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Unglaubliche Lebensgeschichte: "Ich zog jeden Tag in den Krieg": John Corcoran - Der Lehrer, der nicht lesen konnte

John Corcoran konnte jahrzehntelang weder lesen noch schreiben. Und wurde Lehrer. Die unglaubliche Lebensgeschichte eines Kämpfers, der mit seinem Schicksal haderte und sein Handicap mit Hoffnung bezwang.

"Ich zog jeden Tag in den Krieg": John Corcoran, der Lehrer der nicht lesen konnte

"Niemand verdächtigt einen Lehrer, nicht lesen zu können", erzählt John Corcoran (Symbolbild)

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"Lieber Gott, lass mich wissen wie man liest, wenn ich aufwache", habe er als Kind an seiner Bettkante gefleht. Doch John Corcorans Stoßgebet wurde nicht erhört. Über Jahrzehnte haderte der Amerikaner mit seinem Schicksal, mogelte und schleimte und trickste sich durch seine Schullaufbahn und sein Erwachsenenleben - bis er sich schließlich in einer noch vertrackteren Situation wiederfand: Er wurde Lehrer. "Ich verließ die Höhle des Löwen", rekapituliert der heute 77-Jährige seine kurzweilige Erlösung mit dem College-Abschluss, "und begab mich wieder zurück, um den Löwen zu zähmen."

Heute erzählt Corcoran seine unglaubliche Geschichte, etwa der britischen BBC, um anderen Menschen Mut zu machen. Es ist eine Erzählung voller Wut, Trauer, Schuldgefühlen, Verzweiflung - und einem Happy End, das Hoffnung schenkt. 

"Er ist ein kluger Junge, er wird's kapieren" - "Aber ich kapierte es nicht"

John Corcoran wuchs in den 1940er-Jahren im US-Bundesstaat New Mexiko aufgewachsen ist - und glaubte, er könnte alles schaffen. "Meine Eltern sagten mir, ich sei ein Gewinner und für die ersten sechs Jahre meines Lebens glaubte ich ihnen", erinnert er sich. Bis er in der Schule in die zweite Klasse gekommen ist und er einen Fuß in die Höhle des Löwen gesetzt hat. Plötzlich ging es nicht mehr darum, still zu sitzen oder in der richtigen Reihe zu stehen - kurz: Disiziplin zu lernen - sondern Lesen und Schreiben. "Mir kam es so vor, als würde ich eine chinesische Zeitung aufschlagen - ich verstand nicht, was diese Zeilen zu bedeuten hatten", sagt der 77-Jährige über die Momente, in denen er zu lesen versuchte. Und scheiterte. Im Alter von sechs, sieben, acht Jahren habe er nicht gewusst, wie er sein Problem zu artikulieren habe.

Das war auch nicht wichtig. "Er ist ein kluger Junge, er wird's kapieren", hätte der Lehrer zu seinen Eltern gesagt. Immer wieder. Und er kam in die dritte Klasse. In die vierte Klasse. In die fünfte Klasse. "Aber ich kapierte es nicht." Und der Zug war irgendwie abgefahren.

Schlachtfeld: Schule

"Ich stand jeden Tag auf, zog mich an, ging zur Schule und gleichzeitig zog ich in den Krieg", erinnert er sich. "Ich hasste das Klassenzimmer. Und ich musste einen Weg finden zu überleben." Corcoran fand Wege: In der siebten Klasse randalierte er, packte mit Ach und Krach das Schuljahr. In der achten Klasse kroch er seinen Lehrern in den Hintern. Später ließ er andere seine Hausaufgaben oder sogar Tests schreiben - er war sehr beliebt. "Ich konnte meinen Namen und einige Wörter schreiben, an die ich mich erinnerte", so Corcoran, "aber ich habe nie jemandem gesagt, dass ich nicht lesen oder schreiben kann." Es funktionierte. Leider.

Denn als er an das College ging, drohte das Konstrukt zusammenzubrechen. Zumindest glaubte er das. "Wie sollte ich das packen?", fragte sich Corcoran. Streng genommen packte er es nicht - das taten andere für ihn. Mit Freunden besorgte er sich Kopien von bevorstehenden Klassenarbeiten oder ließ andere seine Tests schreiben, indem er Klausuren etwa durchs Klassenfenster durchreichte, lösen ließ und wieder in Empfang nahm.

"Ich hatte die rote Linie überschritten", meint der 77-Jährige. "Ich war nicht mehr nur ein Schüler, ich war ein Krimineller." In seiner Verzweiflung griff er zu drastischen Mitteln, jeder Grenzüberschreitung folgten noch krassere Maßnahmen - nur, um das laufende Schuljahr zu packen und nicht aufzufliegen. Auch, wenn er dafür im Büro seiner Lehrer einbrechen musste, um an die kommenden Klassenarbeiten zu kommen. "Ich fühlte mich ziemlich gut, weil ich mir so clever vorkam. Aber wenn ich mich in mein Bett gelegt habe, fing ich an zu wimmern wie ein Baby."

Warum fragte er nicht nach Hilfe? Beendete das Katz-und-Maus-Spiel? Gestand sich ein, nicht lesen und schreiben zu können - und nahm diese Herausforderung endlich in Angriff? "Weil ich nicht daran glaubte, dass es mir irgendjemand beibringen kann", so Corcoran. "Das war mein Geheimnis und ich beschützte dieses Geheimnis." Er packte den College-Abschluss, auf Biegen und Brechen. Dieses Problem war aus der Welt, das andere nicht: "Vielleicht durch Osmose, vielleicht durch Beten, vielleicht durch ein Wunder würde ich eines Tages lernen zu lesen", schoss es ihm damals durch den Kopf. 

"Niemand verdächtigt einen Lehrer, nicht lesen zu können"

Ob Wink oder Ironie des Schicksals - das konnte Corcoran damals nicht sagen, als ihm nach seinem College-Abschluss aufgrund des Lehrermangels in den 1960er-Jahren ein Job als Lehrer angeboten wurde. "Es war das Unlogischte, was man sich nur vorstellen konnte - Ich habe die Höhle der Löwen verlassen, und begab mich wieder zurück, um den Löwen zu zähmen." Aber warum? Nun ja: "Lehrer zu sein schien ein guter Beruf zu sein, um sich zu verstecken", so Corcoran. "Niemand verdächtigt einen Lehrer, nicht lesen zu können."

Und so unterrichtete er alles und nichts: Sport, Sozialwissenschaften und sogar das Schreiben an einer Schreibmaschine. "Ich konnte 65 Wörter pro Minute abtippen aber ich wusste nicht, was ich da schrieb", erinnert er sich. "Ich habe niemals an die Tafel geschrieben, eigentlich gab es nie ein geschriebenes Wort in meinem Klassenzimmer. Wir haben viele Filme gesehen und viel diskutiert." Und so schlug sich Corcoran trotz seines Handikaps weiter durch. Seinen Plan B, sollte er doch erwischt werden, musste er zum Glück nicht ausrollen: "Ich wäre zwei Schritte gegangen, hätte mir an die Brust gefasst, mich auf den Boden fallen lassen und gehofft, dass jemand den Notruf wählt." 

Die Beichte ...

Es dauerte letztlich Jahrzehnte, bis sich Corcoran jemanden anvertraute. Seiner Frau. Er war längst Lehrer, als er heiratete - und er war mit seiner ersten Beichte schlichtweg überfordert. "Ich habe vor dem Spiegel geübt: 'Cathy, ich kann nicht lesen.'" Eines Abends sprach er die vorbereiteten Worte, beinahe beiläufig, als sie auf der Couch saßen.

"Aber sie verstand nicht wirklich, was ich sagte. Sie dachte, dass ich einfach nicht viel lese. Liebe ist blind und taub."

Erst ein Kind und Jahre später habe sie es verstanden, als er der gemeinsamen Tochter ein Kinderbuch vorgelesen hatte. Oder es versuchte: "Du liest es nicht wie Mama", habe die Dreijährige gesagt - und Mama hat es gehört. 

Cathy Corcoran sagte nichts. Vielleicht, um ihren Mann nicht zu verletzen oder weiter zu entmutigen. Sie akzeptierte es, stillschweigend. Und half, wo sie konnte. "Ich habe von 1961 bis 1978 an der High School unterrichtet. Acht Jahre, nachdem ich meinen Lehrerjob aufgegeben hatte, hat sich endlich etwas verändert." 

... und der Befreiungsschlag

Der Befreiungsschlag kam mit Barbara Bush. John Corcoran war 47 Jahre alt - und er fühlte sich zum ersten Mal verstanden. Im Fernsehen sprach die frühere First Lady über Analphabetismus unter Erwachsenen. "Ich habe noch nie jemanden darüber reden gehört, ich dachte ich wäre die einzige Person auf der Welt, die in dieser Situation ist", erinnert sich Corcoran an diesen Moment.

Es war der Moment, in dem er bereit war, sich helfen zu lassen. Eines Tages ging er in eine Bibliothek und fragte nach einer Frau, die dort ein Analphabetismus-Programm anbot. "Das war die zweite Person in meinem Erwachsenenleben, der ich mich anvertraut habe."

Er schwärmt von der 65-Jährigen, die keine Lehrerin war und "einfach nur jemand, der es liebte zu lesen und dachte, dass nicht irgendjemand durchs Leben gehen sollte, ohne zu wissen wie." Als erste Maßnahme sollte Corcoran Dinge aufschreiben, die ihn durch den Kopf gingen - etwas, das er nie zuvor getan hatte. Er konnte es nicht. "Das erste was ich schrieb war ein Gedicht über meine Gefühle", erinnert er sich. "Für ein Gedicht musst du nicht wissen, was einen vollständigen Satz bildet, und du musst nicht in vollständigen Sätzen schreiben."

John Corcoran lernte lesen und schreiben, nach all den Jahren. Und seine Tutorin ermutigte ihn, seine Erfahrungen - und diese eigentlich unglaubliche Geschichte - an die größere Öffentlichkeit zu bringen. Nach langem Hin-und-her überwand er sich und tingelte durch zahlreiche US-Talkshows und -Nachrichtensender. "Für viele war es unangenehm von einem Lehrer zu hören, der nicht lesen konnte. Manche sagten es sei unmöglich und ich hätte mir die Geschichte ausgedacht."

Doch: "Ich wollte die Menschen wissen lassen, dass es Hoffnung und eine Lösung gibt. Wir sind nicht 'dumm', wir können lernen zu lesen, es ist niemals zu spät." Für 48 Jahre habe er im Dunkeln gelebt. "Aber ich habe endlich meinen Geist der Vergangenheit begraben."

Lehrerin
fs
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