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Mitholz in der Schweiz : Räumung von Munitionslager: Bewohner sollen für zehn Jahre ihr Dorf verlassen

3500 Tonnen hochexplosiver Munition aus dem Zweiten Weltkrieg lagern in einem Stollen in der Nähe des Schweizer Dorfes Mitholz. Nun soll die Armee ihn räumen – und die Bewohner dafür für ein ganzes Jahrzehnt ihre Heimat verlassen. 

Schweiz, Mitholz: Das Gebiet um das ehemalige Munitionslager in Mitholz

Schweiz, Mitholz: In dem Fels lagern 3500 Tonnen Munition. Das Lager stammt aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs und droht, in die Luft zu fliegen.

DPA

Die Schweizer Armee hat dem Dorf Mitholz ein unschönes Erbe hinterlassen: Im Zweiten Weltkrieg baute das Militär hier ein unterirdisches Munitionslager. Noch heute lagern in dem ehemaligen Eisenbahnstollen Granaten, Fliegerbomben und Patronen, alles in allem 3500 Tonnen Munition. Weil sie jederzeit explodieren können, soll das Lager nun geräumt werden, teilte das Departement für Verteidigung am Dienstag mit. Für die Bewohner hat die Entscheidung gravierende Konsequenzen. Sie sollen ihre Heimat für fünf bis zehn Jahre verlassen müssen.

Am Dienstagabend erklärte Bundesrätin Viola Amherd zusammen mit Militärvertretern den 170 Bewohnern, was geplant ist, berichtet die "Neue Zürcher Zeitung". Demnach soll der Zugriff auf die Munition frühestens 2031 beginnen. Zuvor müsse der Fels beim Munitionslager abgetragen werden. Es gebe dort Gestein, das sitze "wie ein lockerer Zahn im Maul", erklärt Oberst Aellig. "Das muss weg." Zudem müssen Schutzmaßnahmen realisiert werden. Die Straßen sollen umgeleitet werden, eine Bahnlinie soll spezielle Schutzvorrichtungen bekommen.

Sind die Bomben und Geschütze irgendwann aus dem Stollen geräumt, will das Verteidigungsdepartement sie gleich vor Ort vernichten. Dafür soll eine Entsorgungsanlage gebaut werden. Allein der Bau dieser Anlage wird mehrere Jahre dauern.

Plan B

Während dieser Vorbereitungsphase könne die Bevölkerung im Dorf bleiben. Sollten "gefährliche, reaktionsfähige Munitionsrückstände" gefunden werden, werde das Dorf kurzfristig evakuiert, erklärte Aellig. Doch danach müssten die Bewohner das Dorf für fünf bis zehn Jahre verlassen. Man sei überzeugt, "dass die Räumung der richtige und notwendige Weg ist. Aber: Sollten sich Probleme ergeben, müssten wir eine andere Option ins Auge fassen", so der Oberst.

Es gibt auch einen Plan B. Der Stollen soll demnach unter 50 Metern Gestein begraben werden. Sollte es dann zu einer Detonation im Inneren kommen, wäre sie eingedämmt. Dadurch wäre die Gefahr zumindest "deutlich reduziert", so das Schweizer Verteidigungsministerium. Doch auch diese Maßnahme würde zehn Jahre in Anspruch nehmen.

Dass mit dem Munitionslager etwas geschehen muss, steht aber für das Verteidigungsministerium außer Frage. 1947 ist es dort bereits zu einer Serie von Explosionen gekommen. Neun Menschen kamen dabei ums Leben. Nach Angaben der Armee führten chemische Reaktionen und Selbstentzündung dazu. Seitdem sind die Zugänge zu dem Stollen verschüttet. Jahrzehntelang war man laut offiziellen Angaben davon ausgegangen, dass das Lager sicher sei. Bis im Jahr 2018 Experten zu dem Schluss kamen, dass es geräumt werden muss. Wie das Verteidigungsministerium den Bewohnern des Dorfes mitteilte, sei das Risiko durch die Munition nicht mehr tragbar.

Evakuierung oder Beton-Sarkophage

Der Schweizer Bundesrat wird im Herbst 2020 entscheiden, wie es mit Mitholz weitergeht. Bis dahin will er wissen, was die Mitholzer denken. Die Bevölkerung hat nun bis am 31. März Zeit ihre Bedürfnisse, Fragen und Anliegen zu äußern und ihre Meinung zu den Plänen des Bundes in einem Fragebogen kundzutun. "Die angestrebte Räumung ist komplex, sie dauert lange und braucht viele Vorkehrungen", erklärte Brigitte Rindlisbacher, die Leiterin der Arbeitsgruppe Mitholz, laut der "Luzerner Zeitung".

In dem Fragebogen stellt der Bund noch den Mitholzern ein drittes Szenario vor. Die Häuser der Bewohner müssten demnach mit einer Schutzhülle aus Beton überbaut würden. "Vollständig", schreibt das Verteidigungsministerium. Und so haben die Bewohner anscheinend die Wahl zwischen einer zehnjährigen Evakuierung oder Häusern in Beton-Sarkophagen. 

Quelle: "Luzerner Zeitung", "Neue Züriher Zeitung"

ivi
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