schmeißt, weil diese doch "so gelangweilt" seien. Und schwups hat der geflügelte Iggy Pop plötzlich Hörner und böse schwarze Äuglein.

Iggy Pop ist nicht nur der böse Engel in "Gutterdämmerung"

Iggy Pop ist mehr als nur der böse Engel in "Gutterdämmerung"

Die Geschichte von "Gutterdämmerung" hat so ihre Aussetzer, aber offensichtlich geht es weniger um Kontinuität oder Logik als um die mal mehr, mal weniger überraschenden Auftritte der persönlichen Helden (Szenenapplaus erwünscht), um die Songs (Nostalgie macht glücklich) und darum, von Lemmy im Nebel auf dem Panzer des Rock'n'Roll einfach umgehauen zu werden.

Deshalb ist der Irrweg, den die züchtige Blondine Juliette (Olivia Vinall) nehmen muss, um die Gitarre des Bösen in den Himmel zurück zu bringen, eben ein wilder Matsch aus "Alice im Wunderland", "Fantasia", "Quadrophenia", Footloose", der "Rocky Horror Picture Show" und sogar ein bisschen "Im Westen nichts Neues". Aber da ist sie schon auf Droge, es sei ihr verziehen. Immer wieder verblüffend ist der nonchalante Einsatz von Brutalität, aber die sind Metal-Fans wohl schon von ihren Plattencovern her gewohnt. Lacher sind dagegen leider die Ausnahme.

Und alle Fans brüllen "Evil!"

Lemmy Kilmister

Noch einmal Lemmy Kilmister sehen!

Mit Richard Wagners "Götterdämmerung" hat das alles - abgesehen vom Bombast und dem Wortwitz - übrigens nichts zu tun. Nur so viel: Der deutsche Komponist habe als erster erkannt, dass Musik auch visuell verkauft werden müsse, sagt Tagemose. Die Tonspur allein reiche nicht aus. Tagemose hat "Gutterdämmerung" ziemlich allein auf die Beine gestellt. "Wir sind von niemandem gekauft", sagt er stolz. Und nach Familienliebe sieht das Ganze auch aus. Glücklich brüllen alle mit, wenn Henry Rollins die Gitarre des Bösen verdammt, an deren Existenz auf Erden sich der Kampf zwischen Himmel und Hölle entscheiden soll.

Und dann ist das Gitarrensolo auch schon wieder vorbei. 

"Gutterdämmerung" ist von nun an auf Tour. In Deutschland wird die Metalrock-Show am 28. Mai auf dem Festival Rockavaria in München zu sehen sein. Danach geht es weiter unter anderem nach Großbritannien und Frankreich.