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Flüchtlingsporträts auf "HONY" "Bitte, tötet nicht meine Mutter, tötet mich dafür"


Täglich flüchten tausende Menschen nach Europa. Meistens verschwinden ihre tragischen Schicksale dabei hinter Zahlen und Nachrichten. Der Blog "Humans of New York" erzählt jetzt einige ihrer Geschichten.

Vor fünf Jahren hat der US-Fotograf Brandon Stanton den Blog "Humans of New York" ins Leben gerufen. Darin porträtiert Stanton normale New Yorker Bürger. Zu den Aufnahmen veröffentlicht er kurze oder längere Zitate der Menschen, in denen sie eine kleine Geschichte aus ihrem Leben erzählen oder sie geben in aller Kürze ihre Träume, Ideen, Wünsche, Vorhaben und Ansichten preis - die Aufnahmen entstehen spontan auf den Streifzügen des Fotografen durch die Stadt. Allein die Facebookseite des Blogs gefällt über 15 Millionen Menschen, auf Instagram folgen ihm knapp vier Millionen Menschen.

Jetzt hat sich Stanton nach dem gleichen Prinzip an ein anderes Thema herangewagt. Am 25. September teilte er auf Facebook mit, dass er durch Europa reisen wird, um Flüchltlinge zu porträtieren. Die ersten Fotos und die Geschichten dazu hat er bereits veröffentlicht: "Inmitten der aktuellen Migrationkrise gibt es Millionen unterschiedliche Gründe, sein Zuhause zu verlassen. Und es gibt eine Million unterschiedliche Nöte und Entbehrungen, denen die Flüchtlinge auf der Suche nach einem neuen Zuhause ausgesetzt sind", schreibt Stanton auf Facebook. Der stern zeigt einige der Geschichten, die Flüchtlinge Stanton erzählt haben.

*Eine Mutter erzählt von einem ihrer Söhne (Kos):

Ihr Sohn hatte Angst vor den Raketen, die in der Nähe ihres Hauses abgefeuert worden. Die Eltern erfanden Geschichten, um dem Jungen die Angst zu nehmen. Die Raketen würden uns nie erreichen, sagten sie. Eines Tages wartete der Junge in einer Schlange auf den Schulbus. Eine Rakete schlug vor ihnen in den Bus ein und tötete vor seinen Augen vier seiner Freunde.

Ein Mann mit einem jungen Mädchen auf Lesbos:

Der Mann wünscht sich, dass er mehr für das Mädchen hätte tun können. Sie hat nie eine richtige Kindheit erlebt. Ihr Leben war bisher ein einziger Überlebenskampf. Als der Mann und das Mädchen zusammen das Flüchtlingsboot besteigen, sagt sie einen Satz, der ihm das Herz bricht. Die Kleine sieht, wir ihre Mutter von der drängelnden Masse erdrückt wird. Sie schreit: " Bitte, tötet nicht meine Mutter, tötet mich dafür."

Eine Frau auf Kos erzählt vom Tod ihres Mannes. 

“My husband and I sold everything we had to afford the journey. We worked 15 hours a day in Turkey until we had enough money to leave. The smuggler put 152 of us on a boat. Once we saw the boat, many of us wanted to go back, but he told us that anyone who turned back would not get a refund. We had no choice. Both the lower compartment and the deck were filled with people. Waves began to come into the boat so the captain told everyone to throw their baggage into the sea. In the ocean we hit a rock, but the captain told us not to worry. Water began to come into the boat, but again he told us not to worry. We were in the lower compartment and it began to fill with water. It was too tight to move. Everyone began to scream. We were the last ones to get out alive. My husband pulled me out of the window. In the ocean, he took off his life jacket and gave it to a woman. We swam for as long as possible. After several hours he told me he that he was too tired to swim and that he was going to float on his back and rest. It was so dark we could not see. The waves were high. I could hear him calling me but he got further and further away. Eventually a boat found me. They never found my husband.” (Kos, Greece)

Ein von Humans of New York (@humansofny) gepostetes Foto am

Sie waren auf einem Flüchtlingsboot eingepfercht. Das Boot ist vollkommen überladen. Der Schlepper sagt ihnen, sie sollen ihr Gepäck über Bord werfen. Sie kollidieren mit einem Felsen, Wasser dringt ins Boot. Der Schlepper sagt, sie sollen sich keine Sorgen machen. Als das Boot schließlich sinkt, entkommen ihr Mann und sie als letzte lebend dem Laderaum. Im Wasser überlässt ihr Mann einer fremden Frau seine Schwimmweste. Die See ist rau. Nach mehreren Stunden Schwimmen sagt ihr Mann, er sei müde, sie solle sich aber keine Sorgen machen. Er wolle sich ausruhen. Es ist so dunkel, dass sie nichts sieht. Sie hört nur noch seine Rufe, die sich immer weiter entfernten. Irgendwann wird sie von einem anderen Boot auf genommen. Ihr Mann wird nie gefunden.

*Die wiedergegebenen Geschichten der Flüchtlinge sind keine wörtlichen Übersetzungen der Zitate, sondern gekürzte Zusammenfassungen.

Tim Schulze

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