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Schüsse in Washington: Die Amokfahrt der Miriam C.

Familie und Freunde der getöteten Fahrerin sind fassungslos: Die gestrigen Ereignisse in Washington sind ihnen unerklärlich. Über das Motiv wird spekuliert: Offenbar litt Miriam C. an Depressionen.

Von Sabine Schaper

Im Kapitol verhandelten Abgeordnete gerade über den Haushaltsnotstand, als draußen Schüsse zu hören waren: Sie beendeten eine wilde Verfolgungsjagd, die sich eine junge Frau im Washingtoner Regierungsviertel mit der Polizei geliefert hatte. Zuvor hatte sie laut Polizeiangaben im "äußeren Sicherheitsbereich" des Weißen Hauses eine Absperrung und einen Sicherheitsbeamten umgefahren und war schließlich in Richtung Kapitol davongerast. An dessen Nordseite rammte ihr schwarzer Infiniti erneut eine Absperrung, dann fielen die Schüsse. Die Fahrerin des Wagens wurde tödlich getroffen. Ihre kleine Tochter, die auf dem Rücksitz saß, konnte lebend geborgen werden.

Am Tag danach sind die Motive der Fahrerin immer noch unklar, nach Aussagen von Familie und Freunden ergibt sich aber ein erstes Bild von ihr. Das zeigt sie als junge, unauffällige Frau, die unbewaffnet war, als sie erschossen wurde. Und es lässt Zweifel an der Reaktion der Washingtoner Sicherheitskräfte aufkommen, wie Reaktionen im Netz zeigen.

Freundlich, engagiert, unauffällig

Laut US-Medien handelt es sich bei der Fahrerin um die 34-jährige Miriam C. aus Stamford, Connecticut. Miriam C. stammte ursprünglich aus Brooklyn, New York, arbeitete nach dem College als Zahnhygienikerin und war vor rund einem Jahr Mutter eines Mädchens geworden. Freunde und Familienangehörige beschreiben sie als freundlich und engagiert und zeigen sich schockiert über den Vorfall. Der Washington Post sagte ihre Schwester Amy C. kurz nach der Tat: "Das ist unmöglich. Sie arbeitet, sie hat einen Job." Ihr sei es unbegreiflich, warum Miriam in Washington gewesen sei. "Vor zwei Tagen war sie noch in Connecticut, ich habe mit ihr gesprochen... Ich weiß nicht, was hier vor sich geht."

Eine ehemalige Schulkameradin beschrieb Miriam C. der Washington Post gegenüber als liebenswerte, fürsorgliche Frau. Eine andere Freundin sagte, Miriam C. habe sich ihr gegenüber niemals auffällig verhalten, nie habe sie Wutausbrüche erlebt oder sich irrational verhalten. "Ein paar harsche Worte, das war alles." Die Ereignisse zwischen Weißem Haus und Kapitol am Vortag seien ihr dementsprechend unerklärlich. "Ich hätte angehalten, warum sie nicht? Warum hat sie das getan? Und dann auch noch mit ihrer Tochter im Auto?"

Mutter berichtet von postpartalen Depressionen

Auch die Mutter der Toten äußerte sich öffentlich – und gab erste Anlässe zur Spekulation über mögliche Motive. Idella C. sagte ABC News, ihre Tochter habe nach der Geburt unter postpartalen Depressionen gelitten. "Ein paar Monate danach ist sie krank geworden. Sie hatte Depressionen. … Sie war auch im Krankenhaus." Eine kriminelle oder gewalttätige Vergangenheit habe Miriam C. jedoch nicht gehabt, bestätigt auch ihre Mutter. Auch sie kann sich nicht erklären, weshalb ihre Tochter in Washington gewesen sei; sie sei davon ausgegangen, Miriam C. sei mit ihrer Tochter bei einem Arzt in Connecticut gewesen.

Auf Twitter kritisieren Nutzer das Vorgehen der Sicherheitsleute, die tödliche Schüsse auf Miriam C. feuerten. „Liebe Polizisten", schreibt Twitter-Nutzerin Pam Mason, "konntet ihr nicht einfach auf ihre Reifen zielen, anstatt sie zu erschießen?" Und User Hanyragy twitterte: "Es ist typisch. Die Boston Attentäter gehen ihnen durch die Lappen, aber eine Zahnhygienikerin mit einem einjährigen Kleinkind im Auto töten sie. Vielleicht auf die Reifen schießen?"

Einzelfall ohne terroristischen Hintergrund

Die Lage in der US-Hauptstadt ist derzeit angespannt. Bereits am 16. September hatte ein psychisch kranker Mann auf einem Marinestützpunkt in Washington ein Blutbad angerichtet, bei dem zwölf Menschen starben. In Folge des Zwischenfalls vom 3. Oktober wurden Kapitol und das Weiße Haus vorübergehend abgeriegelt.

Die Washingtoner Polizeichefin Cathy Lanier betonte aber, es handele sich um einen Einzelfall ohne terroristischen Hintergrund. Sie verteidigte auch ihre Kollegen: Die Beamten hätten "genau das getan, wozu sie da sind: Sie haben eine Verdächtige davon abgehalten, die Absperrungen mit einem Auto zu durchbrechen."