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Erdbeben in Christchurch: "Aus den Trümmern dringen die Schreie der Eingeschlossenen"

Christchurch liegt in Trümmern: Ein Erdbeben mit der Stärke 6,3 erschütterte die Südinsel Neuseelands. Mindestens 65 Tote, unzählige verschüttete unter eingestürzten Häusern. Die Stadt befindet sich im Ausnahmezustand.

Vom Turm der über 100 Jahre alten Kathedrale von Christchurch ist nur ein Trümmerhaufen übrig geblieben. Die Ruine steht als trauriges Symbol der Verwüstung da, die das Erdbeben am Dienstag in der neuseeländischen Stadt angerichtet hat. Bis spät in der Nacht drangen die Schreie von Eingeschlossenen aus dem Trümmern, sagten Augenzeugen.

Als hätte die Abrissbirne zugeschlagen - so erlebte der australische Arzt David Malouf das Beben in einem Hotel. Die Deutsche Sabine Cook war im Auto unterwegs und fühlte sich "wie von einem Riesen gepackt - man verliert völlig die Gewalt". Schockiert erzählten Einwohner und Besucher von dem Moment am Dienstag um 12.51 Uhr Ortszeit, als der Boden so gewaltig wackelte.

"Das ganze Gebäude schwankte gewaltig, und der Lärm war unglaublich", sagte Malouf heimischen Medien. "Es war, als rausche ein Düsenjet vorbei." Cook sah die gewaltige Zerstörung mit eigenen Augen - zersplitterte Fensterscheiben, beschädigte Gebäude, schreiende Menschen auf der Straße. Sie hat die Nase voll. "Wenn wir die beiden Hunde nicht hätten, wären wir im ersten Flieger, sobald der Flughafen wieder aufmacht", sagte sie der Nachrichtenagentur dpa.

Pip Ramby überlebte den Horror, obwohl sie im 7. Stock war und das Bürogebäude um sie herum einstürzte. "Wir waren zu zehnt in einem Besprechungsraum, als es passierte", sagte sie Radio Neuseeland. "Zur Tür zu kommen war unmöglich, und wir verloren alle die Orientierung. Als es aufhörte zu wackeln und einer rausschaute, stellten wir fest, dass das Gebäude eingestürzt war. Wir waren praktisch im Erdgeschoss."

Tobi Emery entkam gleich zweimal, wie er im Fernsehen berichtete. Erst saß er sechs Stunden im eingestürzten Warteraum einer Arztpraxis fest, dann, kurz bevor die Rettung nahte, brach auch noch Feuer aus. Emery entkam trotz heftiger Rauchentwicklung gerade noch rechtzeitig.

Die Australierin Anne Voss hatte weniger Glück. Sie hechtete unter ihren Schreibtisch im schwer beschädigten Pyne-Gould-Gebäude, bevor die Decke ihres Büro einstürzte. Mit einer Hand bediente sie ihr Handy, rief zuerst den Sohn und dann den australischen Fernsehsender Seven an. "Ich bin eingeklemmt", sagte sie mit wackliger Stimme. "Ich kann die anderen schreien hören, aber ich komme nicht raus, ich kann mich kaum bewegen." Die Reporter versicherten ihr, Hilfe sei auf dem Weg. "Gott sei Dank", sagte Voss.

Im Fernsehgebäude waren am Abend vermutlich noch 50 Menschen eingeschlossen. Aus dem eingeknickten Gebäude riefen spät in der Nacht noch Eingeschlossenen und machten sich mit Klopfzeichen bemerkbar, sagten Augenzeugen. 200 Helfer waren dort im Einsatz, um ihnen zu helfen. Die Retter stellten sich auf grausame Funde ein: In der Nähe wurde bereits ein provisorisches Zelt zur Aufbahrung der Toten aufgestellt.

Große Sorge gab es um eine Gruppe japanischer Studenten, die in Christchurch in einer Cafeteria saßen, als das Erdbeben passierte. Neun wurden nach Berichten aus Japan gerettet, während zu zwölf Studenten kein Kontakt hergestellt werden konnte.

Noch in der Nacht sollten mehr als 50 Erdbeben erprobte Helfer mit Spürhunden in Christchurch eintreffen. "Hier kämpfen Menschen ums Überleben, aber es gibt auch viele, die ihr eigenes Leben für sie aufs Spiel setzen", sagte Bürgermeister Bob Parker. Für viele der eingeschlossenen Opfer sollte es eine lange Nacht im Ungewissen werden.

Ian Llewellyn, Sid Astbury und Christiane Oelrich, DPA / DPA