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Zeitumstellung: Warum uns die "ewige" Sommerzeit dicker, dümmer und schlecht gelaunt machen würde

Viermal stellen wir noch um, dann ist Schluss: Ab 2021 soll es keinen Wechsel mehr zwischen Sommer- und Winterzeit geben. Viele wünschen sich dann die ewige Sommerzeit. Fünf gute Gründe, die dagegen sprechen.

Zeitumstellung, Zeitverwirrung - Experten wollen keine Sommerzeit

Das jüngste ZDF-Politbarometer lieferte eine klare Zahl: 52 Prozent der Deutschen wünschen sich nach dem Ende der jährlichen Zeitumstellung ein Leben in der "ewigen" Sommerzeit. Beschlossen hat die EU bisher lediglich, dass die jährlichen Zeitumstellungen 2021 enden; offen ist, welche Zeit in den einzelnen EU-Staaten dann künftig über die gesamten zwölf Monate eines Jahres gelten soll. Für Deutschland wäre die Mitteleuropäische Zeit, kurz MEZ, die wir heute gerne als "Winterzeit" bezeichnen. Doch dahin will eine Mehrheit der Deutschen offenbar nicht zurück.

"Ewige Sommerzeit" - das klingt verlockend. Da denkt man an die schöne, warme Jahreszeit mit langen hellen Abendstunden. Aber Vorsicht: Wie sich die um eine Stunde "verschobene" Zeit im Winter auswirken würde, das ist vielen gar nicht bewusst - schließlich haben wir das bisher noch nicht erlebt. Experten fürchten jedenfalls zum Teil drastische Konsequenzen. Sie haben gute Gründe, um sich nachhaltig gegen die andauernde Sommerzeit und für die Winterzeit, also die MEZ, auszusprechen:

1. Winterzeit entspricht Schlaf-Wach-Rhythmus

Alfred Wiater, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin sagt: "Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten sind." Einfacher ausgedrückt: Die Winterzeit ist sozusagen unsere "Normalzeit", mit der die meisten von uns am besten zurechtkommen, sagen Chronobiologen wie Till Roenneberg von der Uni München.

2. Dunkelheit bis weit in den Vormittag - Schüler leiden

Im Sommer garantiert die Sommerzeit lange helle Abende, im Winter aber kehrt sich das um in lange dunkle Vormittage. Am kürzesten Tag des Jahres, dem Winteranfang am 22. Dezember, würde die Sonne beispielsweise in Frankurt/Main erst um 9.20 Uhr aufgehen, im hohen Norden sogar erst um 9.40 Uhr - es bliebe also bis weit in den Vormittag hinein dunkel. Leiden müssten darunter vor allem Schüler und Studenten, warnen Schlafforscher und Mediziner. Sie müssten bei dauernder Sommerzeit an deutlich mehr Tagen als jetzt im Dunkeln aufstehen. Noch einmal Till Roenneberg: "Je nach Wohnort haben sie sechs Wochen mehr dunkle Schulwege morgens."

3. Ewige Sommerzeit macht krank

Mehr Arbeit und Schule im Dunkeln ist nach Ansicht der Mediziner nicht nur lästig, unangenehm und für Schülerinnen und Schüler vielleicht sogar unzumutbar - nein, sie befürchten eine deutliche Zunahme gesundheitlicher Probleme. Denn mit der längeren Dunkelheit verbunden ist laut DGSM-Chef Wiater, dass wir später aufwachen und uns noch mehr als ohnehin schon durch Wecker aufwecken lassen müssen. Die Folge: "Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Despressionen, Schlaf- und Lernprobleme", so Till Roenneberg. Oder noch drastischer: "Das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger."

4. Sommerzeit erzeugt Schlafmangel

Schlaf-Mediziner sind mit der Sommerzeit schon jetzt nicht zufrieden. Wenn es abends länger hell ist, setze die Produktion des Schlafbotenstoffes Melatonin später ein. Die Folge: Man wird nicht rechtzeitig müde, muss aber morgens trotzdem früh aufstehen. Die Folge: "Mit der Zeit droht ein Schlafmangel - wir werden noch mehr zu einer chronisch unausgeschlafenen, übermüdeten Gesellschaft", so Schlafforscher Hans-Günter Weeß. Die langen hellen Abende genießen viele von uns dennoch.

5. Russland hat's probiert und wieder aufgeben

Dass die Befürchtungen offenbar keine Hirngespinste sind, hat sich in Russland gezeigt. Dort hatte der damalige Kreml-Chef Dmitiri Medwedew 2011 die dauernde Sommerzeit eingeführt. Die Folge: Die Menschen dort beschwerten sich in erster Linie darüber, dass es im Winter nun morgens länger dunkel blieb - wohl mit den beschriebenen medizinischen Folgen. Drei Jahre später kehrte das Land auf Beschluss von Medwedews Nachfolger Wladimir Putin wieder zur dauerhaften Winterzeit zurück - und erhöhte zudem die Anzahl der Zeitzonen im Land.

Es scheint, als steuere Deutschland auf einen Konflikt in der Zeitfrage zu. Noch bleiben zwei Jahre Zeit, um die Empfehlungen der Fachleute und die Wünsche der Mehrheit der Bevölkerung in Einklang zu bringen. Ob das gelingt? Die Zeit wird es zeigen.

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Quellen: DPA / "Stuttgarter Zeitung" / "Die Presse" / "Hannoversche Allgemeine"

dho