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G20-Chaos: Gefangen in der eigenen Wohnung – die Horrornacht im Hochparterre

In der Nacht zum Samstag spielten sich schockierende Szenen im Hamburger Schanzenviertel ab. stern-Redakteur Tim Sohr wohnt dort - mitten im Krawall-Epizentrum. Sein Erfahrungsbericht.

Sturm auf die Schanze

Ein normaler Horrorfilm dauert 90 oder 120 Minuten. Das ist eine gute Zeitspanne. Viel länger wäre es für den durchschnittlichen Zuschauer wohl auch kaum auszuhalten. Viel länger wäre wohl auch nicht gesund. Aber was, wenn die Apokalypse vor deinem Haus, hinter deinem Haus, direkt unter deiner Wohnung über neun, zehn Stunden anhält? Wenn brutale Vandalen deine ganze Nachbarschaft so ausdauernd in Brand setzen, dass die Ordnungshüter ihnen vor lauter Überforderung stundenlang das Feld überlassen?

Ich lebe seit zehn Jahren in Hamburg, habe am Hansaplatz in St. Georg Tür an Tür mit den Junkies gewohnt, auf St. Pauli waren Dealer und Zuhälter meine Nachbarn – ich habe mich trotzdem nie unwohl oder gar unsicher gefühlt. Bis zum G20-Treffen und einer Krawallnacht, die viel mit dem Zombiefilm "28 Days Later", aber nichts mit einer Demonstration gegen politische Missstände gemein hatte. Ich neige so wenig zur Panik, dass es meine Mitmenschen manchmal nervt, aber in dieser Nacht habe ich zum ersten Mal in zehn Jahren Hamburg richtig Angst.

G20-Protest: Die Schanze brennt

Ich wohne in einer Seitenstraße des Schulterblatts, keine 100 Meter entfernt von der Roten Flora. Ich halte mich am frühen Freitagabend am Fenster und auf dem kleinen Vordach meines Hochparterres auf. Direkt vor der Haustür cornern die Anwohner gegen 20 Uhr noch friedlich. Ein Nachbar hat Lautsprecherboxen auf seinem Fenstersims platziert und beschallt die kleine Straße mit Reggae-Musik. Die Leute sitzen auf Klappstühlen und trinken großzügig gemischten Gin Tonic aus Plastikbechern, manche tanzen auf dem Kopfsteinpflaster. Alles ist also wie immer, vielleicht ein bisschen ausgelassener als sonst – eine typische Hamburger Reaktion auf den von der Politik auferlegten Ausnahmezustand der letzten Tage.

Das Schanzenviertel wird zum rechtsfreien Raum

Als der entmenschlichte Mob die Nachbarschaft erreicht, zeigen sich die meisten von uns noch maximal unbeeindruckt. Auch die vorherige Nacht war anstrengend gewesen, es hatten sich Jagdszenen vor unserer Tür abgespielt. Polizei und Autonome hatten sich ein Katz-und-Maus-Spiel durch die Gassen geliefert. Viel wilder würde es heute auch nicht werden. Denken wir.

Doch in den folgenden Stunden müssen wir erleben, was es bedeutet, wenn dein Viertel zum rechtsfreien Raum zurechtrandaliert wird. Immer wieder sammeln sich die vermummten Vollidioten vom Schwarzen Block im Hauseingang unter meiner Wohnung oder auf der Terrasse des kleinen Restaurants nebenan. Sie verstecken Eisenstangen im Gebüsch, sie brechen Steine aus der Mülltonnenverkleidung. Mit zittrigen Händen mischen sie Molotowcocktails. Manche wechseln ihr verschwitztes schwarzes Shirt gegen ein frisches, das sie wie selbstverständlich aus ihrem Beutel ziehen. Vorbereitung ist alles. Dann nehmen sie noch einen Schluck aus ihrer Bierflasche, ziehen die schwarze Maske zurück über das Gesicht und laufen los.

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Sie machen sich Straßenschilder, Baustellenlampen und Pflastersteine zur Waffe und verschwinden wieder Richtung Schulterblatt, über dem längst meterhohe Rauchsäulen stehen. In Livestreams können wir beobachten, wie keine 100 Meter weiter um die Ecke die Läden geplündert werden. Im Sekundentakt erschüttern schwere Detonationen die Luft, und während es dunkler wird, beleuchten die Hubschrauber den Horror vom Himmel aus immer heller.

"Das ist Krieg", sagt ein Nachbar. "Ganz Hamburg hasst die Polizei", singt eine Gruppe Halbstarker, die mit Flaschen in der Hand zielstrebig dahin läuft, wo ebenjene Polizei sich vorläufig offenbar komplett zurückgezogen hat, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen. Wir sehen dunkle Gestalten auf den Dächern der Häuser hin und her huschen. Als immer wieder Autonome versuchen, in unser Treppenhaus zu gelangen, schließen wir die Haustür ab – in der naiven Hoffnung, es könnte etwas bringen, wenn sie ernst machen – und ziehen uns in die Wohnung zurück. Wir schließen die Fenster, machen alle Lichter aus und werden uns für den Rest der Nacht auch nicht mehr trauen, sie wieder anzumachen.

Randalierer rütteln an den Fenstern

Wir fühlen uns endgültig gefangen. Randalierer klettern aufs Vordach und rütteln am Fenster. Was, wenn sie jetzt ins Wohnzimmer einsteigen? Oder den kleinen Designshop direkt unter unserer Wohnung in Brand setzen? Immerhin gehört er zu den wenigen Läden, der seine Fensterfront nicht verrammelt hat. Was machen wir dann? Die 110 wählen? Zum ersten Mal an diesem Abend müssen wir kurz lachen.

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Die Lage wird immer unübersichtlicher. Im Hauseingang behandeln Sanitäter verletzte Demonstranten. An der Ecke formiert sich inzwischen ein Trupp der Einsatzkräfte, die Stürmung des Blocks steht unmittelbar bevor. Kurz darauf regnet es wieder Flaschen und Steine. Es dauert noch zwei, drei weitere Stunden, in denen die Gewalttäter und Ordnungskräfte direkt vor der Haustür und im hinter das Haus angrenzenden Florapark mit unglaublicher Brutalität aufeinander losgehen. Stunden, in denen wir nur hoffen, dass kein Stein durch unser Fenster fliegt, kein Krawalltourist unsere Wohnung stürmt.

Es wird schon wieder hell, als die meisten Feuer gelöscht sind, als die Explosionen seltener werden und die Schreie langsam verstummen. Nur das monotone Dröhnen des Polizeihubschraubers schallt als letzter verbliebener Soundtrack des Ausnahmezustands über dem Viertel. Ein Gefühl der Sicherheit vermittelt uns dieses Geräusch immer noch nicht. Aber im Gegensatz zu den letzten Wochen stört es diesmal auch nicht unsere Nachtruhe. Denn an Schlaf ist heute ohnehin nicht zu denken.