Trauer in China Kampfansage in der größten Not


Der Chor schallt aus Tausenden Kehlen: "China, gib Gas!" Nach den Gedenkminuten für die Erdbebenopfer steht das Volk auf in Chengdu, dort, wo die Katastrophe am härtesten zugeschlagen hat. Die Trauerfeier wird zur Prozession der Hoffnung. Die Menschen ballen die Fäuste und singen Revolutionslieder.
Von Ellen Deng und Adrian Geiges, Chengdu

Die rote Fahne Chinas weht auf halbmast. Die Gedenkminute, die erste für die Opfer einer Naturkatastrophe in China überhaupt, beginnt mit kleinen Verwirrungen. Handykameras klicken, Leute bestätigen sich gegenseitig lautstark, dass dies jetzt der Beginn ist. Schnell aber werden sie von anderen zur Ruhe ermahnt. Den Unmut vieler erregt auch eine Frau mit buntem Sonnenschirm, sie muss ihn zusammenklappen.

Nach den drei Gedenkminuten gehen, offenbar spontan, Sprechchöre los. "Zhongguo, jiayou!", das bedeutet "China, gib Gas!", ein sonst eher von Fußballspielen bekannter Ruf, und "Xiongqi!", das in der eigenen Sichuan-Sprache eine ähnliche anfeuernde Bedeutung hat. Die starke patriotische Stimmung verbindet sich hier mit dem Willen, den Erdbebenopfern zu helfen. Einige singen das Revolutionslied "Einheit ist Kraft". Der Refrain: "Die Einheit ist kraftvoller als Stahl und Eisen."

Viele strecken kämpferisch ihre Fäuste in die Höhe. "Noch nie waren wir Chinesen so vereinigt wie heute", sagt einer von ihnen, ein 25-jähriger Soldat, der heute nicht im Dienst ist und seinen Namen nicht nennen will. "Ich bin sehr aufgeregt."

Die Szenen auf dem Tianfu-Platz in Chengdu könnten dem ganzen Land Mut machen. Schließlich hat keine Region so unter dem Erdbeben gelitten wie Sichuan. Von den offiziell bestätigten 34.000 Toten kommen mehr als 32.000 aus der Provinz, dessen Hauptstadt Chengdu ist. Und die Zahl wächst stündlich.

Ganze Familien sind auf den Platz gekommen. Der 14-jährige Li Haoyang ist mit seiner Mutter aus einem 80 Kilometer entfernten Ort angereist, um verletzte Kinder in Krankenhäusern zu besuchen. Wie ein Erwachsener sagt er: "Ich hoffe, die Toten ruhen in Frieden und die Lebenden werden stärker."

Über dem Platz erhebt sich die weiße Marmorbüste von Mao. Das hat eine bittere Ironie. Kurz vor dem Tod des Diktators bebte 1976 im nordchinesischen Tangshan die Erde. Es war eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte: 242 000 Menschen starben. Doch die Katastrophe wurde als Staatsgeheimnis behandelt, Hilfe aus dem Ausland abgelehnt. Mao war die Ehre der Partei wichtiger als das Leben seiner Landsleute.

Heute ist das anders. Zwar nutzt die Führung das Erdbeben auch für die Propaganda. In TV-Shows sprechen Moderatoren mit pathetischer Stimme ihren "Dank an die Partei" aus. Doch gleichzeitig wird umfassend informiert, werden alle Kräfte mobilisiert, um den Opfern zu helfen.

Ganz in Schwarz gekleidet bindet, wie viele andere auch, die Möbelhändlerin Fan Wenli eine weiße Papierblume um Blätter der Büsche auf dem Tianfu-Platz. Traditionell ist in China Weiß die Farbe der Trauer, immer mehr setzt sich aber Schwarz durch. Fan Wenli hat die Papierblume selbst aus Toilettenpapier gebastelt. Schon am ersten Tag nach der Katastrophe brachte sie Wasser und Salz, ihre persönliche Spende, nach Mianzhu, eine der betroffenen Städte. "Dies ist der bewegendste Moment meines Lebens", sagt sie. "Niemand meiner Verwandten gehört zu den Opfern, aber diese Toten sind mir so nahe, als wären sie meine eigenen Familienmitglieder."


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