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Helfer in Myanmar: "Die Situation ist katastrophal"

In Myanmar sind vermutlich mehr als 100.000 Menschen durch den Zyklon "Nargis" getötet worden. stern.de sprach mit Alexander Richter von den Johannitern kurz vor seinem Abflug in die Krisenregion, wie die Hilfe am besten organisiert werden muss und was vor Ort zu tun ist.

Herr Richter, Sie sind gerade auf dem Weg nach Myanmar. Was können Sie vor Ort ausrichten?

Wir sind die Augen und Ohren der Aktion "Deutschland Hilft". Wir müssen erkunden, was überhaupt benötigt wird. Ob es Planen, Moskitonetze oder auch Medikamente sind. Wir wissen fast gar nichts - lediglich das, was über die Presse und unsere Kontakte vor Ort durchsickert. Auch beim Tsunami in Thailand wurde erst ein Erkundungstrupp vorgeschickt, um die Lage zu sondieren.

Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen? Was machen Sie, wenn sie am Flughafen ankommen?

Das ist sehr schwer zu sagen, denn diese Katastrophe ist kaum mit anderen aus der Vergangenheit vergleichbar. Die Regierung lässt derzeit noch sehr wenig Hilfe von Außen zu. In der Vergangenheit lief es bei Großkatastrophen immer so, dass am Flughafen eine Sammelstelle für die Hilfsorganisationen eingerichtet worden ist. Da hat man sich angemeldet und zusammen die Bedürfnisse eruiert. In den vergangenen Jahren ist ein sehr gut funktionierendes und internationales System entstanden, das schnell und umfassend Hilfe bereitstellen kann.

In Myanmar hat die Regierung bislang nur wenig Interesse an dieser Hilfe gezeigt. Erst vor wenigen Stunden hat sie der UN erlaubt, Hilfe einzufliegen.

Wir hoffen, dass die Regierung durch den internationalen Druck verstärkt Hilfe von Außen zulässt. Unsere Partner vor Ort erzählen uns, dass die Lage katastrophal ist. Die Bestände an Hilfsmaterialien sind beschränkt und werden schnell aufgebraucht sein, wenn von Außen nichts hereingelassen wird. Deshalb muss die Regierung die Grenzen öffnen. Das was bislang ermöglicht wurde, reicht bei weitem nicht aus.

Haben Sie Kontakt zu Regierungsvertretern?

Meines Wissens haben wir überhaupt keinen Kontakt. Das ist deshalb auch eine wichtige Aufgabe vor Ort. Die Regierung muss uns sagen, was gebraucht wird, was wir organisieren müssen.

Wie schnell kann ein Hilfskonzept stehen?

Es kommt darauf an, was gefordert ist. Wenn zum Beispiel Baumaterialen notwendig sind, müssen die erst organisiert werden. Bei Dingen, die bereits vorhanden sind, ist es viel einfacher. Einige Organisationen haben ganze Feldlazarette auf Lager, die könnten binnen zwei bis vier Tagen eingeflogen und aufgebaut werden.

Welche Probleme müssen am dringensten gelöst werden?

Das Irrawaddy-Delta war die Reiskammer des Landes - dort wird drei Mal pro Jahr geerntet. Jetzt ist die Fläche mit Salzwasser überschwemmt. Anpflanzen ist bis auf weiteres nicht mehr möglich. Wie schlimm es aber wirklich ist, können wir erst sagen, wenn wir uns einen Eindruck vor Ort verschafft haben. Darüber hinaus beginnt jetzt die Regenzeit, die im Juni und Juli ihren Höhepunkt erreichen wird. Die obdachlosen Menschen müssen vor diesem Regen geschützt und mit Nahrung und Trinkwasser versorgt werden.

Wie kann man eine Millionen Menschen schnell versorgen und in Sicherheit bringen?

Das Flüchtlingshilfswerk der UN, das UNHCR, ist da sehr gut aufgestellt. Es müssen sehr schnell einfache Zelte her. Auch hier hängt alles an der Regierung: Die Grenzen müssen jetzt geöffnet werden, damit die Hilfe ins Land kommen kann.

Wie hoch ist die Gefahr von Seuchen? In den überschwemmten Gebieten schwimmen immer noch unzählige Leichen auf dem Wasser.

Die Seuchengefahr geht nicht von den Leichen aus, sondern vom Mangel an sanitären Anlagen und von verschmutztem Trinkwasser. Wenn ein Mensch einen Virus in sich trägt, wird dieser bei einer solchen Katastrophe sehr viel schneller verbreitet, als unter normalen Umständen. Wie hoch die Gefahr in Myanamar wirklich ist, kann von Deutschland aus aber noch nicht beurteilt werden. Sicher ist: Angesichts der Umschwemmungen und der beginnenden Regenzeit wird die Malaria-Gefahr deutlich zunehmen.

Interview: Marcus Gatzke
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