HOME

Hamburg: Im dunklen Auge des Tornados

Ein Wirbelsturm knipst Hamburg-Harburg am Montagabend den Strom ab. Glücklicherweise war die Milch für das Baby schon warm und ein batteriegetriebenes Radio zur Hand.

Eine Reportage von Henry Lübberstedt

Montag 19.30 Uhr, Feierabendverkehr auf der Elbbrücke: Über dem Süden der Stadt hängt ein schwarzblauer Gewitterhimmel, im Norden zucken Blitze durch einen Regenbogen. Die Autofahrer schauen aus dem Fenster und bewundern das seltene Naturschauspiel. Der Tornado - eine Attraktion, ein Yps-Gimmick der Natur, das uns Großstadtmenschen neugierig macht.

Der Lokalsender Radio Hamburg fordert seine Hörer zu Augenzeugenberichten auf. Lächerlich, denke ich, bis ich von der Autobahn abfahre und in das Harburger Industriegebiet am Großmoorbogen einbiege. Dort, wo normalerweise die Schaufenster der Autohäuser, Fahrradläden, Baumärkte und der Metro die Straße erhellen, herrscht Dunkelheit. Keine Ampel funktioniert, keine Straßenlaterne brennt. Die Feuerwache, deren Räume von Notstromgeneratoren beleuchtet werden, wirkt wie eine Insel.

Ratlos im Dunkeln

Diskutierende Menschentrauben am Harburger Bahnhof, unter ihnen viele Geschäftsreisende aus liegen gebliebenen ICEs, weder Fern- noch S-Bahnen fahren. Sie sind in einem Vorort gestrandet, in dem sie sonst sicher nicht ausgestiegen wären. Harburg gilt Hamburgern gemeinhin als "prollig": bevölkert von Türken und frisch ausgesiedelten Russen, dazwischen Deutsche aus unteren Bildungsschichten und Hartz-IV-Empfänger. Da stehen sie nun und blicken ratlos auf die völlig schwarzen Anzeigetafeln.

Gegenüber dem Bahnhof das Phoenixcenter. Das erst vor einem Jahr eröffnete Edel-Einkaufszentrum liegt im Dunkeln, Taschenlampen blitzen auf, während die Polizei und der Wachdienst das Gebäude evakuieren. Immer wieder muss ich rechts ran fahren, um Krankenwagen und der Feuerwehr Platz zu machen. Die Polizei fährt meist langsam durch die Straßen. Sie hat die verlassenen Geschäfte im Auge - offenbar erwartet man Plünderungen. Harburg ist bis auf wenige Kerzen in den Fenstern lichtlos, eine Geisterstadt. Ich erinnere mich an die Erzählungen meiner Großmutter vom Krieg, von der Verdunkelung und der Stille. Harburg am 27. März 2006 nach 19.00 Uhr muss dem Harburg 1944 sehr nahe gekommen sein.

Decke, Kopfhörer, Nachrichten

Auch in meinem Haus brennen Kerzen. Meine einjährige Tochter hat ihre Milch noch vor dem Stromausfall bekommen, zum Glück, denn wir hätten nicht gewusst, wie wir die Milch hätten erwärmen sollen. Das Wohnzimmer wollen wir mit dem Kamin heizen, im Garten liegen die Holzscheite. Aber sie sind vollkommen durchnässt. Der Frost hatte eine Wasserleitung platzen lassen, das Wasser schiesst in einem feinen Sprühregen aus der Leitung - offenbar schon seit Tagen. Den Klempner anrufen geht nicht. Das Festnetztelefon ist tot, die Handynetze zusammengebrochen. Dann fällt mir ein: Der Klempner, den hier jeder kennt, hätte ohnehin nicht kommen können: Als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr dürfte er bis weit in die Nacht im Einsatz sein.

Wie lange dauert es noch? Was genau ist geschehen? Wie kann es passieren, dass ein Gewitter 300.000 Menschen die Energie abknipst? Nie hätte ich gedacht, dass ich dieses Gefühl unbefriedigten Informationshungers in meiner eigenen Stadt erleben würde. Wie eine Erlösung erscheint mir das fast vergessene, kleine, batteriebetriebene Radio. Leider hat es keine Lautsprecher. Also schließt meine Frau den Kopfhörer an, und setzt sich bei Kerzenschein und mit Decke auf das Sofa. Laut spricht sie die Berichte und Augenzeugenaussagen der Hörer von Radio Hamburg mit. Ich lausche wie ausgehungert. Ausgerechnet jener Sender, der uns mit seiner inflationären Verwendung lächerlicher Anglizismen und übermäßiger Werbung nervt, wird für uns zum wichtigsten Informationskanal überhaupt. Jedenfalls bis fünf Uhr morgens: Mit einem "Klack" liegen wir im hell erleuchteten Schlafzimmer und hören, wie der Kühlschrank, die Gefriertruhe und die beiden Computer hochfahren. Die Zivilisation kehrt zurück. Wann habe ich das letzte Mal dafür laut "Danke" gesagt?