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Eingesperrt in einer Gondel: Die Horrornacht am Tegelberg

Der Ausflug ins Allgäu endete in einem Alptraum: 20 Menschen mussten die Nacht in einer Seilbahn-Gondel verbringen. Zum Sitzen wechselten sie sich ab, ihre Toilette war eine Luke im Boden.

Die Erleichterung ist riesig, als die letzten Geretteten aus dem Hubschrauber steigen und wieder sicheren Boden unter den Füßen haben. Einige lachen, andere umarmen sich oder verschwinden hastig in einem der aufgebauten Rettungszelte. Für 20 Menschen war eine Seilbahnfahrt im Allgäu - nahe dem Märchenschloss Neuschwanstein - zum Alptraum geworden.

Bei der Rückfahrt ins Tal bleibt die Gondel der Tegelbergbahn am Freitagmittag plötzlich stecken. Doch es ist keine kurzfristige Störung, die schnell vorbei ist. Die Touristen und der Gondelführer müssen mehr als 18 Stunden in der Zwölf-Quadratmeter-Kabine ausharren, rund 100 Meter über der Erde. Erst am Samstagmorgen können sie mit Hubschraubern befreit werden. "Man hat gemerkt, wie die ganze Spannung von den Leuten abfiel", sagt Roland Ampenberger, Sprecher der Bergwacht Allgäu, nach der dramatischen Hilfsaktion.

Hinter den Betroffenen aus Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen liegt eine Nacht voller Angst, Sorge und Ungewissheit. 250 Rettungskräfte sind im Einsatz, doch sie müssen den Rettungsversuch am späten Abend zunächst abbrechen. Zu gefährlich sei die Bergung am Steilhang des Tegelberges mit dem Hubschrauber gewesen, erklärt Ampenberger. "Der Wind war einfach zu stark." Mit Hilfe einer Seilwinde und einem Seilfahrgerät versorgen die Bergretter die Eingeschlossenen. Sie bringen Essen, Trinken, Decken und warmen Schutzanzüge. Unter den Touristen sind auch fünf Kinder zwischen vier und zwölf Jahren. Ihnen bringen die Helfer Mal- und Spielsachen, damit sie sich von den Strapazen ablenken können.

Die Ursache für den Ausfall der Seilbahn war ein Gleitschirmflieger. Er hatte sich am Freitag gegen 13.00 Uhr in den Seilen der Allgäuer Tegelbergbahn verfangen und sie damit blockiert. Der Geschäftsführer der Seilbahn, Franz Bucher, macht einen Pilotenfehler dafür verantwortlich. "So kann man nicht fliegen, das ist grob fahrlässig." Der Pilot sei vom Startplatz unweit der Gondel in Richtung Seilbahn abgehoben, anstatt - wie vorgesehen - in die entgegen gesetzte Richtung zu fliegen. Die Polizei vermutet dagegen, dass eine Windböe den Gleitschirmflieger in die Seile getrieben habe. Der Pilot des Tandem-Schirms und sein Mitflieger aus München kamen mit leichten Verletzungen davon.

Luke diente als Toilette

Trotz der Notlage bleiben die Touristen in der Gondel ruhig. "Es war keine Panik da. Die Menschen haben Gespräche geführt und sich gegenseitig gestärkt", sagt Ampenberger. Das liegt auch an den Bergrettern, die für die Nacht mit in die Gondel geklettert sind. Sie beruhigen die Insassen und erklären ihnen die nach Sonnenaufgang geplante Rettungsaktion. An Schlaf ist dagegen kaum zu denken. In der Nacht setzt starker Regen ein. Zudem ist die Kabine zu klein, als dass sich alle hinlegen könnten. "Sie haben sich wohl mit dem Stehen abgewechselt", vermutet Ampenberger. Als Toilette dient eine Luke im Boden der Gondel.

Als es hell wird, geht plötzlich alles ganz schnell. Im Morgengrauen startet der erste Rettungshubschrauber der Bergwacht. Bereits nach kurzer Zeit kommt der Helikopter mit den ersten beiden Geretteten, zwei Männern, ins Tal zurück. Nach und nach werden alle Touristen sowie der Gondelfahrer mit einem Seil nach oben in den Hubschrauber gezogen. Die Geretteten werden abgeschirmt, in einem Zelt medizinisch betreut und mit Essen, Getränken und Decken versorgt. Bereits nach zwei Stunden können die Betroffenen die Zelte verlassen - und nach Hause gehen.

mai/DPA / DPA
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