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Norwegen nach den Anschlägen Es geht weiter - aber anders


Fassungslosigkeit, Trauer, Wut: Der Osloer Arzt Morten Baekken beschreibt, wie sein Heimatland mit den Anschlägen fertig wird.

Drei Tage ist das Unfassbare jetzt her. Die Stadt, in der ich lebe, die Stadt des Friedensnobelpreises, dieses wunderschöne Oslo, wurde von einem Bombenattentat erschüttert. Niemals hätte ich das für möglich gehalten: Terror in Norwegen. Seit über zehn Jahre lebe ich nun als Deutsch-Norweger hier. Und immer noch kann ich das Ganze nicht fassen. Ich bin Arzt im größten Krankenhaus von Oslo. Ich hatte meinen freien Tag und war mit einem Freund aus aus Berlin zu einem Rundgang in der Innenstadt unterwegs. Das Wetter war trüb, es nieselte. Ich zeigte meinem Besuch die Oper, die Karl-Johans-Gate, Oslos Haupteinkaufsstraße. Um 15.20 Uhr stiegen wir hinab in die U-Bahn Station Stortinget. Die Haltestelle ist nur wenige hundert Meter vom Regierungsviertel entfernt, dort also, wo nur Sekunden später die Bombe hochgehen sollte.

Der Terror ist in meiner Stadt angekommen

Es war ein komisches Gefühl, irgendetwas stimmte nicht. Ich kenne eigentlich die Geräusche der U-Bahn. Aber jetzt spürte ich eine Druckwelle. Und einen Knall. Dumpf klang es. Wir schauten uns an. Aber eine Minute später dachte sich schon keiner mehr etwas dabei. Es war wieder ruhig, auch beim Umsteigen. Schließlich kamen wir in Frognerseteren, einem berühmten Ausflugsort ganz in der Nähe des Holmenkollen, an. Hier trifft man sich gerne, um eine Skitour zu starten oder zu beenden. Aber die Stimmung war plötzlich gespenstisch. Langsam sprach sich rum, dass ein Attentäter im Regierungsviertel eine Bombe gezündet haben soll. Die Bilder sprachen für sich. Aber es war unwirklich. Rauch, verletzte Personen, geplatzte Fensterscheiben. Und wohl auch Tote. Ein paar Kilometer Luftlinie von uns entfernt. Nein, ich wollte das nicht realisieren.

Erst als mein Telefon klingelte und sich das Krankenhaus am anderen Ende meldete, wurde mir klar: Der Terror ist in meiner Stadt angekommen. Ich sollte mich standby halten, es gäbe einen Anschlag mit vielen Verletzten in der Innenstadt. Der diensthabende Arzt klang ernst.

Mir wurde übel, ich fühlte mich hilflos. Dass ich um ein Haar selbst hätte Opfer werden können, es wurde mir erst jetzt bewusst. Zum Glück war in meinem Krankenhaus gerade Schichtwechsel. Es waren also genügend Mediziner anwesend, um die vielen Verletzten zu versorgen. Das lief alles perfekt ab. Die Kollegen arbeiteten Hand in Hand. Es kam nie Hektik auf. Von den unbeschreiblichen Vorfällen auf Utøya erfuhr ich erst zu Hause aus dem Fernsehen. Dazu möchte ich auch nichts berichten. Mir fehlen die Worte - noch immer.

Norweger stehen Seite an Seite

Wir Norweger stehen unter Schock. Wir sind traumatisiert. Wie sollen sich da erst die Angehörigen fühlen? Aber was auch beruhigend ist: Das kleine Land hält in der Not zusammen. Vielleicht noch mehr als andere Völker. Das Familiengefühl ist stark ausgeprägt, wir stehen Seite an Seite. Wir mögen die Gemeinschaft. Wir lassen die Trauernden nicht allein, haben uns noch fester als sonst an den Händen gehalten. In Norwegen sind sich die Mitmenschen nicht fremd.

Einige haben sich aber auch nach den Anschlägen in ihre Häuser zurückgezogen und bleiben bei ihren Familien. Auch das liegt in unserem Naturell. Am Tag danach zog es fast keinen Norweger zum Unglücksort, die Schaulusitgen waren vor allem Touristen. Das Laute, das Grelle, das mögen wir nicht. Kinder mögen wir umso mehr. Sie sind das Symbol unseres Landes. Unser Nationalfeiertag, der 17. Mai, wird mit einem Kindermarsch durch Oslo gefeiert - und nicht mit einer Militäparade. Deshalb auch diese Schockstarre. Was auf Utøya passiert ist, nein, ich will weiter nicht daran denken.

Es geht weiter in Norwegen - aber anders

Klar ist für uns Norweger jetzt: Wir vertrauen der Regierung. Und der Justiz. Der Staatsminister bestimmt weiter die Richtung. Die Bevölkerung folgt ihm. Das ist vernünftig. Unser Nationalgefühl ist in dieser Notsituation noch stärker ausgeprägt als sonst. Wir lassen uns unser Land nicht von einem Psychopathen kaputt machen. So denken auch meine Freunde und die Verwandten. Wir sind stolz auf unser Land und auf die Werte, die es vermittelt.

Am Montag um 12 Uhr war ich während der Schweigeminute wieder im Krankenhaus, das Leben geht weiter. Es ist gut zu wissen, dass unsere Nachbarländer Schweden, Dänemark und Finnland an unserer Seite stehen. Die Menschen dort haben auch für eine Minute geschwiegen. Wie es jetzt in Norwegen weitergeht? Es geht weiter - aber anders. Doch wir werden hoffentlich auch in Zukunft die Aufmerksamkeit wie bisher eher durch Offenheit, Toleranz, endlos schöne Natur und sportliche Erfolge erregen.

Aufgezeichnet von Klaus Bellstedt

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