Der Fall Ermyas M. Angeklagte zeigen Opfer an


Ermyas M. war im vergangenen Jahr in Potsdam brutal zusammengeschlagen worden. Die beiden Tatverdächtigen, die derzeit vor Gericht stehen, haben jetzt ihrerseits den Deutsch-Äthiopier angezeigt. Grund: Ein Interview des Opfers.
Von Gerhard Richter

"Wenn ich ehrlich bin. Die beiden waren das. Für mich ist es definitiv", hatte Ermyas M. auf eine entsprechende Frage von Moderator Günther Jauch in der Sendung stern TV geantwortet. Die beiden Angeklagten Björn L. (30) und Thomas M. (31), die wegen schwerer Körperverletzung bzw. unterlassener Hilfeleistung derzeit vor dem Potsdamer Landgericht stehen, haben nun das Opfer angezeigt. Wegen Verleumdung und Verdacht der falschen Verdächtigung. Sie bestreiten seit Prozessbeginn, den farbigen Familienvater an einer Straßenbahnhaltestelle in Potsdam mit einem Faustschlag schwer verletzt zu haben.

Abweichend vom Interview konnte Ermyas M. bei seiner Aussage vor Gericht allerdings zu den Tätern nichts sagen, weil ihm nach der schweren Kopfverletzung und einem 10tägigen künstlichen Koma immer noch jede Erinnerung an die Tat fehlt.

Auf Erklärung gewartet

"Wir hatten gehofft, dass Herr M. im Lauf des Prozesses mal erklärt, dass das nur sein Glaube oder sein Wunschdenken ist", sagte Sven-Oliver Mielke, der Verteidiger von Thomas M. zu der Schuldzuweisung bei stern-TV.

In einer vierseitigen Erklärung holte die Verteidigung heute am ersten Verhandlungstag nach der zweiwöchigen Osterpause zu einem Rundumschlag aus. Björn L.s Verteidiger Karsten Beckmann nannte die Anklageschrift "verkorkst" und warf der Staatsanwaltschaft vor, den Prozess durch immer neue Zeugenladungen unnötig in die Länge zu ziehen und entlastende Aussagen zu ignorieren. Seit Prozessbeginn Anfang Februar wurden mehr als 50 Zeugen gehört, die zum Teil widersprüchliche Aussagen über den Tatablauf lieferten.

Staatsanwalt nennt Verteidigung "unprofessionell"

Der Staatsanwalt nannte die heutigen Vorwürfe der Verteidigung "unprofessionell". Der Vertreter der Nebenklage Thomas Zippel bezeichnete die Verleumdungs-Klage gegen seinen Mandanten als absurd. Er vermutet dahinter ein Ablenkungsmanöver vor den möglicherweise entscheidenden letzten Prozesstagen.

Das wichtigste Beweismittel wird Ende nächster Woche erwartet: In einem Stimmgutachten wird festgestellt, ob die Stimmen der Angeklagten mit den Stimmen der Tätern über einstimmen. Weil Ermyas M. kurz vor der Tat seine Ehefrau Steffi angerufen hatte, wurde der Streit mit den Tätern auf deren Handy-Mailbox mitgeschnitten.

Stimmvergleich entscheidet über Urteil

Dieser mit Spannung erwartete Stimmvergleich wird vermutlich über den Ausgang des Verfahrens entscheiden. Die Verteidigung rechnet mit Freisprüchen mangels Beweisen. Zu der Anzeige wegen Verleumdung wollte sich Ermyas M. heute nicht äußern. Nach der Urteilsverkündung ist er aber wieder zu Gast bei Günther Jauch in stern-TV.


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