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stern-Fotoreportage

Rumänien: Unter dem Asphalt - Das Leben der Ausgestoßenen in Bukarest

Die Ausgestoßenen Bukarests leben in Heizungstunneln unter der rumänischen Hauptstadt. Ein Fotograf will das Elend zeigen. Und findet vor allem: Gemeinschaft und Liebe.

Von Raphael Geiger (Text) und Massimo Branca (Fotos)

Bruce Lee setzt sich in Pose. Oben, auf den Straßen, ist er Drogendealer. Hier unten Seelsorger

Wir sollen hinschauen, sagt Massimo Branca, der Fotograf. Den Menschen, die ganz unten sind, ins Gesicht schauen. Er möchte gar nicht, dass wir schockiert sind. Neugierig sollen wir sein, wenn das Elend sich uns in den Weg stellt, auf Doppelseiten im stern oder bettelnd in der Fußgängerzone. Also: nicht vorbeigehen an Obdachlosen, auch nicht schnell 50 Cent in ihren Hut werfen. Nein, einen Obdachlosen mal auf einen Kaffee einladen und sich von ihm erzählen lassen. Und lernen, dass es vielleicht auch eine ganz andere Sicht aufs Leben gibt.

In den nächsten Minuten werden Sie erfahren, wer die Menschen auf diesen Fotos sind – zumindest zwei davon. Es wird um Fragen gehen: Was wir für ein gutes Leben halten, wäre das auch gut für die Menschen in einem Heizungsschacht in Rumäniens Hauptstadt Bukarest? Müssen die wollen, was wir wollen? Müssen die überleben, wenn sie sterben wollen?

Muss Catalina nicht raus aus diesem Tunnel, diesem Leben, und dringend in eine Entzugsklinik, weil sie dann vielleicht noch eine Chance hat? Vielleicht würde sie 30 werden oder 40, vielleicht in eine Wohnung ziehen mit einem eigenen Bad, wo sie nur für sich wäre, einfach mal allein.

Catalina verstört. Massimo Branca, der italienische Fotograf, begegnete ihr damals in einem dieser Tunnel, in dieser anderen Welt im Untergrund unter Bukarest. Catalina ist drogenabhängig, und sie ist HIV-positiv. Sie hat schon zwei Zähne verloren. Sie hat Augen, die gleichzeitig schrecklich melancholisch schauen können und auf eine sonderbare Weise auch fröhlich.

Ihr Blick muss viele Jungen nicht mehr losgelassen haben. Catalinas Augen verzaubern, sie sind, als wäre sie ein Wesen von einem anderen Planeten.

Sie will schlafen und sich die Drogen abgewöhnen

Sie liegt tagelang inmitten ihrer Untergrund-Familie, und sie versucht es ein letztes Mal: aufhören. Sie will schlafen und sich die Drogen abgewöhnen, die sie sonst mehrmals am Tag braucht.

Branca sieht in Catalina, was für ihn diesen Ort ausmacht. Wer in diesen Tunnel kommt oder wer Brancas Fotos sieht, der möchte Catalina herausholen. Sie retten. Aber Catalina will das nicht. Teenager, denken wir – also wir anderen, die nicht in einem Heizungstunnel leben –, sollten mit dem Leben gerade erst anfangen. Für Catalina sind die Teenagerjahre ihr Leben. Sie ist erwachsener als andere, schon immer, sie hat einfach ein paar Umdrehungen schneller gelebt.

Catalina war ihren Eltern zu viel, als sie auf die Welt kam, das war kurz nach dem Ende der Ceausescu-Diktatur, kurz nach der Wende. Catalina war kein Waisenkind, ihre Eltern konnten sie sich nur nicht leisten. Also kam sie zu den echten Waisen, in ein Kinderheim, und die waren bald viel mehr ihre Familie als ihre biologische. Sie lernte sich Essen zu organisieren. Sich Dinge zu nehmen, wenn einem die Welt schon nichts geben will. Später, als ihre Eltern Catalina doch aufnahmen, kam sie denen wild vor. Nicht erziehbar. Da muss ganz früh etwas kaputtgegangen sein in Catalina. Niemand will mich, muss sich das Kindergehirn gedacht haben, na gut, ich komm durch, wenn es sein muss, allein.

Einmal ketteten sie Catalina an einen Baum, damit sie nicht mehr weglief. Sie war das Kind ihrer Eltern, aber die waren ihr fremd und sie ihnen. Was ist los mit dir? – Was ist los mit euch?

Die wilde Catalina lief wieder und wieder weg, kam irgendwann wieder in ein Heim, lebte rasend schnell, erst Jungen, dann Drogen, dann Gedanken.

In Bukarest, der rumänischen Metropole, hatte der Diktator Ceausescu ein Tunnelsystem verlegen lassen, durch das er die Stadt beheizen lassen wollte. In die Tunnel zogen bald nach seinem Sturz die ersten Obdachlosen. Damals war da ein Vakuum: Der junge Staat war überfordert mit einer neuen Masse an Arbeitslosen. Mit Leuten aus dem ganzen Land, die nichts mehr zu tun und so gut wie nichts zu verlieren hatten.

Am Rand Europas wurde der Kapitalismus eingeführt, und jahrelang passierte: nichts. Es wurde nur immer schlimmer. Das große Versprechen, westlicher Wohlstand, ließ auf sich warten.

Ein junger Mann vom Land nannte sich Bruce Lee, als er in Bukarest aufschlug. Lee war, wie Catalina, als Baby von seinen Eltern abgegeben worden. Er war eigentlich immer auf sich gestellt. Er hatte immer mindestens ein Dutzend Hunde um sich, und er trug so viele Kilo Eisenketten und Schlüssel am Körper, dass man ihn immer schon hörte, bevor er ums Eck bog.

Vielleicht wäre er Pfarrer geworden, in einem anderen Leben, oder Präsident. Die Menschen hörten auf ihn, die Menschen, die nach der Wende in die Tunnel gezogen waren. Und Bruce Lee meinte es, im Gegensatz zu den anderen Dealern, gut mit den Menschen.

Er ließ die Jungen aus den Tunneln arbeiten: Mülltonnen durchsuchen, Wände streichen, und er bezahlte sie dafür. Er kaufte Tomaten und Hähnchen, dazu kochten sie gemeinsam Rührei. Massimo Branca, der Fotograf, betrat den Tunnel und war überrascht von der Wärme, dem Duft von frisch Gekochtem und auch vom Licht, das Bruce Lee von Generatoren erzeugen ließ. Branca kam immer wieder zurück, über zwei Jahre hinweg, mehr als neun Monate verbrachte er in Bukarest.

"Du kommst in guter Absicht", sagte Bruce Lee, "sei uns willkommen." Lee war ein gläubiger Mann, er sprach wie ein Seelsorger. "Ich bringe Licht dorthin, wo sonst Dunkelheit herrscht", so redete er.

Sie fühlt, dass es mit ihr zu Ende geht,

Bruce Lee wollte etwas. Das unterschied ihn von den anderen, die hatten ihr Schicksal angenommen. Bruce Lee ließ ein Badezimmer bauen. Er erfand im Tunnel so etwas wie Gemütlichkeit, Komfort. Er, der immer verlassen gewesen war, immer verloren, bereitete den anderen ein Nest. Einen Fernseher stellte er auf. "Er benahm sich", sagt Branca, "wie ein urbaner Ureinwohner, der im Dschungel der Großstadt findet, was er braucht."

Ein Nest für Monate, vielleicht Jahre. Die Lebenserwartung ist niedrig. Catalina weiß das. Sie fühlt, dass es mit ihr zu Ende geht, sie lebt geradezu hin auf ihren Tod. Irgendwann, als Branca gerade nicht in Rumänien ist, bricht sie ihren Entzug ab und spritzt sich wieder Drogen. In einer Notiz an Branca schreibt sie, dass sie sich aufgegeben hat. "Ich bin abhängig und werde es immer bleiben, so ist es eben. Das ist mein Schicksal."

Die Polizei hat inzwischen fast alle verhaftet, die auf diesen Bildern zu sehen sind. Die Medienberichte über den Untergrund von Bukarest wurden der Regierung offenbar zu viel. Sie wollte einschreiten gegen diese andere fremde Welt unter der Hauptstadt, sie wollte Kriminalität bekämpfen und das Elend beenden. Bruce Lee sitzt heute im Gefängnis, verurteilt als Drogendealer, als Kopf einer kriminellen Bande.

Zuvor hat er den Menschen im Untergrund von Bukarest ihre beste Zeit geschenkt. Elend war es weiterhin, aber Lee gab ihnen eine Art von Würde, die Menschen brauchen, egal, ob oben in einer Eigentumswohnung oder unten im Heizungskeller: eine Menschenwürde. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlten sie sich nicht überflüssig.

Bruce Lee hörte ihnen zu, er ließ sie an seinem Leben teilhaben. Er gab ihnen nur ein bisschen Geld, nicht viel, aber er ließ sich ein auf sie. In dem Tunnel wird vielleicht öfter geweint als oben in unserer Welt, es wird aber auch öfter gelacht. Alles ist intensiver. Alles passiert öfter. Die Menschen, denen das Leben jeden Tag entgegenschlägt wie eine Faust ins Gesicht, sie scheinen weniger Angst zu haben. Sie erwarten nichts von dem, was wir erwarten: das nächste Gehalt, den nächsten Urlaub. Sie fürchten sich aber auch nicht, wovor wir uns fürchten. Sie verdrängen den Tod nicht. Sie akzeptieren ihn.

Catalina war 18, als sie sich von einer Nadel eine Infektion holte, die in ihr Gehirn wanderte. Zwei Tage lang lag sie im Koma, dann wollte ihr Herz nicht mehr schlagen.

Kindesunterhalt für volljähriges Kind ohne Zielstrebigkeit
Mein Kind ist 19 Jahre alt und lebt im Haushalt der Mutter. Es hat im Juli 2017 seine Schule nach der 10. Klasse dann mit Hauptschulabschluss verlassen. Danach wollte es auf einer Berfsfachschule Einzelhandel seinen Realschulabschluss nachholen (2 Jahre). Es besuchte die Schule im ersten Halbjahr nicht wirklich regelmäßig und im zweiten Halbjahr dann so gut wie gar nicht mehr. (zum Ende hin, ist es gar nicht mehr zur Schule gegangen) Das notwendige zweite Jahr ging es dann gar nicht mehr an. Stattdessen hat es sich für ein freiwilliges Soziales Jahr beworben und geht hier mehr oder weniger regelmäßig hin. Nun möchte es das FSJ abbrechen und wieder seinen Realschulabschluss nachholen. Dies soll in Vollzeit an der Volkshochschule geschehen. Zwischendurch ist immer wieder die Rede von verschiedenen Ausbildungen. Ein wirkliches Konzept, oder Interesse ist aber auch hier nicht erkennbar. Mal kommt es mit dem Berufswunsch Tierarzthelfer/In, mal mit Immobilienkaufmann/-Frau, oder Ähnlichem. Informationen über freie Stellen, oder Inhalte des Berufs und der Ausbildung können nicht genannt werden. Bei laufenden Bewerbungen am Ball zu bleiben liegt ihm auch nicht wirklich. Hab die Bewerbung ja hingeschickt, damit soll es dann auch gut sein. Langsam drängt sich mir der Verdacht auf, es sucht sich den bequemsten Weg heraus und verlässt sich auf meine nicht unerheblichen Unterhaltszahlungen. Frei nach dem Motto: Was soll ich mich kümmern, Väterchen muss ja zahlen, solange ich Schule oder Ausbildung mache. Um meinem Kind Anreize zu geben, endlich Zielstrebigkeit zu entwickeln, habe ich schon über die Kürzung bzw. Einstellung des Unterhals nachgedacht. Wie verhält sich das rechtlich, bzw. was kann ich tun?