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Journalistin Daphne Caruana Galizia: Sie berichtete, wie Politik und Mafia Hand in Hand arbeiten. Sie musste sterben

Sie war der Star unter den Journalisten Maltas. Daphne Caruana Galizia berichtete, wie Politik und Mafia im Inselstaat Hand in Hand arbeiten. Und zahlte dafür wohl mit ihrem Leben.

Von Veronica Frenzel und Andrea Ritter

Malta: Ermordete Journalistin untersuchte Verschwörung von Mafia und Politik

Daphne Caruana Galizia, 53, schrieb in ihrem Blog über Korruption, Geldwäsche, Steuerhinterziehung. Rechts: Eine Frau legt Blumen auf einem Feld nieder – dort, wo die Journalistin am 16. Oktober von einer Bombe in ihrem Auto getötet wurde

Es riecht noch nach verbranntem Plastik, am Straßenrand liegen Wrackteile, zerfetzte Reifen, geschmolzene Kotflügel. Das Loch, das die Autobombe in die Fahrbahn gerissen hat, ist fünf Tage nach dem Attentat schon mit frischem Teer aufgefüllt.

Die 53-jährige Journalistin Daphne Caruana Galizia hatte sich mit dem Wagen gerade ein kurzes Stück von ihrem Haus entfernt, als ihr Mörder über Fernsteuerung die Bombe zündete. Die Wucht der Explosion schleuderte den Peugeot hundert Meter durch die Luft, mitten in ein abgeerntetes Getreidefeld. Dort ist ein schwarzer Fleck zurückgeblieben.

Daphne Caruana Galizia hatte stets das beste Material

Eine elegant gekleidete Frau um die 50 legt einen Blumenstrauß neben die verbrannte Stelle ins Feld. Sie sagt, sie sei ein Fan der Journalistin. "Noch immer rufe ich mehrmals am Tag ihre Website auf, ganz automatisch." Und jedes Mal, wenn sie den letzten Eintrag sehe, fange sie an zu weinen. Die Frau hat eine Karte in den Blumenstrauß gesteckt. "Daphne, Malta still needs you!", steht darauf. Daphne, Malta braucht dich noch immer.

Daphne Caruana Galizia galt als beste und kompromissloseste investigative Journalistin des Inselstaats. Unermüdlich kritisierte sie die maltesische Politik. Vermutete sie irgendwo Korruption, schrieb sie ihren Verdacht auf. Sie nannte nicht nur Politiker mit Namen, sondern auch Geldwäscher, Steuerhinterzieher, Drogendealer, Mafiosi. "Egal, wo man hinsieht – die Verbrecher sind inzwischen überall", hatte sie als letzten Eintrag in ihrem Blog "Running Commentary" geschrieben, etwa eine Stunde vor ihrem Tod.

Peter und Matthew Caruana Galizia (2. u. 3. v. l.), Mann und Sohn der Toten, mit Polizisten am Tatort

Peter und Matthew Caruana Galizia (2. u. 3. v. l.), Mann und Sohn der Toten, mit Polizisten am Tatort

Sie war streitbar und auch umstritten. Vor allem aber wurde ihr zugehört. Was sie schrieb, war populär – denn Politik gilt als das liebste Hobby der Malteser. Anstatt über Sportler oder Promis, die es auf der Insel kaum gibt, reden die Leute über Politiker. Das große Interesse spiegelt sich auch in der Wahlbeteiligung wider, die so hoch ist wie in keinem anderen europäischen Staat. Liegt sie mal bei 93 Prozent, heißt es, die Malteser seien politikverdrossen. Den Stoff für das Gesprächsthema Nummer eins liefern Journalisten und Blogger. Und Daphne Caruana Galizia hatte stets das beste Material.

Jeden Tag veröffentlichte sie mehrere bissige Einträge, fast täglich enthüllte sie einen Skandal oder verbreitete zumindest ein klatschtaugliches Gerücht. Ihr Blog wurde an manchen Tagen öfter angeklickt als die meisten maltesischen Nachrichtenwebsites, in der Spitze fast 400.000 Mal. Malta hat 440.000 Einwohner.

Das schmutzige Geld

Auf der Anhöhe, nicht weit oberhalb des Felds, auf dem das Auto verbrannte, steht das Haus der Familie Caruana Galizia. Dort hatte sich Daphne Caruana Galizias Sohn Matthew nur wenige Minuten vor dem Anschlag von seiner Mutter verabschiedet, dort hatte er die Explosion gehört, war sofort hinausgelaufen, hatte noch versucht, die Flammen des brennenden Autos mit dem Feuerlöscher zu ersticken. Bis er das zerfetzte Bein seiner Mutter sah und zusammenbrach.

Seit dem Nachmittag des Attentats stehen drei Polizisten mit schwarzen Spiegelsonnenbrillen und verschränkten Armen vor der staubigen Einfahrt. Sie bewachen die trauernde Familie, die drei Söhne und den Ehemann der Toten, die in diesen Tagen die Beerdigung organisieren.

Doch mehr als die Trauerfeier, die am Freitag stattfand, beschäftigt die Familie das ideelle Erbe der Reporterin. Matthew Caruana Galizia ist wie seine Mutter Journalist. Er hat mit einem internationalen Team die "Panama Papers" ausgewertet, jene vertraulichen Unterlagen des panamaischen Finanzdienstleisters Mossack Fonseca, die vor einem Jahr ans Licht kamen und die Verstrickungen von Einzelpersonen, Firmen und Staaten in illegale Geldwäsche- und Steuergeschäfte belegen.

Maltas Premierminister Joseph Muscat mit seiner Frau Michelle

Maltas Premierminister Joseph Muscat mit seiner Frau Michelle

Das EU-Land Malta spielt dabei eine besondere Rolle: eine Steueroase, die unter anderem unzählige Briefkastenfirmen beherbergt – ein System, von dem Wirtschaft und Bevölkerung des Lands enorm profitieren. Ein System, das aber auch Grauzonen bietet und einen Nährboden für das organisierte Verbrechen liefert. Daphne Caruana Galizia hat immer wieder die Verbindungen zwischen Politik, Institutionen und illegalen Geschäften angeprangert und versucht, diese offenzulegen: "Mafia-Politik" war ihr Wort dafür. In den Panama Papers hatte Caruana Galizia etwa entdeckt, dass Michelle, die Ehefrau des Premierministers Joseph Muscat, offenbar Schmiergelder aus Aserbaidschan angenommen hat. Andere Regierungsmitglieder haben Verbindungen zu Offshore-Firmen, bei denen es auch um das Geld geht, das mit dem Verkauf von Pässen gemacht wird: Ausländer können für 650.000 Euro die maltesische Staatsbürgerschaft erwerben.

Die Kultur der Straflosigkeit ermuntert das organisierte Verbrechen

"Malta ist besonders skrupellos, wenn es darum geht, schmutziges Geld anzuziehen", sagt Fabio de Masi von der Linkspartei. Er war im Vorsitz des EU-Untersuchungsausschusses zu den Panama Papers, dessen Abschlussbericht vergangenen Donnerstag erschienen ist. Premierminister Muscat habe sich bei der Aufarbeitung nicht besonders kooperativ gezeigt. Regierungsmitglieder, die in die Panama Papers verwickelt waren, haben ihre Posten behalten. "Diese Kultur der Straflosigkeit ermuntert das organisierte Verbrechen. Man weiß, dass die Mafia Geld beim Online-Glücksspiel wäscht. Diese Branche macht in Malta zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, zehnmal so viel wie im EU-Durchschnitt."

Bei der wegen der Skandale angesetzten Neuwahl im Juni wurde die Regierung Muscats trotz allem bestätigt. "Das wunderte mich nicht", sagt Fabio de Masi. "Die Alternative – die konservative Partei – hätte wohl auch nicht anders gehandelt. Das ist ein hermetisches System. Das ist in vielen Steueroasen so."

Malta ist von einem Zwei-Parteien-System geprägt, manche nennen es auch ein "Stammessystem" – jeder Maltese fühlt sich einer der beiden Parteien zugehörig. Daphne Caruana Galizia galt als Sympathisantin der konservativen Nationalist Party, die seit vier Jahren in der Opposition ist. Viele ihrer Gegner hatten das Parteibuch der regierenden Labour Party. Vor allem Muscat wies Daphne Caruana Galizia wiederholt Korruptionsskandale nach. Der überzog sie daraufhin mit Verleumdungsklagen – ein nicht unübliches Mittel maltesischer Politiker gegen unliebsame Journalisten. Im Mai hatte Caruana Galizia E-Mails veröffentlicht, aus denen hervorging, dass der Regierungschef eigens eine Londoner Anwaltskanzlei damit beauftragt hatte, sie mit Klagen einzuschüchtern.

Maltas Wirtschaft jedoch geht es so gut wie noch nie, die Bürger der Insel verdienen im Schnitt mehr als je zuvor. Dass mafiöse Strukturen für den Aufschwung mitverantwortlich sind, will kaum jemand hören. "Wieso sollten wir etwas anders machen?", sagen Malteser, wenn man sie auf die Skandale anspricht.

Marionetten und Mafia-Politik

Am vergangenen Wochenende gingen dennoch viele Menschen auf die Straße, um für das Andenken der Journalistin und gegen Korruption zu demonstrieren. Zuvor war es stets nur wenige, die sich offen empörten. Es sei kaum möglich, im Land Kritik zu üben, heißt es, erst recht nicht, wenn man mit der öffentlichen Hand zusammenarbeiten wolle. Ein junger Mann, der als Informatiker der Regierung angestellt war, berichtet, sein Vertrag sei nicht verlängert worden, nachdem er sich auf einer Facebook-Seite kritisch über den Premier geäußert hatte.

Daphne Caruana Galizia, die mit Bezug auf ihren Wohnort von manchen "die Hexe von Bidnija" genannt wurde, hatte geahnt, dass sie in Gefahr war. Zwei Wochen vor dem Anschlag war sie zur Polizei gegangen, hatte gesagt, dass sie sich bedroht fühle. Zuvor hatte sie das immer abgelehnt, Polizisten waren für sie bloß "Marionetten" der "Mafia-Politik". Wie um sie posthum zu bestätigen, schrieb ein Beamter am Tag nach dem Attentat ein Facebook-Post: "Jeder bekommt, was er verdient, Kuhscheiße!" Der Mann wurde suspendiert. Inzwischen äußert man sich im ganzen Land ungewohnt behutsam über die Journalistin; fast könnte man denken, sie hätte keine Feinde gehabt.

Zuletzt hatte sie offenbar nicht zu innenpolitischen Skandalen recherchiert.

Laut mehreren Vertrauten habe sie Dokumente zugespielt bekommen, in denen es um den Öl-Schmuggel zwischen Libyen, der italienischen Mafia und maltesischen Zwischenhändlern ging. Auf Malta kursieren jedenfalls Gerüchte, Caruana Galizia könne sich diesmal mit den Falschen angelegt haben.

Premierminister Joseph Muscat steht jetzt mehr denn je unter Druck. Der Mord an der Journalistin hat die internationale Aufmerksamkeit auf Maltas Geschäfte und die politische Kaste gelenkt. Für jeden weiterführenden Hinweis zum Attentäter hat er eine Belohnung in Höhe von einer Million Euro ausgeschrieben.

"Wenn man mit dem Finger auf Malta zeigt, zeigen drei Finger zurück"

Für die Familie ist es hingegen zweitrangig, wer die Tat ausgeführt hat. Schuld trage das System dahinter – denn das politische Klima im Land habe den Mord ermöglicht. "Leute sagen jetzt: 'Ich hoffe, sie finden den Bastard'", sagte Caruana Galizias Sohn Matthew nach dem Attentat im Gespräch mit Journalisten. "Aber wir wissen, wo die Bastarde sitzen. Sie sind in der Regierung. Im Fernsehen. Und sie alle tragen einen Teil der Verantwortung."

In der Redaktion einer Zeitung hatte seine Mutter schon lange nicht mehr gearbeitet, das hatte auch mit ihren Recherchemethoden zu tun. "Oft basierten ihre Artikel auf den Aussagen von nur einer Quelle, kein Verlag hätte das veröffentlicht", sagt Herman Grech, Nachrichtenchef der "Times of Malta", für die Daphne Caruana Galizia in den 90er Jahren schrieb. Er sagt aber auch: "Oft stellte sich später heraus, dass sie mit ihren Anschuldigungen richtiglag." Andere Kollegen bestätigen, dass sie vor allem ihr eigener Chef sein wollte.

"Sie hatte ganz eigene Maßstäbe", sagt Rachel Attard, die Nachrichtenchefin des "Malta Independent", in dem Caruana Galizia zweimal in der Woche eine Kolumne veröffentlichte. Als Nachrichtenredakteurin hatte sie nur kurz dort gearbeitet. "Sie war scharf und kompromisslos in ihren Forderungen nach moralischen Standards." Ihre Art habe nicht in die Redaktion gepasst. Simon Busuttil, ein hochrangiger Politiker der Nationalist Party und ein Vertrauter der Bloggerin, sagt, sie sei der furchtloseste Mensch gewesen, den er je kennengelernt habe. Dabei habe man ihr die Furchtlosigkeit gar nicht angesehen. Ihr Auftreten sei schüchtern und zurückhaltend gewesen. "Erst mit dem Stift in der Hand wurde sie zur gefürchteten Daphne."

Frage nicht, woher das Geld kommt, und alle werden davon profitieren – dass auf Basis dieser Kriminellenlogik auf Malta Geschäfte gemacht werden, ist spätestens seit den Untersuchungen zu den Panama Papers bekannt. Genauso wie die Tatsache, dass im Schatten verlockender Angebote finanzieller Dienstleister und einer kreativen Steuerpolitik – von der im Übrigen auch zahlreiche europäische Konzerne profitieren – Korruption und organisiertes Verbrechen gedeihen.

Darum reiche es nun auch nicht, sich zu empören und den Mord an der Journalistin zu betrauern, sagt Linkenpolitiker Fabio de Masi. "Wenn man mit dem Finger auf Malta zeigt, zeigen drei Finger zurück", auch das habe der EU-Untersuchungsausschuss verdeutlicht. Deutschland müsse seine Blockadehaltung gegenüber schärferen Geldwäschegesetzen aufgeben. "Man muss die Daumenschrauben anziehen. Wenn in einem EU-Land nicht hinreichend besteuert wird, müssen Quellensteuern auf die Finanzflüsse erhoben werden." Wer Steueroasen toleriert, alimentiert das Geflecht dahinter – auch das zeigt der Mord an Daphne Caruana.

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