TÜV-Untersuchung Jede zweite Halle hat Mängel


Vier Monate nach dem Halleneinsturz von Bad Reichenhall hat der TÜV Süd alarmierende Zahlen veröffentlicht: Demnach weist jede zweite Halle Sicherheitsmängel auf, bis hin zu akuter Einsturzgefahr.

Alarmierende Sicherheitsmängel bei Hallen: Etwa vier Monate nach dem Unglück von Bad Reichenhall mit 15 Toten hat der TÜV Süd mehr als 200 Gebäude im gesamten Bundesgebiet untersucht. Mindestens jede zweite Halle weist danach Mängel auf, teils bis hin zur akuten Einsturzgefahr. Ursache dafür ist aber nach Expertenmeinung nicht die hohe Schneelast des vergangenen Winters. Stattdessen gibt es Defizite bei Planung, Bau und Betrieb.

Der Einsturz der Eissporthalle mit 15 Toten sei nach dem damaligen Kenntnisstand jedoch nicht absehbar gewesen, sagte der Leiter der Bautechnik des TÜV-Süd, Herbert Gottschalk. Die jetzt festgestellte Einsturzursache könne jedoch ähnliche Unglücke vermeiden helfen. Genaue Angaben zur Reichenhaller Unglücksursache dürften die Gutachter nicht vor der ermittelnden Staatsanwaltschaft machen, sagte Gottschalk. "Kennen tun wir sie, verraten können wir sie jedoch nicht." Der mehrere hundert Seiten umfassende Abschlussbericht der Expertenkommission werde Ende Mai fertig sein und der Staatsanwaltschaft Traunstein übergeben, die das Ergebnis voraussichtlich Ende Juni veröffentlichen werde.

Erkenntnisse aus Bad Reichenhall helfen weiter

Inzwischen habenen die Experten Erkenntnisse aus dem Unglück gewonnen, die eine derartige Katastrophe künftig vermeiden helfen könnten. Seit dem Reicherhaller Unglück überprüfte der TÜV Süd bislang deutschlandweit rund 200 Hallen und Gebäude, bei über 100 lägen bereits die Gutachten vor: "Über 50 Prozent der von uns untersuchten Hallen wiesen relevante Mängel auf", sagte Gottschalk. Besonders hoch sei der Mängelanteil bei Holzhallen gewesen, nachdem bei der Reichenhaller Halle das aus Leimholz konstruierte Dach eingestürzt war: "Bei elf Prozent der Holzkonstruktionen war die Standsicherheit nicht mehr gefährdet, und die Hallen mussten sofort gesperrt werden", berichtete Gottschalk. Bei Stahl- und Betonkonstruktionen drohte dagegen in keinem Fall akute Einsturzgefahr: "Wir haben aber auch hier eine Mängelquote zwischen 45 und 55 Prozent festgestellt."

Allerdings warnte Gottschalk die Ergebnisse auf alle rund 40.000 Schwimmbäder, Sport- und Mehrzweckhallen Deutschlands hochzurechnen: "Wir glauben, dass wir als Prüfer als erstes zu Hallen gerufen wurden, wo die Betreiber vielleicht bereits Bauchschmerzen hatten." Die Untersuchungsergebnisse überraschten die TÜV-Experten nach eigenen Angaben dennoch: Als besonders erschreckend wertete Gottschalk, dass in mehr als der Hälfte Unterlagen über die Statik entweder gar nicht oder nur teilweise vorhanden gewesen seien: "Kein Mensch weiß, wie sicher ist diese Halle überhaupt", sagte Gottschalk. Niemand wisse etwa, welche Schneelast die Statiker berechnet hätten. "Wenn Sie so wollen, ist das Glücksspiel", sagte Gottschalk.

Statik of nicht korrekt berechnet

In den dokumentierten Fällen sei bei sieben Prozent die Statik nicht korrekt berechnet gewesen. "Bei weiteren zwölf Prozent stimmte zwar die Statik, nicht aber die Ausführung." Nur bei einem Viertel der Hallen sei alles korrekt gewesen. Vor allem bei Holzkonstruktionen entdeckten die Prüfer zahlreiche Mängel: Drei viertel aller Holzhallen wiesen Mängel auf, nur ein Viertel war völlig unbedenklich. Vor allem entdeckten die TÜV-Prüfer Risse, aber auch Konstruktionsfehler. "Grundsätzlich ist Holz ein genauso sicherer Baustoff wie Stahl und Beton", betonte Gottschalk.

Die meisten Mängel bei der Untersuchung wurden bei Konstruktion, Ausführung und Instandhaltung von kleinen Hallen festgestellt. Hier sei der Anteil der Holzkonstruktionen wegen der einfachen Bauweise besonders beliebt. Doch selbst bei großen Hallen über 1.215 Quadratmeter Größe stellten die TÜV-Prüfer eklatante Mängel fest, etwa Korrosion und Feuchtigkeit bei Stahlkonstruktionen oder Risse im Beton. Auch seien die Qualitätsmängel relativ altersunabhängig, selbst bei Neubauten gab es bei jeder zweiten geprüften Halle Beanstandungen.

Notfall künftig einplanen

Als Konsequenzen aus dem Reichenhaller Unglück fordert der TÜV, dass neue Hallen künftig vom Notfall her geplant werden müssten: "Ein Teilversagen, darf niemals zum plötzlichen Totaleinsturz führen", betonte Gottschalk. "Das ist technisch ohne weiteres machbar." Zudem müssten Prüfer vor und während des Baus eingeschaltet werden, und nötigenfalls den Bau einstellen lassen können. Hier forderte der TÜV, Lockerungen bei der so genannten Entbürokratisierung im Baurecht rückgängig zu machen und künftig von Konstruktionsseite kritische Gebäude regelmäßig zu überprüfen. "Es gibt auch Gebäude, die sehr gutmütig sind; denken Sie an den Kölner Dom", betont TÜV-Experte Manfred Bayerlein. "Es gibt aber auch Gebäude, die sind fünf Jahre alt und stürzen ein."

AP/DPA AP DPA

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