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Katastrophe in Japan Kouka und das Tagebuch der Hoffnung


Die Geschichte von Kouka ist eine hoffnungsvolle Episode aus dem Unglücksgebiet. Mitsuko Sobata von der Hilfsorganisation World Vision erlebt viele Dramen voller Leid und Hoffnung. Ihre Schilderungen.
Von Manuela Pfohl

Kouka quietscht vergnügt auf dem Arm ihrer Mutter. Die Kleine ist ein Jahr und vier Monate alt, und sichtlich zufrieden. Nichts deutet darauf hin, dass ihr Leben vor wenigen Tagen am seidenen Faden hing. Denn am Freitag, den 11. März, ist Sachie Saijo mit ihrer Tochter Kouka auf dem Arm nur ganz knapp dem Tsunami entkommen. Nun sitzt sie in der Yokoyama-Grundschule, einer der 40 überfüllten Notunterkünfte in der ursprünglich 20.000 Einwohner zählenden Stadt Minamisanriku. Dort erzählt sie World Vision-Mitarbeiterin Mitsuko Sobata was sie erlebte am Tag, als die große Welle kam und mindestens der Hälfte der Einwohner das Leben nahm.

"Wir waren zu Hause und Kouka schlief gerade, als ich merkte, dass die Erde bebt. Dann sah ich die Riesenwelle, die direkt auf uns zurollte. Also hab ich die Kleine geschnappt und bin so schnell ich konnte die Berge hochgerannt, weg vom Wasser. Irgendwann schaute ich zurück und sah: Der Tsunami hatte unser ganzes Haus einfach fortgeschwemmt. Nichts war mehr da."

Mit 13 anderen Nachbarn harrt Sachie Saijo in der eisigen Kälte der Nacht aus. Sie hat ihre Schuhe verloren, Kouka weint, sie hat Hunger und ihre Windeln sind voll. Jeder in der Gruppe ist verzweifelt, viele wissen nicht, was mit ihren Angehörigen ist. Und doch: Von einem Mann bekommt Sachie Saijo ein Stück Papier, mit dem sie Kouka notdürftig wickeln kann und eine Frau schenkt ihr eine Süßigkeit. "Die habe ich zerkaut und den Brei dann Kouka in den Mund gesteckt. Gegen den Hunger." Erst als die Dämmerung einsetzt, werden die Menschen von Feuerwehrleuten entdeckt, die ihnen den Weg zu einer der Notunterkünfte weisen. Auf Socken läuft die Mutter an einer verbeulten Bahntrasse entlang, bis ein Rettungsbus sie aufnimmt. Stunden später ist sie endlich in Sicherheit. Es ist der 12. März, vier Uhr nachmittags. Noch ahnt kaum einer, dass Japan gerade die größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt und dass in wenigen Stunden Atom-Alarm ausgelöst werden wird.

"Sie stehen alle unter Schock"

Mitsuko Sobata arbeitet schon seit langem für das internationale Kinderhilfswerk World Vision in Japan. Als die ersten Meldungen über Zerstörungen durch das Erdbeben und den Tsunami eintreffen, und die Koordinierungsmaßnahmen anlaufen, wird sie von Tokio aus in das Katastrophengebiet geschickt, um dort zu helfen. Zwei Tage später ist sie in Minamisanriku. Es ist Montag, der 14. März.

Fast überall rund um das Epizentrum an der Ostküste herrscht Chaos. Die Zahl der Toten und Vermissten steigt stündlich. Zunehmend Sorge macht auch die Zerstörung des AKW Fukushima. Nach und nach wird bekannt, dass dort radioaktive Strahlung austritt. "Natürlich machen auch wir uns Sorgen wegen der radioaktiven Bedrohung. Aber die Sache ist die: Es gibt soviel Not - und darauf müssen wir reagieren", sagt Mitsuko Sobata.

Trotz alledem ist sie von der Stärke der Menschen ermutigt. "Sie bleiben ruhig, helfen einander und teilen, was sie haben. Sie stehen alle unter Schock, aber zugleich arbeiten sie zusammen. Das macht mich stolz, eine Japanerin zu sein und stolz darauf, dass die Japaner zusammen halten. Wir stehen vor unvorstellbaren Herausforderungen - aber wir stellen uns ihnen als vereinte Nation."

Doch auch die internationale Hilfe läuft an. Die USA, Deutschland, Russland und viele andere Staaten sowie dutzende Hilfsorganisationen schicken Rettungskräfte und Hilfsgüter ins Land. Mitsuko Sobata staunt: "Heute erfuhren wir sogar von einer Spende aus Afghanistan, aus Khandahar, eine Spende von beträchtlicher Höhe für dortige Verhältnisse. Das ist so ermutigend für uns als Japaner."

30 Leute teilen sich eine Schüssel Reis

16. März. Mitsuko Sobata hat das Elend in Minamisanriku gesehen und notiert: "Alles war überspült, und es fällt mir schwer über meine Gefühle bei diesem Anblick zu berichten. Ich bin überwältigt von dem, was ich gesehen habe."

Sie trifft einen 60-jährigen Mann, der bei der Katastrophe sechs Verwandte verloren hat und ihr erzählt, wie er mit anderen Nachbarn vor der Welle floh, wie die Gruppe zwei Nächte in den Bergen verbrachte, wie sie ein kleines Feuer anzündeten und mit Schnee versuchten, Wasser für Reis zu erhitzen. Er sagt ihr: "Wir hatten nur ein bisschen Reis, aber wir 30 teilten uns das Mahl. Unter uns waren auch einige Kinder."

18. März. Die Verteilung von Hilfsgütern an die rund 9600 Bedürftigen in Minamisanriku hat begonnen. Doch nicht nur die materielle Bewältigung der Not wird dringend gebraucht. Der Leiter der Caritas Japan, Daisuke Narui, weist auf den wachsenden Bedarf an psychologisch geschultem Personal hin: "Nach den ersten Wochen, in denen es vor allem ums Überleben geht, werden sich Einsamkeit, Verzweiflung und Trauma bemerkbar machen. In dieser Situation dürfen wir die Menschen nicht allein lassen."

"Vergessen Sie uns nicht"

Mitsuko Sobata muss deshalb auch zuhören, wenn die Verzweifelten ihre Geschichten erzählen, wenn sie Glück und Trauer und ihre Hoffnungen teilen wollen. Wie die 18-jährige Natsuni Sugawa, die sagt: "Seit dem Tsunami ist nichts mehr, wie es war. Ich wollte eigentlich Wirtschaft studieren, jetzt möchte ich mich eher sozial engagieren, nachdem ich gesehen habe, wie wichtig Hilfe sein kann."

Ihr 15-jähriger Bruder entkam nur knapp den tödlichen Fluten: "Im letzten Moment schaffte ich es auf den Dachgiebel des Schulhauses", erzählt er. Einige seiner Freunde und Lehrer seien in den Fluten verschwunden und gelten als vermisst.

Mitsuko Sobata trifft auch den stellvertretenden Bürgermeister der Stadt. Er erzählt ihr unter Tränen, dass die Gemeindevertreter gerade eine Sitzung hatten, als der Tsunami kam und dass keiner für möglich gehalten hätte, dass die Welle eine solche große Zerstörung anrichten könnte. "Wir sind eine kleine Stadt. Nach ein, zwei Monaten werden die Menschen unsere Situation vergessen. Aber um sich von Geschehnissen wie diesen zu erholen, da braucht man ein, zwei Jahre oder sogar noch mehr. Ich hoffe, Sie werden uns weiter unterstützen und bitte….vergessen Sie uns nicht."

Eine Botschaft für Kouka

21. März. Die Zahl der Toten als Folge der Naturkatastrophe steigt immer weiter. Nach jüngsten offiziellen Angaben sind durch das Beben und den Tsunami bisher fast 9100 Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl der Vermissten liegt nun bei mehr als 12 600 Menschen in sechs Präfekturen. Problematisch ist auch, dass weiterhin mehrere Dörfer im Tsunami-Gebiet von der Außenwelt abgeschnitten sind. Hubschrauberflüge werden durch andauernden Regen und Schneefall stark beeinträchtigt. Allerdings sollen rund 90 Prozent der Straßen in den heimgesuchten Regionen inzwischen wieder passierbar sein.

22. März. Sachie Saijo ist nun schon seit zehn Tagen mit ihrer Tochter Kouka in der Yokoyama-Grundschule untergebracht. Irgendwie haben sie und die anderen Flüchtlinge sich mit den Verhältnissen arrangiert. Noch ist nicht absehbar, was aus ihnen wird, jetzt, wo ihr Zuhause nicht mehr existiert. Ihren Optimismus hat Sachie Saijo dennoch nicht verloren. Ein Helfer aus einer nahe gelegenen Baumschule hat irgendwann Milch für Kouka organisiert. Es gibt frische Kleidung und warme Misosuppe. Und World Vision brachte sogar Windeln mit. 130.000 Stück für die betroffene Region um Minamisanriku. Seitdem sei auch Kouka deutlich zufriedener, lacht ihre Mutter und sagt zu Mitsuko Sobata: "Schau, was dort als Motto der Schule steht. 'Fliege in die Zukunft.' Das ist doch eine Botschaft - wie für Kouka gemacht."


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