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Gondel-Drama im Allgäu "Die haben ihr Leben für uns riskiert"


Horror in der Gondel? Nein, sagt Brigitte Hassold, die mit zwei Enkelinnen 16 Stunden in der Tegelbergbahn festsaß. Im stern.de-Interview erzählt sie über Witze, den Toilettengang und die Rettung.

Wieso waren Sie in der Gondel, Frau Hassold?
Brigitte Hassold: Vor zwei Jahren war ich schon mal mit meinen Enkelinnen Julia und Louisa in der Füssener Gegend. Das hat ihnen so gut gefallen, dass wir dieses Jahr wieder da hingefahren sind. Am Abend vorher hatten wir Besprechung: Was machen wir am nächsten Tag? Zur Wahl standen eine Schiffsrundfahrt auf dem Forggensee und eine Fahrt mit der Seilbahn auf den Tegelberg. Die Kinder wollten dann auf den Tegelberg, also sind wir da rauf.

Was passierte dort?


Brigitte Hassold: Wir hatten oben auf dem Berg erst den Gleitschirmfliegern beim Starten zugesehen und dann eine Wanderung gemacht. Um etwa 13 Uhr stiegen wir in die Gondel nach unten. Nach wenigen Minuten Fahrt stoppte sie plötzlich mit einem scharfen Ruck. Hei, was ist das?, dachte ich. Auch der Gondelführer wusste erst nicht was los ist. Nach einer Viertelstunde bekam er die Nachricht, dass ein Gleitschirmflieger-Tandem in die Seile unserer Bahn geflogen ist.

Hatte jemand Angst?


Brigitte Hassold: Nein. Erst hatten wir Mitleid mit den Gleitern. Der Gondelführer meinte: "Das dauert vielleicht eine Stunde. Erst schneiden die die beiden raus, das andere haben die dann schnell." Ich habe meinem Sohn, dem Vater von Julia und Louisa eine SMS geschickt: "Wir hängen über dem Abgrund fest, falls es Dich interessiert." Er hat zurück geflachst: "Nicht aussteigen, sonst fallt ihr runter." Die anderen haben sich auch nicht aufgeregt. Da waren zwei ältere Damen, die haben ungerührt und ununterbrochen weiter geratscht. Es war bewundernswert, wie viel die sich zu erzählen hatten.

Wann war klar, dass es so schnell nicht gehen wird?
Brigitte Hassold: Nach ungefähr einer Stunde hat der Jörg - jetzt wussten wir schon, wie der Gondelführer heißt - einen Anruf bekommen, dass die Gleiter gerettet sind, aber ihr Schirm sich zweimal um die Seile gewickelt hat. "Das kann jetzt nochmal ein bisschen dauern", sagte Jörg zu uns.
Julia Hassold: Das Gute war, dass wir über Funk und den Kabinenlautsprecher das meiste mitbekommen haben. Das hat beruhigt. Es war ein bisschen aufregend so weit da oben, aber wirklich schlimm war es nicht.

Haben Sie von der Parallelgondel was mitbekommen?


Brigitte Hassold: Ja, vor allem, dass da 35 Leute drin sind, ein Rollstuhlfahrer und vier Hunde. Wir dachten: Oh Gott, da haben wir 20 es ja noch richtig gut.

Wer war alles in Ihrer Gondel?


Brigitte Hassold: Drei Ehepaare mit zusammen vier Kindern zwischen vier und zwölf Jahren. Die beiden älteren Damen, eine war wohl Lehrerin. Ein älteres Ehepaar, da war er pensionierter Lehrer. Ein Deutsch-Russe, dessen Frau unten wartete. Eine Frau, deren Mann Geburtstag hatte und zu Fuß abgestiegen war. Der wartete jetzt unten ganz verzweifelt. Eine 79-jährige Nonne. Wir drei und Jörg, der Gondelführer. Er erzählte uns, dass er 37 ist und im Hauptberuf Polizist.

Wächst man da als Gruppe in der Not zusammen?


Brigitte Hassold: Es waren alle sehr nett miteinander. Wir haben unsere Getränke und Brotzeiten miteinander geteilt. Aber ansonsten sind wir doch sehr neutral miteinander umgegangen. Es gab keine besonders vertraulichen Gespräche.

Hat keiner durchgedreht, wie man das aus Katastrophenfilmen kennt?


Brigitte Hassold: Nein, alle waren so gefasst und ruhig wie irgend möglich. Nur der vierjährige Junge hat mal geweint, weil er raus wollte. Aber den hat seine Mutter schnell wieder beruhigt.
Julia Hassold: Wir haben den Gondelführer Jörg immer mal wieder gefragt: Was ist los? Gibt es etwas Neues? Der hat immer wieder geantwortet: Passt alles. Ihr braucht keine Angst haben. Runterfallen können wir nicht. Es kann nichts passieren. Das hat alle immer wieder sehr beruhigt. Toll, dass der so cool geblieben ist.

War es unbequem?


Brigitte Hassold: Wir hatten Platz zum Sitzen und mussten uns nur einigen, wer wann die Beine ausstrecken darf. Die Nonne hat sich erst nach langem Bitten auf den Schemel vom Gondelführer gesetzt.

Wie vertreibt man sich die Zeit da oben?


Julia Hassold: Wir haben zum Beispiel gespielt: Einer musste ein Wort sagen. Der nächste musste dann mit dem letzten Buchstaben des Wortes ein neues Wort bilden. Und so weiter. Alle in der Gondel haben dabei mitgemacht. Oder wir haben die Fotos auf unserer Digitalkamera durchgeblättert. Das war auch lustig. Es wurde darüber gewitzelt, dass wir als Entschädigung wahrscheinlich eine Freifahrt mit der Gondel bekommen.

Konnten Sie die Aussicht auf die Berge genießen?
Julia Hassold: Eine Frau hat immer gesagt: Ach, das ist doch eine schöne Abendstimmung. Und das stimmte, es war wirklich schön dort oben. Es gab einen wunderschönen Sonnenuntergang und dann gingen über Füssen die Lichter an. Das hat schön ausgesehen. Aber ich hätte das nicht stundenlang haben müssen.

Wann wussten Sie, dass Sie über Nacht bleiben müssen?


Brigitte Hassold: So gegen 20 Uhr. Da hat mich auch mein Sohn angerufen und gesagt, im Radio würde es heißen, alle Insassen der Gondel seien gerettet. Da war die andere Gondel gemeint. Das war für uns, die wir noch festsaßen schon bitter. Von wegen gerettet!
Julia Hassold: Es waren ja immer wieder Hubschrauber über uns, die vergeblich versucht haben, einen Helfer abzuseilen. Da war wohl zu viel Wind. Das war schon deprimierend, als die dann endgültig abdrehten.
Brigitte Hassold: Als es dunkel wurde, wurde es stiller. Da ging selbst den beiden ratschenden Damen der Gesprächsstoff aus. Da sitzt man dann da und plötzlich kommt einem alles unwirklich vor. Das war wie in einem schlechten Film. Die neben mir hat auch mal gesagt: Ich glaube, ich träume. Man war da irgendwie neben sich. Ein Mann meinte plötzlich: "Ich will jetzt hier raus, und wenn ich runter laufen muss. Das ist mir egal, ich will hier nicht rumsitzen. Aber der ist dann auch wieder ganz ruhig geworden und hat nichts mehr gesagt.
Julia Hassold: Gut war trotzdem, dass man gemerkt hat, dass die permanent Lösungen gesucht haben, uns zu helfen. Man hat sich nie verloren gefühlt. Nie im Stich gelassen: Man hat immer gemerkt: Da tut sich was.

Wie haben Sie denn das Problem mit der Toilette gelöst?


Brigitte Hassold: Irgendwann hat ein Mann gesagt: Er muss mal und kann es nicht mehr aufschieben. Da haben wir gesagt: Gut, es gibt jetzt eine Pinkelpause. Auf dem Boden der Gondel gab es eine Luke. So 30 mal 50 Zentimeter groß. Die hat der Jörg aufgeschraubt. Das Loch war genau in der Mitte der Gondel. Wir haben zwei Pinkelpausen gemacht. Da haben dann alle gesagt: Wir schauen weg und haben sich umgedreht. Dann hat sich jeder drüber gestellt. Jeder wurde zur Sicherheit rechts und links gehalten. Es ging ja hundert Meter in die Tiefe. Dann wurde das Loch wieder zugeschraubt.

War Ihnen das unangenehm?


Brigitte Hassold: Das erste Mal schon. Die Klosterschwester wollte erst nicht, aber bei der zweiten Pinkelpause hat auch sie nicht mehr anderes gekonnt. Es war ja auch schon dunkler draußen.

Konnten Sie schlafen?


Brigitte Hassold: Die kleinen Kinder haben mit dem Kopf im Schoß ihrer Eltern geschlafen. Mir war es einfach zu unbequem, man konnte sich nicht ausstrecken. Ich habe die Augen nur mal kurz zugemacht. Meine zwei Mädchen sind mal eine Stunde eingeschlafen.

War es kalt in der Gondel?


Brigitte Hassold: Durch die Tür hat's reingezogen. Der Boden wurde immer kälter. Ich habe die Mädels am Rücken gerubbelt, um sie warm zu halten. Ein Mann hat uns seine Jacke gegeben. Nachts um drei kam einer von der Bergwacht, der Stefan. Der hat sich das ganze Seil der Seilbahn entlang gehangelt. Er hat uns so silberne Wärm-Decken gebracht, Müsliriegel zu essen, Wasser und sogar Spielsachen für die Kinder.
Julia Hassold: Wie ein Mondmensch stand der plötzlich oben an der offenen Luke, mit dicken Stiefeln und einer dicken Jacke. Er hat gesagt: Ich habe Geschenke für euch. Er hat die ganze Stimmung wieder total aufgemöbelt. Der war so lieb und so nett. Da waren alle wieder hellwach. Der hat so viel positive Energie reingebracht. Das war ein gutes Gefühl, dass es jemand von außen geschafft hat, bis zu uns vorzudringen. Da wussten wir: Es geht schon.

Wann ging die Rettung los?


Brigitte Hassold: Als es hell wurde, so gegen sechs.

Hat Ihnen das Angst gemacht, per Hubschrauber gerettet zu werden?


Brigitte Hassold: Ich habe mir schon gedacht, wie soll das denn funktionieren. Wie soll dieser Hubschrauber über uns zwischen den Seilen fliegen. Angst hatte ich aber nicht, denn ich habe denen schon vertraut, dass die nichts unnötig riskieren. Und letztlich ist der Hubschrauber dann neben uns geflogen, das schien mir auch viel sicherer.

Wie war die Rettung?
Brigitte Hassold: Noch in der Nacht hatte ein Helfer Helme gebracht, weiße Schutzanzüge und Sicherungsgurte, an dem wird eingehakt. Es kam einer von der Hubschrauberbesatzung zu uns und hat uns Anweisung gegeben, wie wir uns zu verhalten haben. Dann kam der Hubschrauber so nahe ran wie möglich, der Mann hakte uns ein und wir hingen dann unter ihm. Panik hatte niemand.

Gab es Jubel, als es endlich losging?


Julia Hassold: Nein, erst als alle unten waren. Da saßen wir alle zusammen, keiner ist vorher weggefahren. Es gab Frühstuck, Semmel, Marmelade, Nutella, Kaffee. Aber wir drei hatten keinen Hunger.

Der Gondelführer musste immer den Strahlemann spielen. Den hat das sicher Kraft gekostet.


Brigitte Hassold: Der macht den Job ja nur aushilfsweise, und dann passiert so was. Jörg hatte immer ein lächelndes Gesicht, er hat immer Optimismus verbreitet. Das ist ihm super gelungen. Aber als wir dann alle unten waren, hat ihn seine Freundin umarmt und die hatte Tränen in den Augen. Und er war auch fix und fertig, das hat man ihm angesehen.

Gab es bei Ihnen Tränen der Erleichterung nach der Rettung?


Julia Hassold: Bei mir nicht.
Brigitte Hassold: Bei mir gab es schon Tränen. Aber nur, als ich schon unten war und die beiden Mädchen noch nicht. Louisa hat oben gesagt, ich sollte als Erstes raus, dann wollte sie in der Mitte kommen und dann die Julia, sodass wir alle drei in einem Hubschrauber fliegen. Dann bin ich eben als Erste los. Der Helfer ist dann wieder runter zur Gondel. Ich dachte, jetzt kommt Louisa, aber es kam eine andere Frau. Das hat mich sehr geschockt. Ich dachte: "Mein Gott, jetzt sind die zwei Mädels da drin und ich bin weg." Das war furchtbar für mich. Das war der schlimmste Moment. Als ich unten angekommen bin, war ich den Tränen nahe. Bis beide endlich da waren, war ich ganz am Ende.
Julia Hassold: In dem Moment ist die ganze Aufregung von mir abgefallen. Ich habe mich in diesem Moment schon etwas wackelig gefühlt. Man war so vollgepumpt mit Adrenalin.

Sie Sie sauer auf den Gleitschirmflieger?


Brigitte Hassold: Er wollte halt ganz besondere Bilder machen, und es war schon blöd, der ist schließlich Fluglehrer. Aber als der gerettet war und wir noch in der Gondel waren, haben wir gescherzt: Der ist schon längst unten am Boden und sitzt bei der Brotzeit und wir sitzen hier oben. Aber als wir dann auch gerettet waren, waren alle froh, unten zu sein. Da war niemand sauer.
Vater Robert Hassold: Also ich hätte schon eine Wut auf den. Das ist einfach verboten, in der Gegend der Seile zu fliegen und er hat einen eindeutigen Flugfehler gemacht.

War es wirklich eine Horrornacht?


Brigitte Hassold: Eine Horrornacht war es sicher nicht. Ich würde es als unangenehmes Erlebnis bezeichnen.
Julia Hassold: Wenn wir in der Schule noch unsere Urlaubserlebnisse aufschrieben müssten, würde ich es als das aufregendste Urlaubserlebnis beschrieben. Aber es ist nichts, womit man ein Leben lang kämpfen muss. Es ist ja keiner zu Schaden gekommen.
Brigitte Hassold: Das haben wir den ganzen Rettern zu verdanken. Ich habe mir schon in der Gondel gedacht: Menschenskind, die riskieren echt ihr Leben für uns. Und was tust du eigentlich für die anderen.
Julia Hassold: Ja, die sind die wahren Helden dieser Geschichte.

Werden Sie sich wieder in eine Seilbahn setzen?


Brigitte Hassold: So schnell nicht. Wir haben schon abgemacht, dass wir das nächste Mal ans Meer fahren, wo es weit und breit keinen Berg und keine Gondelbahn gibt.

Interview: Malte Arnsperger und Georg Wedemeyer

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