HOME

New York nach "Sandy": Strom oder nicht Strom - das ist die Frage

Die Einwohner Manhattans kennen am Tag nach der Horrornacht nur ein Thema: Strom. Die Touristen haben ein anderes Problem: "Sandy" verursacht ungewohnte Langeweile.

Von Giuseppe Di Grazia und Martin Knobbe, New York City

Am Times Square stehen sie vor dem McDonalds, hinter dessen Scheiben es stockdunkel ist. Sie warten geduldig in einer langen Schlange. Nichts deutet darauf hin, dass hier demnächst ein Big Mac gebraten würde. Der Laden hat zu, wie fast alle anderen Läden auch. "Und doch", sagt ein Tourist aus England, "könnte es ja sein, dass er bald aufmacht. Dann will ich der erste sein". Auch vor Starbucks hat sich eine Menschentraube gebildet. Hier gibt es keinen Kaffee, aber das Wlan funktioniert noch, selbst wenn die Tür geschlossen ist. Es ist gar nicht so leicht, an diesem Tag eine funktionierende Internet- oder Handyverbindung in New York zu bekommen.

Tag eins nach Sandys Invasion. New York ist zu großen Teilen eine Geisterstadt. Die U-Bahnen fahren noch immer nicht, nach dem größten Schaden in ihrer 108-jährigen Geschichte. Die ersten Busse wagen sich um fünf Uhr nachmittags auf die Straße, sie fahren kostenlos und sind, natürlich, sofort überfüllt. Fast alle Geschäfte haben geschlossen, nur die Souvenirläden nicht. Die Betreiber, meist Inder und Pakistani, haben einfach in ihren Läden übernachtet. Auch der Portier des 33-stöckigen Gebäudes, in dem der stern sein Büro hat, harrt seit über 24 Stunden aus. Er wohnt in Queens und konnte nicht Hause, es waren ja auch die Brücken und Tunnels gesperrt. Ernährt hat er sich von Chips, die es noch im benachbarten Drogeriemarkt gab.

Auch alle Museen haben zu, die Kinos, das Empire-State-Building sowieso. Am Broadway sind alle Shows abgesagt, Macys, das große Kaufhaus, ist bis auf weiteres geschlossen. New York ist an diesem Dienstag eine Stadt ohne Unterhaltung. Die Touristen langweilen sich und wandern ratlos den Broadway auf und ab.

Manhattan in zwei Klassen geteilt

In Manhattan wohnt nun eine Zweiklassengesellschaft: Es gibt die, die Strom haben, und die, die ohne auskommen müssen. Was heißt: Keine frischen Lebensmittel im Kühlschrank, kein Fernsehen oder Radio, kein warmes Wasser, kein Internet, kein Licht. In manchen Gebäuden funktionieren die Wasserpumpen nicht.

Die Taschenlampen, die der Drogeriemarkt Duane Reade zum Sonderpreis von drei Dollar anbot, waren sofort vergriffen. Die Grenze verläuft etwa auf Höhe der 40. Straße. Das südliche Manhattan war am Dienstag den ganzen Tag ohne Strom und wird es wohl auch bleiben, bis zu zehn Tage lang. Die Ampeln funktionieren nicht und auch nicht die Straßenbeleuchtung, Verkehrspolizisten in gelben Jacken regeln den Verkehr. An genügend Polizisten hat es New York noch nie gemangelt.

Eine heftige Explosion im Umspannwerk an der 14. Straße hatte den Blackout am Dienstagabend verursacht. Zuvor schon hatte der Stromversorger Con Edison Gebäude im südlichen Manhattan vorsorglich vom Netz genommen, dort, wo das Wasser bereits in die Keller lief. Insgesamt waren am Dienstag 670.000 Haushalte vom Stromausfall betroffen.

Das Wasser steht auf den Straßen

Als New York am Dienstagmorgen erwachte, war der Sturm schon spürbar abgeflaut. Am East River spazierten die Menschen, um die Schäden zu begutachten. Auf dem Weg an der Promenade lagen schwere Holzbalken, ein Coca-Cola-Automat, ein Kinderbett, unzählige Äste und Holzplanken: Treibgut, das die Flut in der Nacht hinterlassen hatte. Der FDR-Highway blieb noch immer gesperrt, in den Unterführungen lief das Wasser nicht ab. Auch im südlichsten Manhattan, wo das Finanzzentrum seine Heimat hat, stand das Wasser noch in den Morgenstunden in Straßen und Gebäuden. In die Baustelle am 9/11-Memorial, dort, wo New Yorks neues Wahrzeichen in die Höhe wächst, war das Wasser vom Hudson River mit solch starker Wucht eingedrungen, dass die Behörden für einen Moment befürchteten, der neue World Trade Center Turm könnte dem nicht stand halten.

Am schwersten aber wurden die Küsten am Atlantik getroffen. Die Strandpromenade am Rockaway Beach ist so gut wie nicht mehr vorhanden, wenige Kilometer weiter, in Breezy Point in Queens, brannten in der Nacht auf Dienstag 80 Häuser nieder. Der Sturm hatte die Leitungen heruntergerissen, Funken setzten das Holz der Häuser in Brand. Die Feuerwehr konnte sie wegen des Hochwassers nicht erreichen. 38 Menschen sind an der Ostküste durch den Sturm gestorben, 18 davon in New York, fünf in Pennsylvania, vier in New Jersey.

Zurück zum Alltag - ab Mittwoch

Dennoch signalisierten die Offiziellen Zuversicht: Sie lobten die Besonnenheit der New Yorker und den Einsatz der vielen Helfer. New Yorks Bürgermeister Bloomberg rief die Bürger dazu auf, am Mittwoch wieder zur Arbeit zu gehen.

Nur New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo, ein Demokrat, gab seiner mittäglichen Pressekonferenz einen nachdenklichen Anstrich: "Jeder, der denkt, es gebe keine dramatische Änderung des Klimas, der bestreitet die Realität. Wir haben eine neue Wirklichkeit und eine alte Infrastruktur und alte Systeme." Tatsächlich ist New Yorks Infrastruktur ziemlich veraltet: Viele Stromkabel werden noch oberirdisch geführt, zum Teil über leichte Masten aus Holz. Die U-Bahn ist immer wieder anfällig für wetterbedingte Störungen, die Tunnelsysteme, die Manhattan mit dem Festland verbinden, sind seit Jahren renovierungsbedürftig. Die USA investieren jährlich nur rund 2,5 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts in die Modernisierung der Infrastruktur, in Europa ist es mehr als das doppelte.

Der Gouverneur gab einen Ausblick auf die Diskussion, die in den USA nun folgen wird. Denn man darf nicht vergessen: Es ist noch Wahlkampf, knapp eine Woche lang.

Von:

Giuseppe Di Grazia und Martin Knobbe