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Nach Archiv-Einsturz: Kölns OB stellt U-Bahn-Bau infrage

Oberbürgermeister Fritz Schramma stellt nach dem Unglück in der Kölner Südstadt den Bau der U-Bahn infrage. U-Bahn-Bau in einer Großstadt werde für ihn zu einem grundsätzlichen Problem. Mittlerweile rechnen die Helfer kaum noch mit Überlebenden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen unbekannt.

Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs sind die Rettungsaktionen für die Vermissten am Mittwoch fortgesetzt worden. Die Chance, sie lebend zu finden, ginge wegen der schwierigen Bedingungen eher gegen null, sagte ein Feuerwehrsprecher. "Aber wir arbeiten mit Hochdruck daran." Die Retter suchten nach wie vor mindestens zwei Menschen. "Wir gehen zurzeit von zwei vermissten männlichen Personen aus", so der Sprecher. Bei ihnen handele es sich um Bewohner von Dachgeschosswohnungen in einem der eingestürzten Nachbargebäude. Zudem gingen sie Zeugenaussagen nach, denen zufolge sich ein Auto beim Einsturz unmittelbar vor dem Gebäude befunden haben soll.

Die Kölner Staatsanwaltschaft hat inzwischen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. "Wir gehen dem Verdacht der Baugefährdung und der fahrlässigen Körperverletzung nach", sagte Oberstaatsanwalt Günther Feld auf Anfrage. Die Ermittlungen richteten sich zunächst gegen unbekannt. Eine Vertreterin der Staatsanwaltschaft habe sich bereits am Unglücksort ein Bild von der Lage gemacht und im Einsatzstab des Kölner Polizeipräsidiums mitgewirkt.

Der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma stellte den weiteren U-Bahn-Bau in der Stadt infrage. Ein Zusammenhang des Unglücks mit der nahen Baustelle sei zu vermuten - nun müsse entschieden werden, ob U-Bahn-Bau in dicht bevölkerten Städten überhaupt noch möglich sei. "Für mich wird das jedenfalls zusehends zu einem Problem." Es könne nicht sein, dass dadurch Menschen gefährdet würden. Feuerwehr und Rettungsdienst waren weiter mit mehr als 200 Rettungskräften vor Ort.

Grundsätzlich stelle sich die Frage, so Schramma, "ob man solche Erdmassen unter einer gewachsenen, bewohnten und belebten Stadt wegreißt, wie das Köln nun mal seit 2000 Jahren ist. Dass das nicht ohne Konsequenzen bleibt, das haben wir jetzt an mehreren Stellen gesehen", fügte er im Sender N24 hinzu. Für die Politik sei dies Grund genug, darüber nachzudenken, "ob man solche Vorhaben in Zukunft überhaupt noch einmal starten kann".

Wegen der Einsturzgefahr konnten die Rettungskräfte am Vormittag immer noch nicht an die unmittelbare Unglücksstelle vordringen. Durch das Wegbrechen des Bürgersteigs vor dem Gebäude war Erdreich in die dortige U-Bahn-Tunnelröhre eingedrungen. Vor Ort seien in der Nacht rund 1000 Kubikmeter Beton verfüllt worden, um den Untergrund zu stabilisieren, hieß es. Wegen der weiter großen Abrutschgefahr sollte dies am Mittwoch fortgesetzt werden.

Auch die Trümmerstelle selbst stellte nach Angaben der Stadt eine Gefahr für die Helfer dar. Von den Nachbargebäuden seien Teile der Dachkonstruktion und der Wohnetagen übrig geblieben, Teile drohten herabzufallen. Daher habe die Feuerwehr in der Nacht versucht, sich vom hinteren Teil des Geländes einen Zugang zu verschaffen und eine Rampe zu bauen, über die die Dächer abgetragen werden können. Hierzu hätten Garagengebäude abgerissen werden müssen, hieß es.

Ein Spezialbagger mit großer Reichweite soll am Vormittag eintreffen, um gefärdete Teile eines Nachbarhauses zu entfernen. Ein weiteres Haus sollte kurzfristig komplett abgerissen werden. Überdies ist geplant, über einem Teil des Schuttberges eine Wetterschutzfolie anzubringen. Derzeit würden Gegenstände aus anderen Teilen des Archivs geborgen, das unschätzbare historische Bestände beherbergte, sagte der Feuerwehrsprecher. Es gibt nach Angaben der Stadt einen Zugang zu einem weitgehend erhalten gebliebenen Anbau - dort lagere ein kleiner Teil der Dokumente. Diese würden jetzt gesichert.

Das vierstöckige Gebäude des Stadtarchivs war am Dienstagnachmittag innerhalb weniger Augenblicke eingestürzt. Auch zwei Nachbarhäuser stürzten zum Teil ein. Auslöser der Katastrophe waren möglicherweise U-Bahn-Bauarbeiten in unmittelbarer Nähe, die zu Absackungen geführt haben könnten.

Die Stadt erklärte am Mittwoch, zur Unglücksursache könnten weiter keine eindeutigen Aussagen getroffen werden. Unstrittig sei aber, dass sich im Untergrund vor dem Archiv "durch einen akuten drei- bis fünfminütigen Wasser- und Bodeneintritt in ein unterirdisches Gleiswechselbauwerk ein Erdkrater bildete". Diese Kraterbildung sei ursächlich für den Einsturz von Gebäudeteilen des Archivs und der benachbarten Gebäude gewesen.

Das Gebiet um die Unglücksstelle blieb weiträumig abgesperrt, in den beiden benachbarten Gymnasien fand kein Unterricht statt. Die Nord-Süd-Fahrt, die Hauptverkehrsader der Stadt, wurde am Mittwoch in Teilen wieder freigegeben.

AP/DPA / AP / DPA