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Die Bergleute aus Chile Hollywood wartet schon


Der Filmtitel soll schon feststehen: Hollywood hat nur gewartet auf Helden wie die chilenischen Bergleute. Die Männer, die so viel Geduld gebraucht haben, werden jetzt rasant vermarktet.
Von Katharina Miklis

Im Land der Telenovelas ist es das wahre Leben, das die beste Quote macht: Millionen Menschen sitzen vor dem Fernseher, als Víctor Zamora Bugueño, einer der verschütteten Bergarbeiter in Chile, die Erdoberfläche erreicht. Der 33-Jährige ist der 14. Kumpel, der gerettet wird. Unter Tage hat er Gedichte geschrieben, die die Chilenen zu Tränen gerührt haben. Jetzt liegt er minutenlang weinend in den Armen seiner Frau.

Die ganze Welt nimmt Teil an dem Schicksal von 33 Bergleuten, wie es kein Telenovela-Autor hätte erfinden können. Es geht um Liebe, es geht um Herzschmerz, Tod und Hoffnung. Über 1600 Journalisten im Rettungslager Esperanza in Chile haben die verschütteten Männer in der Welt bekannt gemacht. Sie wurden von Kumpel zu Stars. Und weil nicht nur Víctor Zamora Bugueño rührende Geschichten verspricht, geht der Rummel um die Männer jetzt wohl erst richtig los.

Was es bedeutet, ein Star zu sein, wird den Arbeitern spätestens bewusst werden, wenn sie in zwei bis drei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden. Das Interesse an den Überlebenden des Grubenunglücks ist immens. Längst hat der Wettlauf um die Sicherung der Film-, Fernseh- und Buchrechte begonnen. Die Story um das Minendrama könnte Hollywood-Produzenten Hunderttausende Dollar wert sein, berichtet das US-Branchenblatt "Broadcasting & Cable". Der spanische Filmstar Javier Bardem soll sogar schon als Wunschkandidat gehandelt werden, heißt es aus Hollywood. Und auch der Titel "Die 33" soll angeblich schon für eine Hollywood-Produktion gesichert sein. Nicht nur Film- und Buchverträge ehren die Helden. Präsident Piñera plant einen Empfang in seinem Palast in der Hauptstadt Santiago. Die Fußballclubs Manchester United und Real Madrid wollen die Arbeiter zu Spielen nach Europa einladen. Ein lokaler Geschäftsmann schenkte jedem der Geretteten umgehend 10.000 Dollar und Apple-Chef Steve Jobs ließ jedem einen iPod schicken.

"Sie können jetzt Karriere machen"

"Bitte behandelt uns nicht wie Künstler, behandelt mich wie einen Bergarbeiter", sagte Kumpel Mario Sepúlveda am Mittwoch, als er nach 68 Tagen in 700 Meter Tiefe wieder an die Erdoberfläche gelangt war. Doch Sepúlveda kann sich nicht gegen die Euphorie des Landes wehren: Er ist kein Bergarbeiter mehr, er ist ein Held. Sein Leben von früher ist Vergangenheit, weiß Enrique Chía, Psychologe an der Katholischen Universität von Chile. Er rät den Männern, den kurzen Ruhm zu nutzen und Kapital daraus zu schlagen, um dann ein neues Lebensprojekt zu beginnen. "Sie können jetzt Karriere machen", weiß der chilenische Soziologe René Rios, der vermutet, dass der Rummel um die Bergleute spätestens in einem halben Jahr vorbei sei.

Möglichkeiten, den kurzen Ruhm zu nutzen, gibt es viele: Fernsehanstalten bieten zum Teil horrende Summen für Exklusivinterviews. Von bis zu 200.000 Euro ist die Rede. Laut einem chilenischen Zeitungsbericht hat auch eine deutsche TV-Talkshow eine hohe Summe geboten, um die Männer so schnell wie möglich im deutschen Fernsehen zu präsentieren. Das Team von Johannes B. Kerner dreht den Spieß erstmal um und berichtet heute Abend direkt aus Chile. Der britische "Telegraph" erzählt von einem Paar, das die Rechte an ihrer Hochzeit an ein Klatschmagazin verkaufen und dafür das Brautkleid und die Feier gesponsert bekommen will. Einige der Männer haben die berechtigte Hoffnung, dank geschickter Mediendeals nie wieder arbeiten zu müssen.

Nicht nur die telegenen Kumpel sollen profitieren

Für die Männer, die bisher um die 700 Euro im Monat verdient haben, sind Angebote wie diese natürlich verlockend. Vor allem da ihre Mine vermutlich in Konkurs gehen wird. Dem Elektriker Mario Sepúlveda, der es als zweiter geretteter Kumpel schon sehr früh zu internationaler Bekanntheit gebracht hat, liegen auch schon zahlreiche Einladungen zu TV-Shows vor. Dem wortgewandten Sprecher der Kumpel traut man sogar eine Zukunft als Talkmaster im Fernsehen zu. Damit nicht nur vereinzelte, telegene Kumpel das große Geld machen, haben die Arbeiter schon unter Tage einen Rechtsanwalt beauftragt, einen Vertrag zu entwerfen, der alle Männer von den Mediendeals profitieren lässt. Der Betrag, der aus dem Verkauf ihrer Geschichte erzielt wird, soll gerecht unter allen 33 aufgeteilt werden. Außerdem ist die Rede davon, eine Stiftung zu gründen, welche die Vermarktung der Rechte an Film- oder Buchprojekten organisieren soll.

Die Aufmerksamkeit der Medien ist eine der vielen Herausforderungen, der die Bergarbeiter sich nun stellen müssen. Ein Medientraining soll die Männer auf den Druck und ihre plötzliche Popularität vorbereiten. Allerdings sollten die 33 Helden von Chile nicht zu lange mit der Vermarktung ihrer Geschichte warten, raten Experten. In ein paar Wochen dürften die Summen, die derzeit geboten werden, nicht mehr so hoch sein.


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