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Flut in Thailand: Bangkok erwartet die Katastrophe

Hochwasser ist Thailand gewohnt - doch die aktuelle Flut stellt alle vorherigen in den Schatten. Die Menschen in Bangkok geben sich lässig, doch hinter dieser Fassade ist Angst zu spüren.

Von Michael Lenz, Bangkok

Wenn schon untergehen, dann mit Stil. Das ist die Devise des Schönheitssalons Etude House auf dem Siam Square. Hässliche weiße Sandsäcke mit blau-roten Aufdrucken wollen die Betreiberinnen des Schönheitssalons ihren modebewussten Kundinnen mit festgefrorenem Botoxlächeln nun wirklich nicht zumuten. Also haben sie flugs einige Meter Plastik in Girly-Rosa besorgt, um diese Augenqual abzudecken.

Das Rosa kontrastiert schön mit dem Dunkelblau der Schläuche der Wasserpumpen. Noch liegen sie platt wie ausgehungerte Schlangen auf den staubigen Betonstraßen zwischen den Boutiquen, Cafés und Restaurants des Siam Square. Aber wohl nicht mehr lange. Das Hochwasser dringt unaufhörlich und - was nach langem Abwiegeln auch die Behörden zugeben - unaufhaltsam auch in den Innenstadtbereich von Bangkok ein.

Kanäle erwartet die zehnfache Menge Wasser

4000 Millionen Kubikmeter Wasser wälzen sich direkt auf Bangkok zu. Die Khlongs, wie die Kanäle in Thailand genannt werden, aber können nur 400 Millionen Kubikmeter Wasser pro Tag in den nahen Golf von Siam leiten. Die große Katastrophe für Bangkok ist also programmiert. Unaufhörlich steigt auch der Wasserpegel des Chao Phraya Fluss. Die Hochwasserschutzmauern aus Beton können den Fluss bis zu einem Pegel von 2,50 Metern im Zaum halten und der ist bald, sehr bald erreicht. Dann heißt es für die Tempel, die Luxushotel, die Marinestützpunkte, die schicken Häuser der Reichen und die Hütten der Armen: Land unter. Vielleicht schon heute Nacht, vielleicht auch erst morgen oder übermorgen. Zu allem Überfluss behindert in den nächsten Tagen auch die Springflut im Golf von Siam ein schnelles Abfließen des Jahrhunderthochwassers.

Thailands Premierministerin Yinluck Shinawatra hat in einer Fernsehansprache am Dienstagabend die Einwohner von Bangkok auf die kommende Katastrophe vorbreitet. Im günstigsten Fall sei mit einem Wasserstand von zehn Zentimetern zu rechnen, im schlimmsten von 1,50 Meter. Angesichts brechender Dämme und einem Mangel an Pumpen wird wohl eher das Worst-Case-Szenario eintreten. Vorsorglich sind bis bereits Anfang nächster Woche alle Behörden und Schulen geschlossen. Dicht gemacht haben auch schon gut 300 Bankfilialen.

Verzweifelte Sandsackstapeleien

Im Norden Bangkoks sind bereits viele Stadtviertel überschwemmt. Die Visumsstelle der Einwanderungsbehörde in Chaeng Wattana war am Mittwoch noch voller als sonst. Mike Chin will sein Visa verlängern lassen. "In meinem Hotel hat man mir gesagt, ich soll das noch schnell heute erledigen. Morgen könnte die Visumsbehörde schon überschwemmt sein", sagt der 60-Jährige aus Singapur. Die Behörde arbeitet noch normal. Aber vor dem einzigen noch offenen Geschäft, in dem Antragsteller ihre Pässe kopieren lassen und Fotos für den Antrag machen lassen können, muss Chin mehr als eine Stunde Schlange stehen. Die anderen Kopierläden sind geschlossen. "Die Angestellten sind nicht gekommen. Das Hochwasser ist schuld", sagt ein Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde achselzuckend.

Nicht weit von der Immigration und dem benachbarten Hauptquartier der Armee haben die Wassermassen aus der Hochwasserhöllen in den Provinzen nördlich von Bangkok schon den Straßenrand erreicht. Verzweifelt schichten Soldaten Sandsacklage auf Sandsacklage, damit die Straße befahrbar bleibt. Mein Taxifahrer schüttelt nur den Kopf und sagt: "Das nutzt doch nichts. Spätestens morgen steht hier alles unter Wasser."

Unter der lässigen Oberfläche ist die Angst zu spüren

Nur wenige Kilometer weiter steht das Hochwasser bereits auf dem alten Flughafen Don Muang und Nok Air, die einzige Airline, die noch von Don Muang fliegt, hat bis auf weiteres den Betrieb eingestellt. In Don Muang laufen im Krisenzentrum FROC genannten Hochwasserlagezentrum der thailändischen Regierung alle Informationen aus den Hochwassergebieten zusammen, hier wird die verzweifelte Schlacht gegen das Wasser koordiniert. Jetzt brauchen die FROC-Leute nur noch aus dem Fenster zu schauen um zu sehen, was Sache ist.

In Bangkoks neuester Shopping Mall Terminal 21 an der Hochbahnstation Asoke nimmt der Alltag noch seinen Lauf. Menschen flanieren durch die kühlen Hallen mit den vielen Modegeschäften. Die Cafés sind voll. Aber unter der lässigen Oberfläche ist die Angst zu spüren. Die Flut ist das Thema vieler sorgenvoller Gespräche im Starbucks Café. Alle paar Sekunden werden mit Handys und iPads die Nachrichten gecheckt. "In Chinatown steht das Wasser schon 50 Zentimeter hoch", sagt der Herr am Nachbartisch. Eine Frau ein paar Tische weiter ruft aus: "Oh Gott, die Shopping Mall Pink Lao ist überschwemmt. Ich muss sofort dahin. Meine Schwester wohnt in der Nähe."

Die Waren werden knapp, die Preise schießen in die Höhe

Durch das Hochwasser bereits unterbrochene Zufahrtsstraßen nach Bangkok lassen die Versorgungslage der thailändischen Hauptstadt zunehmend prekärer werden. Zahncreme wird knapp. Es fehlt an Softdrinks, an Nudeln und ironischerweise an Trinkwasser in Flaschen. Selbst im teuren Supermarkt der Edelshoppingmall Siam Paragon ist Wasser in Flaschen das begehrteste Gut. Die Einkaufswagen der Besserverdienenden sind vollgepackt mit Sixpacks der Marke Evian - man gönnt sich ja sonst nichts. Die Eviankartons sind in dem gleichen Rosa gehalten wie der Hochwasserschutz des Schönheitssalons auf der anderen Straßenseite.

Auf den Märkten werden Obst, Gemüse, Reis und Fisch immer rarer. Was noch da ist, wird zu Wucherpreisen verkauft, wie Vincent erfährt. Der Taiwanese kauft hier täglich für sein Restaurant "Vincent's" auf dem Klong Thoey Markt ein: "Für Sellerie zahle ich normalerweise 40 Baht pro Kilo (rund 90 Cent, d.Red.). Jetzt kostet es schon 200." Ein Engpass droht in den kommenden Tagen auch bei Taxis. Wie andere Autobesitzer auch bringen immer Fahrer ihre knallbunten Droschken auf Brücken und Hochstraßen vor dem Hochwasser in Sicherheit.

377 Menschen sind bereits tot - vor dem Höhepunkt

Überschwemmungen gehören während der Monsunzeit zu Thailand wie Hochwasser am Rhein im Frühjahr nach der Schneeschmelze. Meistens fallen die Fluten moderat aus. Manchmal aber nehmen sie katastrophale Ausmaße an. Im Jahr 1983 dauerte das Hochwasser vier Monate von September bis Dezember. 400 Menschen starben, davon 55 in Bangkok, zehntausende Häuser wurden zerstört. Von den Riesenüberschwemmungen 1995 waren 2,6 Millionen Menschen in Bangkok und in anderen Teilen Thailands nochmals 1,7 Millionen betroffen. Alleine im Osten Bangkoks wurden 200.000 Häuser beschädigt.

2011 ist alles noch schlimmer und der Höhepunkt des Dramas ist noch nicht erreicht. 2,5 Millionen Menschen außerhalb des Zwölf-Millionen-Einwohner-Molochs Bangkok leiden seit Juli unter dem Hochwasser. 377 Menschen sind schon ums Leben gekommen. Hunderttausende mussten ihre Häuser verlassen, 1300 Fabriken stehen bis zu zwei Metern unter Wasser und mindestens eine halbe Million Arbeiter haben bis auf weiteres ihren Job verloren. Und das ist "nur" die vorläufige Bilanz, bevor nun der Hochwassertsunami über Bangkok hereinbricht.