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stern-reportage

"Redneck Mud Park" in Florida: Hier suhlt sich das Amerika des Donald Trump im Schlamm

Hier feiern Trump-Wähler: hart arbeitende Männer und, ja, auch Frauen. An einem Frühlingswochenende lassen sie in Florida die Sau raus. Willkommen im "Redneck Mud Park"!

Im "Redneck Mud Park" trifft sich das Amerika des Donald Trump

It’s a man's world: das "Booty Shaking" vor mächtigen Trucks. Der Hinterntanz ist einer der Festivalwettbewerbe im "Redneck Mud Park"; Frauen führen ihn auch für ihre Freunde auf

Es gibt hier Regeln, auch wenn es nicht so aussieht. Danny Kelly hat sie aufgestellt. "Erstens: Bring dein eigenes Bier mit, deine Bräute und deine Buggys. Zweitens: keine Glasflaschen und Haustiere. Und, am wichtigsten, drittens: keine Feuerwaffen. Einige Männer, die sich am Eingang brav die Kanonen abnehmen lassen, tragen T-Shirts mit Sprüchen wie "Wage nicht, mir die Waffe wegzunehmen" oder "NRA – Wir verteidigen Amerika".

"Wenn die Leute hier auch noch Knarren hätten, würde das keiner überleben", sagt Danny, gibt Gas und fährt einen Baum um.

Danny Kelly ist Chef des "Redneck Mud Park". Er thront wie ein Feldherr in vier Meter Höhe auf seinem Sumpfbuggy, mannshohe Reifen, heulender Motor, Rammbock vorn.

"Rednecks sind konservativ"

Er blickt sich zufrieden um. "Vor zehn Jahren wuchsen hier noch Kartoffeln", sagt er, und man sieht 320 Hektar Schlamm und Staub, fühlt sich wie in einem dieser apokalyptischen Schlachtengemälde aus dem Dreißigjährigen Krieg und weiß nicht, ob man ihm wirklich zu seinem Werk gratulieren soll. Er würde es wahrscheinlich sowieso nicht hören, um ihn dröhnen Buggys, Monstertrucks und Quads. Fast jeder Fahrer hält eine Bierdose, an vielen Fahrzeugen wehen Südstaaten- oder Trump-Fahnen, als seien sie Teil einer dröhnenden, blechernen, Matsch spritzenden Armee.

An diesem Märzwochenende haben sich hier in Florida gut 10.000 Menschen versammelt, die allermeisten von ihnen weiß und männlich, und es geht ihnen in diesen Tagen darum, in überdimensionierten Vehikeln um Schlammlöcher zu sitzen, Bier und Whisky zu trinken, Bikinimädchen anzustarren und all den Übermütigen, Trotteln und Besoffenen dabei zuzusehen, wie sie ihre Wagen im Matsch versenken.

Im "Redneck Mud Park" sieht man Trumps Amerika feiern. Zur gleichen Zeit demonstrieren in Washington Hunderttausende für schärfere Waffengesetze. Zwei Orte, zwei Veranstaltungen, als handle es sich bei den Vereinigten Staaten nicht um ein Land, sondern um zwei Welten.

Danny Kelly walzt sich seinen Weg an den Campingflächen vorbei zum größten Schlammloch des Parks, ein bierbäuchiger Mann sieht ihn und lässt die Reifen seines Trucks durchdrehen, ein Schlammregen schießt Danny zu Ehren durch die Luft. Danny strahlt, als stünde er unter einer Champagnerdusche.

Ashley, 23, gewinnt das Bikini-Bullenreiten im halben Bikini

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"Wir haben keine Angst, uns schmutzig zu machen. Wir sind hier alle Rednecks. Hart arbeitende Leute vom Land. Wir sind nicht auf den Staat angewiesen, wir können uns selbst helfen", sagt Danny.

"Guck mal, da", sagt Dave, der hinter ihm sitzt. Dave ist wie Danny in den Sechzigern, er macht ein wenig PR für den Park und zeigt auf einen Schlammbuggy, an dessen Seite ein riesiger Sticker klebt: "Trumps Border Patrol". Trumps Grenzschutz. Danny lacht.

"Ich habe ein Foto von dem Buggy auf Facebook gestellt, das gab 5000 Likes", sagt Dave.

"Ich habe geschrieben: Wir müssten Trump einladen, ihm würde es hier gefallen. 2000 Leute fanden das gut", sagt Danny.

"Rednecks sind konservativ", erklärt Dave. "Wer herkommt, ehrt, was Amerika groß gemacht hat. Wer hier ist, redet nicht über MeToo und hält nichts von gleichgeschlechtlicher Ehe."

Ein Reifen kostet 2000 Dollar

Auf der anderen Seite des Schlammtümpels wackelt Ashley auf der Plattform eines Buggys mit ihrem Hintern, als seien all die Sexismusdebatten an der Grenze zu Redneck Country abgeprallt. Sie trägt Hotpants und ein Netzhemdchen, das nicht wirklich etwas bedeckt und das sie lüftet, wenn ein Mann von einem vorbeifahrenden Truck "Beads for Boobs" ruft, Perlen für Brüste. Darauf werfen ihr die Männer bunte Plastikperlenketten zu, die sie sich stolz um ihren Hals hängt, Trophäen männlicher Aufmerksamkeit.

Die Auspuffrohre der "Rollin' Coal"-Diesel-Trucks sind gebaut für besonders schmutzige Abgase – auch ein Beitrag zur Klimadebatte

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"Es ist eine Machowelt. Ich stehe auf Männer, die noch echte Männer sind", sagt sie und nimmt einen Schluck aus der Bierdose. Dann erzählt sie, dass sie beim letzten Festival hier beim "Booty Shaking"-Wettbewerb auf der großen Bühne eigentlich hätte gewinnen müssen, doch irgendwer in der Jury hätte was gegen sie gehabt. Beim Bikini-Bullenreiten werde sie es heute Abend allen zeigen.

Ashley ist 23 Jahre jung und sagt, sie arbeite im Bereich der künstlichen Kuhbesamung auf Farmen in Südflorida. Sie ist mit ihrem Freund Tyce und vier seiner Kumpel hier. Auf der Plattform ihres Buggys steht eine riesige Kühlbox, darin eine Flasche Wodka und noch 31 Dosen Corona Extra.

Tyce sitzt am Steuer, im Gegensatz zu Danny, dem Chef des Mudparks, lässt er die Fahrt aber ruhig angehen. Vorsichtig manövriert er den Buggy durch den Schlamm und bringt ihn schon nach einer Runde wieder zum Stehen. "Das ist der Buggy von meinem Boss", entschuldigt er sich. "Ein Reifen allein kostet 2000 Dollar."

Nicht nur Banales im Schilde: Neben einer Trump-Wahlkampf-Fahne flattert das pinkfarbene Symbol des Kampfes gegen Brustkrebs

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Während Ashley ihren Hintern den Jungs vom benachbarten Monstertruck entgegenstreckt, starren Tyce und seine Freunde auf das große Schlammloch, über dem sich der Dieselqualm der Trucks mit dem Alkoholdunst der Fahrer vermischt und in dessen Mitte gerade ein Jeep feststeckt. Zwei Männer springen raus, der eine rettet sein Handy und hält es in die Höhe, der andere rettet erst seine Bierdose, ehe ihm sein Handy einfällt. Zu spät. Schlamm läuft durch die offenen Fenster des Jeeps, der kippt, die Menge um das Schlammloch herum johlt, die Männer aus dem Jeep johlen zunächst auch, doch als der Wagen auf der Seite liegt, ist es, als würden sie erstarren, als weiche schlagartig der Alkohol aus ihren Köpfen. Und man kann dabei zusehen, wie sich in ihnen die Erkenntnis breitmacht, dass sie nun ein Problem haben. Tyce und seine Jungs lachen. Vom benachbarten Schlammbuggy werden sie mit Musik beschallt, es ist ein Lied des Country-Musikers Charlie Daniels, ein Song aus den Achtzigern: "Ich habe eine Bibel auf meinem Nachttisch. Ich habe eine Fahne in meinem Vorgarten. Was diese Welt braucht, sind ein paar mehr Rednecks. Was diese Welt braucht, ist mehr Respekt für Gott, das Gesetz und den hart arbeitenden Mann."

Redneck ist ein Lebensgefühl

Das Wort "Redneck" war ursprünglich abfällig gemeint. Arme weiße Landarbeiter in den Südstaaten wurden so genannt, wegen des Sonnenbrandes im Nacken nach der Feldarbeit. Später wurde es die abfällige Bezeichnung für die reaktionäre, ungebildete Landbevölkerung. Die Menschen hier im "Redneck Mud Park" bezeichnen sich voller Stolz so. Die wenigsten sind wirklich arm, neben 25-Dollar-Zelten aus dem Supermarkt stehen riesige Wohnmobile auf den Campingflächen und Monstertrucks, die 100.000 Dollar und mehr gekostet haben. Redneck zu sein bezeichnet keine Klasse. Redneck ist heute eine Kultur, ein Lebensgefühl. Und seit Trump auch das Gefühl, dass die Macht im Land sich endlich wieder zu ihren Gunsten verschieben kann.

Alle hier eint der Stolz, dass sie diese Ungetüme von Fahrzeugen in ihren Hinterhöfen selbst zusammenschrauben können, dass sie Berge von Fleisch grillen, dass sie nicht wissen wollen, wie ein Cabernet Sauvignon schmeckt, dafür aber Unmengen amerikanisches Bier vertragen können, mit Waffen umgehen und mit Kettensägen, dass sie die Welt wieder so haben wollen, wie sie in ihren Augen einmal war, als es noch etwas galt, weiß und ein Mann zu sein. Als die Welt übersichtlich war und niemand davon sprach, dass man die Südstaaten-Fahne einrollen müsste, weil sie ein Symbol für Rassismus und Sklaverei ist.

Sie haben sich an diesem Wochenende hier eine trotzige Gegenwelt im Matsch geschaffen. "Ein wahrer Redneck", sagt Henry, ein bärtiger Mann mit einem Südstaaten-Emblem an seiner Halskette, "interessiert sich einen Scheiß für alles andere, außer Essen auf den Tisch zu stellen, zu arbeiten und zu saufen. Wenn einer keinen Job hat und sich nicht selbst versorgen kann, dann soll er zur Hölle fahren." Doch heute sei das schwerer als früher, die Mexikaner, die ganzen Illegalen würden ihnen die Jobs wegnehmen; es sei gut, dass Trump endlich die Mauer baue.

Ein Schlammbad soll ja gesund sein ...

Ein Schlammbad soll ja gesund sein ...

Die Männer finden sich wieder in Trump, dieser Karikatur eines besonders männlichen Mannes, der Gegner beleidigt, der fast immer in Superlativen spricht, der aggressiv seinen eigenen Vorteil sucht und im Wahlkampf über seine Penislänge redete. Die Männer hier müssen nicht über Penislängen reden, sie haben ihre Monstertrucks mit Aufklebern wie: "Ich liebe Waffen und Titten." – "Bau die Mauer, deportier sie alle." – "Weiße Leben zählen." – "Dieser Aufkleber ist schwarz, hier darf Nigger stehen." Auf einem Sticker pinkelt

Trump auf das Wort "Demokraten". Trump ist wie ein Spiegel ihrer Ängste, Überzeugungen und Träume. Und ihres Frauenbildes. An der Monstertruck-Rennstrecke steht am Nachmittag Guy, 60 Jahre alt, mit seiner Familie, Ehefrau, Tochter und Sohn mit jeweiligen Partnern, sie trinken Bier und Zimt-Whisky. Da kommt ein Fotograf vorbei. "Willst du Titten sehen?", fragt Guy und zeigt auf seine Tochter Kayci und die Freundin seines Sohnes, die im knappen Bikini auf der Ladefläche des Pick-up-Trucks sitzen. Die beiden stehen auf und rekeln sich für die Kamera.

Titty Lane

"Wow!", schreit Guy. "Heute Abend wird es noch heißer. Ihr müsst auf die Titty Lane gehen."

Kayci, seine Tochter, trinkt Jack Daniel's.

Warum stellt sie sich so zur Show? "Ich mag die Aufmerksamkeit", sagt sie. "Es ist ein riesiger Spaß." Und die aufdringlichen Männer hier? "Die meisten hier sind voll in Ordnung. Es sind eben Männer."

Abends, wenn all der aufgewirbelte Staub sich über dem Gelände senkt, stellen sie auf dem Platz vor der Rennstrecke ihre Trucks und Buggys zum Spalier auf und cruisen hindurch. Die meisten Männer tragen Gummistiefel und die Matschflecken wie Orden auf ihren T-Shirts, sie trinken auf den Ladeflächen, viele Frauen tragen knappe Bikinis und wackeln mit ihren Hintern, dazu verklebt aus all den überdimensionierten Audioanlagen ein Brei aus Country und Hip-Hop die Ohren. Auch ein Redneck ist nicht immun gegen schwarze Populärkultur.

Ashley hat ihre Hotpants gegen einen Tanga ausgetauscht, sie läuft zur Rodeo-Maschine, die Männer drängen sich um das Gerät, gaffen und filmen mit ihren Handys. Ashley springt auf, winkt dem Publikum zu und hält sich fast eine Minute auf dem Maschinenbullen. Am Ende holt sie den ersten Preis, 500 Dollar, und es wird nicht klar, warum sie gewonnen hat, vielleicht lag es daran, dass sie als einzige Teilnehmerin barbusig angetreten ist.

Im Schlammloch zeigt sich, wer seinen Monstertruck am besten beherrscht

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Auf die erste große Schlägerei muss man nicht bis Mitternacht warten. Sie nimmt ihren Anfang, als eine volle Bud-Light-Bierdose um kurz nach 22 Uhr einem jungen Mann auf der Ladefläche eines Pickup-Trucks ins Gesicht fliegt, als dessen Lippe aufplatzt und seine Freunde zur Stelle sind. Ein Redneck kämpft, wenn er kämpfen muss.

Ein Mann entert einen der Schlammbuggys mit den mannshohen Rädern und drischt bierenthemmt auf einen anderen ein. Unten prügelt sich schnell ein Dutzend Rednecks, die damit so beschäftigt sind, dass ihnen gar nicht klar wird, welch ein Glück sie haben, dass ein Monstertruck gerade rechtzeitig vor ihnen zum Stehen kommt. Plötzlich fliegen von allen Seiten Bierdosen über die Köpfe, eine Blondine in Bikini versucht vergebens zu schlichten, Sicherheitsleute stürmen herbei und werden so lange herumgeschubst, bis einer von ihnen Tränengas versprüht und die Leute schreien und auseinanderrennen.

Zwei Dosen Bier in fünf Schlucken

Am nächsten Morgen reden Emma und ihre Freunde noch immer aufgeregt über die Schlägerei und darüber, wie das Tränengas in ihren Gesichtern gebrannt hat. Zwei aus ihrer Clique hat der Sheriff mitgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Dann sagt Emma: "Lasst uns das restliche Bier austrinken." Sie verteilt warme Bierdosen, die sie aufstechen und in Sekunden leeren, einer holt einen Trichter mit Schlauch, ein anderer hängt sich darunter und würgt zwei Dosen Bier in fünf Schlucken herunter. Bald sind die Freunde im Gefängnis kein Thema mehr. Stattdessen kommt die Frage auf, wer noch fahren kann und wann sie sich einreihen in den langen Zug der Trucks, die sich nun auf den Weg nach Hause machen.

Mindestlohn: Männer werfen Frauen Plastikperlenketten zu, wenn die ihre Brüste zeigen

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Zurück in die Realität, die einfach nicht stillstehen will. In der es Liberale gibt, die sich über die Südstaaten-Fahne aufregen, und Debatten über Gleichberechtigung, Sexismus und Waffengesetze.

In der ihre Monstertrucks zu groß und zu laut und sinnlos sind.

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