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Felssturz in Kairo: Slumbewohner graben nach Verschütteten

Nach einem Felssturz in einem Armenviertel der ägyptischen Hauptstadt Kairo suchen Rettungskräfte und Bewohner des Slums mit einfachsten Mitteln nach Verschütteten. Bislang wurden 47 Leichen geborgen. Doch dem Unglück der Slumbewohner stehen viele Ägypter gleichgültig gegenüber.

Am Fuße des Mokattam-Hügels in Kairo haben Rettungskräfte und verzweifelte Angehörige ihre Suche nach weiteren Überlebenden des Felssturzes fortgesetzt, der möglicherweise Hunderte von Menschen das Leben gekostet hat. Bislang wurden 47 Leichen geborgen. 48 Menschen seien verletzt worden, hieß es. Am Samstagmorgen waren von dem Hügel riesige Felsbrocken auf die Armensiedlung Manschiet Nasser gefallen. Etwa 35 Häuser und ebenso viele Hütten wurden unter den Gesteinsmassen begraben.

Der Gouverneur von Kairo, Abdelasim Wasir, die Gefahr durch Steinschlag an diesem Ort sei bekannt gewesen. Die Behörden hätten die Bewohner der Siedlung schon vor geraumer Zeit aufgefordert, ihre Häuser zu räumen und ihnen alternative Wohnungen angeboten. Von diesem Angebot hätten jedoch nur einige von ihnen Gebrauch gemacht.

"Warum tut denn keiner etwas?"

Nun graben sie mit bloßen Händen nach ihren verschollenen Kindern. Sie schreien die Polizisten an, die mit unbeteiligten Mienen neben ihnen stehen. Sie werfen mit Steinen auf Journalisten und heulen laut auf vor Schmerz. "Warum tut denn keiner etwas?", schreit ein junger Mann. An seinem staubigen nackten Oberkörper rinnt der Schweiß herab.

Die Menschen in dem Kairoer Armenviertel Manschiet Nasser sind verzweifelt und verstört. Für sie ist vor wenigen Stunden eine Welt zusammengestürzt - ihre eigene kleine Welt, errichtet aus billigen Backsteinen und Wellpappe, gebaut auf Land, das ihnen nicht gehört. In dieser Welt hatten sie sich notdürftig eingerichtet, bis ihnen die Felsbrocken auf den Kopf fielen. Das Verderben kam von oben, von einem Hügel, auf dem die ägyptische Mittelklasse in ordentlich verputzten Häusern wohnt, und wo arabische Immobilienfirmen Sportclubs und Villen errichten.

Die großen Probleme Ägyptens

Vordergründig sind nachlässige Ingenieure, träge Beamte und der sprichwörtliche ägyptische Fatalismus die Gründe für die Katastrophe am Fuße des Mokattam-Hügels. Doch, wenn man etwas tiefer unter den Trümmern gräbt, findet man dort die großen Probleme Ägyptens: Analphabetismus, rasantes Bevölkerungswachstum, Korruption und soziale Ungerechtigkeit.

Denn das Bruttoinlandsprodukt des bevölkerungsreichsten Landes der arabischen Welt ist zwar in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen. Ganz unten, bei den Menschen, die in illegalen Siedlungen hausen und von der Hand in den Mund leben, ist von diesem Segen aber nichts angekommen. Sie haben kein regelmäßiges Einkommen und leiden deshalb noch mehr als die anderen Ägypter unter den steigenden Lebensmittelpreisen. Und da auf den staatlichen ägyptischen Schulen inzwischen ohnehin nur noch diejenigen eine Chance haben, überhaupt etwas zu lernen, deren Eltern das Geld haben, die Lehrer ihrer Kinder für private Nachhilfestunden zu bezahlen, schicken viele ihren Nachwuchs nur so lange zum Unterricht, bis er alt genug ist, um als Bettler, Hilfsarbeiter, Taschentuchverkäufer oder Müllsammler zum Familieneinkommen beizutragen.

Zweimal im Jahr ausgehen

Da die Jugendlichen aus Manschiet Nasser kein Geld haben, um auszugehen, findet man sie normalerweise nicht in den Menschentrauben, die abends am Nil entlang drängen oder die Vergnügungsparks und Kinos bevölkern. Viele von ihnen ziehen nur zweimal pro Jahr mit ihren Freunden los: Zum Eid al-Fitr am Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan und zum islamischen Opferfest.

Dann ergießt sich aus den Armensiedlungen eine Welle von Menschen in den Kairoer Zoo. Die jungen Frauen aus der Mittelschicht wagen sich dann wegen des oft ungehobelten, aggressiven Benehmens der jungen Männer aus den Armensiedlungen nicht ohne männliche Begleitung auf die Straße. Deshalb blicken die bürgerlichen Ägypter nicht nur mit Mitleid auf die Bewohner der illegalen Siedlungen, sondern teilweise auch mit Ablehnung und Misstrauen.

"Aschwaijat" (willkürlich Entstandenes), werden Manschiet Nasser und die anderen illegalen Siedlungen im Großraum der 18-Millionen- Metropole Kairo genannt. Und Willkür ist auch ein wesentlicher Faktor im Leben der Bewohner dieser Siedlungen. In ihrem Leben gibt es keinen Plan, sondern nur gute oder schlechte Zufälle. Das nächste Unglück lauert oft schon hinter der nächsten Ecke. Zum Beispiel stehen die Häuser in Manschiet Nasser so dicht nebeneinander, dass sich an vielen Stellen kein Feuerwehrwagen hindurchzwängen könnte. Wenn es hier brennt, dann helfen nur noch Gartenschläuche und Gottvertrauen.

Anne-Beatrice Clasmann/DPA / DPA