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Presseschau zum Middelhoff-Urteil: "Von Reue keine Spur"

Die Verurteilung des Ex-Arcandor-Chefs Thomas Middelhoff ist für viele Beobachter seines Falls überraschend hart. Ist das Urteil gerecht? Darüber debattieren Journalisten und die Netzgemeinde.

Der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff ist am Freitag überraschend zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden. Ist dieses Urteil gerecht oder nicht? Darüber debattieren Journalisten und die Netzgemeinde.

Die Presse ist sich einig: Middelhoff ist sich keiner Schuld bewusst - und genau darin besteht seine größte Schuld. Lesen Sie die Kommentare zum Fall Middelhoff und dem Gerichtsurteil in der Presseschau.

Thüringische Landeszeitung

"Viele Menschen werden jetzt zufrieden sein, dass endlich mal wieder ein Exempel statuiert wurde an einem, den man zu den oberen Zehntausend rechnen kann. Doch was da vor Gericht in Essen verhandelt wurde, zeigt nicht nur, wie abgehoben man ohne echte Kritiker an der Spitze von Unternehmen mitunter werden kann. [...] Allein, es zeigt sich ein weiteres Problem: Das Versagen der Aufsichtsgremien im Unternehmen. "

Badische Neueste Nachrichten

"Zwar menschelt es nach wie vor überall, auch an der Spitze von Großkonzernen. Es ist aber beruhigend, dass sich der Zeitgeist verändert hat. Manager sind durch die öffentliche Diskussion und durch die Rechtsprechung sensibilisiert. Die Verquickung von Privatem und Dienstlichem vermeiden sie viel eher als früher. Etliche haben als angestellte Vorstände oder Geschäftsführer zudem kapiert, dass ihnen die anvertrauten Unternehmen nicht gehören."

Süddeutsche Zeitung

"Die Wahrheit des Thomas Middelhoff geht nicht selten haarscharf, bisweilen aber auch ziemlich weit an der Wirklichkeit vorbei. So ist es auch zu erklären, dass Middelhoff, als ihm die Staatsanwälte im Essener Verfahren konkret Privatflug für Privatflug als unrechtmäßig vorhielten, nicht versuchte, sie Punkt für Punkt zu widerlegen, Flug für Flug zu erklären, zu begründen, zu rechtfertigen. Er beschwor lieber stundenlang im Gerichtssaal das große Ganze. Die drohende Arcandor-Pleite, die er 24 Stunden am Tag verhindern musste. Die Welt der internationalen Hochfinanz, die nach ihren eigenen Regeln spielt und wo es ganz normal ist, zum Abendessen im Privatflieger nach New York zu chatten. Die Meetings mit Arcandor-Managern, die er nicht in einem Essener Tagungsraum, sondern mondän in St. Tropez abhielt. Das große Ganze des Thomas Middelhoff gegen die kleinkrämerische, typisch deutsche Paragrafenreiterei. So sah er das wohl bis zum für ihn bitteren Ende."

Weser-Kurier

"Die deutsche Volksseele kann nicht nur vor Wut kochen, sie kann sich auch ergötzen. Kollektive Freude, nämlich Schadenfreude, gilt meist dem tiefen Fall von Überfliegern, Bonzen, Großmäulern und Moralaposteln. Ob die Pleite, eine Haftstrafe oder beides - wenn einer von 'denen da oben' vom Schicksal oder einem Gericht an den Hammelbeinen gepackt und geerdet wird, scheint für ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt zu sein. Willkommen also, Thomas Middelhoff, in der Galerie, in der man neben seinem Sockel hockt, wie Uli Hoeneß, Bernie Madoff oder Karl-Theodor zu Guttenberg."

Stuttgarter Zeitung

"Das Gericht hat den Schaden, den Middelhoff Arcandor zugefügt hat, auf 500.000 Euro beziffert. Das ist zwar viel Geld, steht aber in keinem Verhältnis zu dem Schaden, den der Manager anderweitig angerichtet hat. Ob er je für die Pleite des Konzerns zur Verantwortung gezogen werden kann, steht in den Sternen. Das ist in Deutschland fast unmöglich, wenn der Chef nicht vorsätzlich gehandelt hat, was selbst Middelhoff niemand unterstellt. Fälle wie dieser offenbaren, dass es hier eine Gesetzeslücke gibt."

Neue Westfälische

"Thomas Middelhoff war 'Big T', der Mann, der Bertelsmann in einem Jahr so viel Gewinn bescherte, wie der Konzern in allen Jahren nach dem Krieg insgesamt nicht gemacht hatte. Der Bertelsmann fit fürs nächste Jahrtausend gemacht hat. Und dann von Nachkriegsgründer Reinhard Mohn aus der Firma gekegelt wurde. Middelhoff war der Mann, der als der Retter von Karstadt gefeiert wurde, als er sich aus dem Aufsichtsrat in den Vorstand locken ließ. Wie sich später herausstellte, wurde er zu früh gefeiert. Middelhoff ging ein halbes Jahr vor der Insolvenz. [...]

So lange, wie Thomas Middelhoff erfolgreich war, hat kein Huhn und kein Hahn danach gekräht, ob der Manager per Hubschrauber einen Stau umflogen hat oder Geld für eine Festschrift dem Arcandor-Konzern in Rechnung stellte."

Schwäbische Zeitung

"Thomas Middelhoff hat sich seine Misere selbst eingebrockt. Während Arcandor in die Pleite schlitterte, hielt es der sonnengebräunte und gut bezahlte Manager für angemessen, mit dem Helikopter auf Kosten des Hauses ins Büro zu fliegen . Doch es ist nicht Middelhoff allein, der hier am Pranger steht. Er steht dort stellvertretend für eine gierige Managerriege und bekommt die Schadenfreude des Mobs zu spüren.

Das ist gegenüber dem Menschen Middelhoff unfair. Denn sein Verhalten war zwar falsch, aber menschlich: Wer einmal über Macht verfügt - und sei es nur in kleinem Rahmen - fängt an, andere Maßstäbe für sich selbst anzulegen."

Westfalen-Blatt

"Welch eine Karriere: Thomas Middelhoff, genannt 'Big T.', einstmaliger Zampano der Medienwelt und Großfinanz - ein Häftling. Häme ist unangebracht, Mitleid ebenfalls. 'Ich fühle mich in meiner Würde und Ehre verletzt': Middelhoffs Schlusswort im Untreueprozess offenbart, wie sehr sich der Manager von gewöhnlichen Maßstäben entfernt hat."

Rheinische Post

"Nein, erwartet hat dieses Urteil gegen Thomas Middelhoff niemand. Selbst jene, die nicht mit einem Freispruch rechneten, müssen zugeben, dass sie allenfalls eine Bewährungs- und/oder Geldstrafe auf dem Schirm hatten. Jetzt muss Middelhoff in Haft - wenn das Urteil rechtskräftig wird. Eine gerechte Entscheidung. Hohn und Spott für einen Mann, der tief gefallen ist, sind fehl am Platz. Stattdessen mag man darüber streiten, ob selbst bei zwei Fällen von schwerer Untreue nicht doch eine Bewährungsstrafe möglich gewesen wäre. Schließlich galt Middelhoff bis zu diesem Verfahren als unbescholtener Bürger, und seine Sozialprognose dürfte auch nicht gerade die eines Wiederholungstäters sein."

Mitteldeutsche Zeitung

"Jetzt ist Middelhoff entzaubert. Man muss kein Mitleid mit ihm haben. Selbst wenn man konstatieren mag, dass er die Bodenhaftung verloren hat. Doch letztlich hat Big T. selbst den Beweis dafür angetreten, wie schnell ein Fehler alles außer Kontrolle geraten lässt. Middelhoff hat sein gesamtes Privatvermögen einem Vermögensverwalter namens Josef Esch anvertraut. Ohne diesen zuvor auf Herz und Nieren zu prüfen - und trug Schaden davon. Das ist kein Anlass zur Schadenfreude. Sondern zu der Erkenntnis, dass es auch unter hochbezahlten Managern keine Wunderkinder gibt."

Frankfurter Rundschau

"Der Vorsitzende Richter am Landgericht Essen hat gegen Thomas Middelhoff noch im Gerichtssaal Haftbefehl wegen Fluchtgefahr erlassen. Das ist bemerkenswert. Denn kein anderer Begriff scheint die Person Middelhoffs so präzise zu bezeichnen wie Fluchtgefahr. Zum Leben Middelhoffs gehörte das hektische Hin und Her zwischen Kontinenten, Ländern, Städten - und die Flucht aus der Verantwortung. In seinem Schlusswort hat Middelhoff beteuert: 'Ich kann mir kein Fehlverhalten vorwerfen.' Vermutlich kann er das wirklich nicht. Eben das ist das Problem."

Südwest Presse

"Tiefer kann ein Mann nicht fallen, der den Prozess erklärtermaßen dazu nutzen wollte, seine verlorene Ehre wieder herzustellen. Besonders, wenn das Gericht zu Tage fördert, wie großspurig, dekadent und nicht zwischen Arbeit und Vergnügen unterscheidend er sich verhielt. Hatte er jedes Maß verloren und fiel er seinem eigenen Lebensstil als 'Workaholic' zum Opfer? Doch überdies lautet der schwerste Vorwurf des Gerichts, sich in Vertuschung und Lügen verstrickt zu haben und nicht ehrlich gewesen zu sein. Der tiefe Fall Middelhoffs ist ein Beispiel dafür, wie Macht und Kritikunfähigkeit die Sicht auf die eigene Person verzerren."

Westdeutsche Zeitung

"Wegen Untreue und Steuerhinterziehung hat das Gericht Middelhoff zu drei Jahren Haft verurteilt. Das scheint überraschend hart, ist der Sache aber durchaus angemessen. Während die Verkäuferinnen bei Karstadt auf Teile ihres Gehaltes verzichten mussten, gönnte sich der Herr an der Spitze jede Menge Extravaganzen. [...]

Middelhoffs Verteidiger werden in Revision gehen. Ihr Mandant fühlt sich schließlich im Recht. Von Reue keine Spur. Ganz offensichtlich hat der Manager in den Jahren der Machtfülle jede Bodenhaftung verloren. Deshalb werden wir in nächster Zeit einen arroganten, uneinsichtigen Thomas M. vor Gericht erleben, der in Sachen Arcandor in mehreren Verfahren als Kläger, Beklagter und Zeuge auftreten muss. Da ist jemand ganz unten angekommen, ohne es zu merken."

Reaktionen auf Twitter

Auf Twitter äußerten sich die meisten Nutzer schadenfroh und gewohnt sarkastisch zu dem Fall.

jen