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Interview

Ende der Zeitumstellung: Schlafforscher im Interview: "Die dauerhafte Sommerzeit wäre die falsche Lösung"

Die EU-Kommission plant, die unbeliebte Zeitumstellung abzuschaffen. Der stern sprach mit einem Schlafforscher, ob das wirklich sinnvoll ist - und welche Normalzeit aus gesundheitlicher Sicht mehr Sinn macht: Winter- oder Sommerzeit?

Eine Frau stellt an einer Wanduhr die Zeit um

Das Ende einer Ära? Die Zeitumstellung soll nach Wunsch von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker abgeschafft werden

Getty Images

In einer Online-Umfrage konnten Menschen über die Zukunft der Zeitumstellung abstimmen. Die überwältigende Mehrheit sprach sich für eine Abschaffung aus. Was macht die Zeitumstellung so unbeliebt, Herr Dr. Weeß? Immerhin bleibt es dadurch im Sommer eine Stunde länger hell.

Dafür gibt es einen einfachen Grund: Die Zeitumstellung belastet uns. Das gilt besonders für die Umstellung im Frühjahr, wo uns eine Stunde geklaut wird. Streng gesagt muss man sagen: Es geht hier nicht nur um die eine Stunde. Unsere innere Uhr wird noch einmal um drei Wochen in den Winter zurückversetzt. 

Warum ist das so schlimm?

Unsere biologische Uhr orientiert sich am Hell-Dunkel-Rhythmus und unterscheidet sich von der sogenannten sozialen Zeit. Die bestimmt, wann wir zur Arbeit gehen oder unser Kind in die Schule schicken. Die Zeitumstellung bringt unsere innere Uhr durcheinander, die viele Prozesse im Körper beeinflusst – darunter unseren Herzschlag, den Hormonhaushalt, unseren Blutdruck oder auch kognitive Funktionen. Die soziale Zeit bleibt dagegen gleich. Heißt: Wir müssen auch im Sommer um Punkt acht Uhr im Büro erscheinen – obwohl wir gerne noch eine Stunde länger geschlafen hätten. Von dem her ist die Zeitumstellung keineswegs eine Lappalie – sondern ein tief greifender Eingriff in unsere Biologie. Insbesondere Babys, Kleinkinder und ältere Menschen tun sich schwer mit der Umstellung. Auch Menschen mit Schlafproblemen haben damit so ihre Probleme. Viele meiner Patienten haben regelrecht Angst vor jeder Umstellung, weil sie dann nicht nur ein, zwei Nächte schlecht schlafen, sondern mitunter Wochen. So lange bis sie wieder im Takt sind zwischen innerer und äußerer Uhr.

Der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker will die Zeitumstellung innerhalb der EU abschaffen. Seine Begründung: "Die Menschen wollen das, wir machen das". Was halten Sie als Schlafforscher von dieser Idee?

Grundsätzlich beurteile ich es als sehr positiv, dass wir dieses sinnlose Hin und Her aufgeben. Ursprünglich sollte die Zeitumstellung Energie einsparen. Aber das scheint nicht der Fall zu sein. Wir verbrauchen in der Sommerzeit am Abend zwar etwas weniger Strom für Licht. Aber dafür wird im Herbst und Winter morgens mehr geheizt. Es hat daher keine rationalen Gründe, dass wir unsere Biologie unnötig belasten.

Gegenüber dem ZDF deutete Juncker an, die Sommerzeit als neue "Normalzeit" einführen zu wollen. Die Mehrheit der Befragten hätte sich das so gewünscht. Wie beurteilen Sie den Vorschlag?

Die dauerhafte Sommerzeit wäre die falsche Lösung, fatal aus schlafmedizinischer Sicht. Damit wäre es abends zwar länger hell, was zunächst einmal gut klingt und lange, laue Sommerabende in Aussicht stellt. Es bedeutet aber auch: Die Produktion des Schlafbotenstoffs Melatonin setzt erst spät ein, und morgens müssen wir alle wieder früh raus, ins Büro oder in die Schule. Wir werden also abends nicht rechtzeitig müde, aber die soziale Zeit lässt uns nicht ausschlafen. Mit der Zeit droht ein Schlafmangel – wir werden noch mehr zu einer chronisch unausgeschlafenen, übermüdeten Gesellschaft. Ich kann aus schlafmedizinischer Sicht nur davor warnen, überall die Sommerzeit einzuführen. 

Was würden Sie der EU-Kommission raten?

Enge Rücksprachen mit Forschern und Wissenschaftlern. Meine Empfehlung wäre die Winterzeit, die der natürlichen Zeit entspricht und an den Hell-Dunkel-Rhythmus gekoppelt ist. Und wir müssen daran denken, dass wir im Vergleich zu vielen anderen EU-Ländern morgens sehr früh beginnen. Über 80 Prozent der Deutschen benötigen morgens einen Wecker. Das heißt: Der Schlaf ist noch nicht zu Ende. Wir beenden unser nächtliches Regenerations- und Reparaturprogramm vorzeitig. Das ist meiner Meinung nach auch ein Grund, warum sich so viele Deutsche an der Abstimmung beteiligt haben. Unsere sozialen und gesellschaftlichen Zeiten reiten uns ohnehin in ein Schlafdefizit hinein.

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