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Interview mit Terror-Experten IS-Raubkunst? "Die Weltgemeinschaft hat versagt"


Der Islamische Staat finanziert seinen Terror auch mit Raubgrabungen. Dabei helfen ihm auch Sammler in Europa. "Die Weltgemeinschaft hat komplett versagt", sagt der Autor Günther Wessel im Interview.
Von Anja Lösel

Räuber, Schmuggler, Fälscher - "Das schmutzige Geschäft mit der Antike" ist das erste Buch, das sich intensiv mit dem illegalen Kunsthandel im Nahen Osten beschäftigt. Der stern sprach mit dem Autor Günther Wessel über den Terrorismus des sogenannten Islamischen Staates (IS) in Syrien und über die Zerstörung des Weltkulturerbes.

Gerade haben die Terroristen des IS wieder einen Tempel in Palmyra gesprengt. Sie zerstören mutwillig das Weltkulturerbe in Syrien...

Günther Wessel: Wir sollten bei all diesem Grauen als erstes an die Menschen denken, die in Syrien leben. Für sie ist es eine Katastrophe.

Vor zwei Wochen wurde der Chef-Archäologe von Palmyra brutal ermordet. Weil er nicht verraten wollte, wo die Schätze aus seinem Museum versteckt sind. Warum sind die Terroristen so hinter den Antiken her?

Weil sie damit ihren Terror-Aktionen finanzieren.

Wie hoch ist der Umsatz, der mit illegalen Antiken-Verkäufen gemacht wird?

Das FBI schätzt, dass es sechs bis acht Milliarden Dollar im Jahr sind. 
Antiken sind ein Rohstoff, die Räuber wissen, dass es dafür eine Markt und Sammler gibt.

Wie funktioniert dieser Markt? Wie kommen die Antiken aus Syrien zu uns?

Die Antikenräuber werden vom IS bezahlt. Er vergibt Lizenzen für illegale Grabungen, und beim Verkauf müssen die Räuber einen Teil ihres Gewinns an den IS abführen.

Wie gelangen die Stücke aus dem Land?

Die Schmuggler benutzen die üblichen Wege, die auch für Waffen und Drogen herhalten müssen. Vielen ist es egal, was sie illegal über die Grenzen bringen. Kunstwerke sind für sie nur ein illegales Geschäft unter vielen. Schmuggler sind keine Kunstkenner.

Das erklärt, warum sie nicht immer sorgfältig umgehen mit den Antiken.

Ja, sie schlagen auch mal ein Relief auseinander, wenn es zu groß ist, und verkaufen die Teile dann einzeln. Kunst interessiert diese Leute nicht. Nur Geld.

Mit welchen Tricks arbeiten die Schmuggler?

Da werden zum Beispiel im Souvenir-Shop Nachbildungen gekauft, die mit Erlaubnis eines Museums hergestellt sind. Die Lizenz des Museums kleben die Schmuggler an eine echte Antike, und fertig ist die Fälschung. Das merkt keiner.

Wer kontrolliert die Einfuhr, wer fahndet nach den Betrügern?

Die Strafverfolgungsbehörden sind leider total unterbesetzt. Die sitzen mit zweieinhalb Planstellen am gesamten Thema Kunst. Da gibt es viel zu wenige Experten.

Wo wandern die Dinge hin?

Nach Europa, in die USA, zunehmend auch in die Golfstaaten. Dort wird viel gesammelt. Woher haben denn die großen Museen in Katar, die gerade aufgebaut werden, ihre Schätze? Manches stammt da vermutlich aus dubiosen Kanälen. Aber das zu beweisen ist schwer.

Bevor die Antiken in Museen oder bei Sammlern landen, werden sie im Handel angeboten. Sitzen da lauter Betrüger, die die Herkunft ihrer Ware verschleiern?

Bestimmt nicht. Aber bei einigen Händlern fragt man sich doch: Wo kaufen die? Wo kommen die Dinge her? Oft heißt es: Das stammt aus altem Familienbesitz. Oder aus einer französischen Privatsammlung der 70er Jahre, und leider sind die Papiere verloren gegangen.

Das lässt sich schwer widerlegen.

Als Händler kann ich so was glauben. Ich kann aber auch sagen: Wenn es keinen richtigen Beleg gibt, lasse ich lieber die Finger davon.

Wegen solcher Unsicherheiten soll es bald ein neues Kulturgüterschutzgesetz geben. Das soll offizielle Ausfuhrpapiere vorschreiben. Wird dann alles besser?

Vieles. Zum ersten Mal soll es eine Sorgfaltspflicht der Händler geben. Das heißt: Sie müssen beweisen, dass die Antiken legal im Land sind und nicht aus Raubgrabungen stammen. Sie brauchen Exportpapiere.

Kann man die nicht fälschen?

Die Versuchung ist groß. Vor allem, wenn so viel Geld im Spiel ist. Aber damit müssen wir leben, das sind dann hoffentlich nur noch Einzelfälle. Autos werden auch geklaut, obwohl das verboten ist. Auch da werden Papiere gefälscht.

Was können wir gegen Raubgrabungen tun?

Wir haben den richtigen Zeitpunkt zum Eingreifen verpasst. Wir haben die Sprengungen und Zerstörungen in Palmyra nicht verhindert. Die Weltgemeinschaft hat komplett versagt. Und es wäre auch bigott zu sagen: Wir marschieren wegen der Tempel ein, aber nicht wegen der Menschen.

Kann der IS in Pamyra nun machen, was er will?

Leider. Es ist eine steigende Eskalation. Zuerst zerstörten sie Statuen, dann ermordeten sie den Antikenchef Khaled al-Asaad, und jetzt sprengen sie das Weltkulturerbe. Der IS führt uns vor und zeigt, wozu er fähig ist. Er macht kaputt, worauf wir uns in unserer Kultur beziehen.

Wäre es möglich die Schätze wenigstens an den Orten zu sichern, die noch nicht vom IS besetzt sind?

Ich halte das für komplett illusorisch. Das sind riesige Grabungsfelder, gigantische Gelände. Soll man da einen fünf Meter hohen Zaun drum herum bauen? Und noch was: Ein Antikenwächter verdient vielleicht 50 Euro im Monat. Was macht er denn, wenn ich ihm 2000 Euro hinlege?

Sind wir also völlig machtlos?

Nein. Wir müssen bei den Sammlern ansetzen. Vielen wird erst jetzt klar, dass auch sie Schuld tragen an Raubgrabungen und Schmuggel. Syrien ist ein Weckruf, ein Anlass nachzudenken. Sammler sind in der Regel keine Schurken. Langsam erkennen sie, dass es nicht korrekt ist, Dinge aus Raubgrabungen zu kaufen. Das muss so laufen wie bei der Großwildjagd: Das tut man einfach nicht.

Der Kauf von Antiken muss geächtet werden?

Ja, wenn sie aus Raubgrabungen kommen, und das sind die meisten, die auf dem Markt sind. Antiken sind kein Verkaufsgegenstand wie jeder andere. Es ist etwas anderes, ob ich das Erbe der Menschheit verticke oder einen Gebrauchtwagen verkaufe. 


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