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Luzern in der Schweiz: Eine 23-Jährige tötet ihre neugeborenen Zwillinge. Die Strafe: ein Jahr Gefängnis

"Wenn ich könnte, würde ich alles anders machen", sagt die heute 23-Jährige vor dem Luzerner Kriminalgericht. Die junge Frau hat vor vier Jahren ihre neugeborenen Zwillinge umgebracht. Aus Affekt, urteilt das Gericht.

Eine 23-Jährige tötet ihre neugeborenen Zwillinge. Die Strafe: ein Jahr Gefängnis

Eine 23-Jährige musste sich am Luzerner Kriminalgericht wegen vorsätzlicher Tötung und Tötung durch Unterlassung verantworten (Symbolbild)

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"Ich weiß es nicht" - diese vier Worte hört die Richterin am vergangenen Mittwoch oft. Hilflos, gar überfordert soll die Angeklagte gewirkt haben. Womöglich selbst fassungslos, wie sie vor dem Luzerner Kriminalgericht landen konnte. Denn, so erzählt es die 23-Jährige laut dem Online-Portal "Zentralplus" im Gerichtssaal: "Ich habe mich auf die Kinder gefreut." 

Erst im Laufe der Verhandlung soll sich den Zuhörern - wenn auch nur bedingt - erschließen, warum die Angeklagte ihre beiden Kinder getötet haben könnte.

Die heute 23-Jährige tötete im Jahr 2015, vor knapp vier Jahren, ihre neugeborenen Zwillinge. Ein Kind brachte sie zur Welt, bevor sie es im Keller ihrer Wohnung getötet und anschließend versteckt hat. Das andere Kind verstarb aufgrund der Erstgeburt noch im Mutterleib. Nun musste sich die Mutter wegen vorsätzlicher Tötung und wegen Tötung durch Unterlassung verantworten, wie "Zentralplus" und "Blick" berichten. Das Urteil: Drei Jahre Haft, ein Jahr davon im Gefängnis. Ein milder Schuldspruch? 

Das Dilemma

Zumindest nach Argumentation des Staatsanwaltes, der eine Haftstrafe von fünf bis 20 Jahren forderte. Sie habe die Kinder "entsorgt", statt einer Abtreibung "die günstigere Lösung" gewählt. Das Plädoyer folgte auf die Befragung der Angeklagten, die versuchte in Worte zu fassen, was und warum vor knapp vier Jahren passiert ist.

Laut der Angeklagten geht die Geschichte so, wie "Zentralplus" und "Blick" berichten: Der Kindsvater, ihr damaliger Freund, habe sie verlassen als er erfuhr, dass sie die Kinder nicht abgetrieben habe. Darüber hinaus verbiete sich für ihre Eltern sexueller Kontakt vor der Ehe. "Ich wüsste nicht, was passiert wäre, wenn ich meinen Eltern gesagt hätte, dass ich schwanger bin", zitiert "Zentralplus" die heute 23-Jährige. "Mein Vater war schon vor der Schwangerschaft gewalttätig." Dennoch habe sie sich entschieden, die Kinder zu behalten. "Ich habe gehofft, dass mein Ex-Freund zu mir zurückkehrt und wir zusammen wohnen können", schildert die Angeklagte vor den Zuschauern, "Ich habe mich auf die Kinder gefreut." Warum hat sie die Kinder trotzdem getötet?

Der Tathergang

Warum, wisse sie nicht mehr, soll sie laut "Zentralplus" unter Tränen gesagt haben. Vieles scheint verdrängt oder vergessen, offenbar auch das Motiv. Jedoch nicht der Tathergang. Die Angeklagte, damals im siebten Monat schwanger, erzählte, wie sie alleine einen der Zwillinge auf die Welt brachte - in der Badewanne. "Ich wusste nicht, wie eine Geburt abläuft. Ich füllte die Badewanne, als es anfing. Ich weiß heute nicht mehr, wie ich das geschafft habe", wird sie von "Blick" zitiert. Nur ein Youtube-Video habe bei der Geburt geholfen. Sie erzählte, wie sie die Nabelschnur mit einem Faden durchtrennt hätte. Und wie sie das Kind, aus Angst vor der Reaktion ihrer Eltern, unter ihren Klamotten versteckte. Sie sei zu ihrer Mutter gegangen und habe sich den Kellerschlüssel besorgt, schreibt "Blick".

Im Keller angekommen soll sie das Kind zwei Mal und mit Wucht gegen die Wand geschlagen haben. Das Kind verstirbt, der kleine Junge erleidet mehrfache Schädelbrüche und ein Schädel-Hirn-Trauma. Was sie dabei gefühlt habe? "Ich weiß es nicht", wird sie von "Blick" zitiert. Sie habe das tote Kind daraufhin in einem T-Shirt eingewickelt und in einem großen Teddybären versteckt. "Ich habe ihn einfach dorthin getan. Ich weiß nicht, was in meinem Kopf vorgegangen ist."

Rund 30 Stunden später habe sie ihr zweites Kind in der Badewanne zur Welt gebracht. Es ist durch die Erstgeburt schon im Mutterleib verstorben. Den leblosen Körper habe sie laut "Zentralplus" in ein Tuch eingewickelt und unter ihrem Bett versteckt, laut "Blick" sei das Kind in einem Wäschekorb in der Küche gefunden worden. Auch dieses Kind hätte noch leben können, argumentierte die Rechtsmedizin vor Gericht, hätte die Angeklagte nach der ersten Geburt das Krankenhaus aufgesucht. Vor Gericht muss sie sich in diesem Fall daher wegen Tötung durch Unterlassung verantworten. 

Das Urteil

Die Eltern hätten sie letztlich ins Krankenhaus gebracht, schreibt "Blick", nachdem die Angeklagte durch den hohen Blutverlust das Bewusstsein verloren habe. Dort sei die Polizei informiert worden, weil zwei Geburten festgestellt worden seien - auch wenn die Angeklagte das zunächst abgestritten habe. Nach mehreren Befragungen durch die Beamten hätte sie die Tötungen eingeräumt, schreibt "Zentralplus". Nach ihrer Behandlung sei die Angeklagte für 63 Tage in Untersuchungshaft gekommen, Psychiater hätten ihr laut "Blick" eine "Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion" attestiert. 

Ihr Verteidiger betonte vor Gericht den traumatisierten Zustand seiner Mandantin und die Notsituation, in der sie sich zum Tatzeitpunkt befunden habe. "Sie hatte keinen direkten Vorsatz", wird dieser von "Blick" zitiert. Er appellierte zudem, nicht auf den "Nachschaufehler" hereinzufallen, schreibt "Zentralplus". Gemeint: Die Tat sei aus dem Affekt heraus passiert, für die Angeklagte damals womöglich logisch gewesen - und vier Jahre später eben nicht mehr.

Vor der mehrstündigen Beratung des Gerichts habe die Angeklagte ihr Schlusswort unter Tränen gesagt: "Mir tut es sehr leid. Wenn ich könnte, würde ich alles anders machen."

Am Mittwochabend gab das Gericht sein Urteil bekannt: Eine Freiheitsstrafe von drei Jahren. Davon müsse sie mindestens ein Jahr im Gefängnis absitzen. Die restlichen Monate seien bedingt zu vollziehen. Das Gericht habe sein Urteil damit begründet, so "Zentralplus", dass die Angeklagte erst an besagtem Tag und nicht schon vor längerer Zeit die Entscheidung zur Tötung gefasst habe. Außerdem sei die Tat als Affekthandlung zu werten. Das Urteil ist noch nichts rechtkräftig.

Quellen: "Zentralplus", "Blick"

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fs
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