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Unglück von Bad Reichenhall: Wer hat Schuld am Tod meiner Mutter?

Es war eine Tragödie: 15 Menschen wurden beim Eishalleneinsturzes von Bad Reichenhall erschlagen. Doch wer trägt die Schuld an dem Unglück? Nun beginnt der Prozess gegen einige Architekten und Ingenieure. Doch nicht gegen die Hallen-Verantwortlichen. Untragbar für Menschen wie die die fünfjährige Ricarda. Sie verlor ihre Mutter.

Von Georg Wedemeyer

Geschrien hat sie. Nur noch geschrien. Als Robert Schromm seine Tochter im Krankenhaus besuchte und ihr beibringen musste, dass die Mutter beim Einsturz der Eishalle umgekommen ist, konnte er die Fünfjährige stundenlang nicht beruhigen. Ricarda, selbst wie durch ein Wunder gerettet, wollte nie mehr Schlittschuh laufen, nie mehr in eine Halle gehen und nie mehr Schnee sehen.

Der Witwer stand hilflos am Bett seiner Tochter, nicht weniger verzweifelt. Wer war Schuld an dem Unglück? Die Bäume, aus denen die brüchigen Dachbalken gezimmert worden waren? Der schwere Schnee? Der Bürgermeister? Die Bauarbeiter? Das Kind, erzählt der Vater, wäre erst ermattet eingeschlafen, nachdem er versprochen hatte, sich um die richtigen Antworten zu kümmern. "Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwer werden würde", sagt Robert Schromm heute.

Anklage gegen Verantwortliche nach anderthalb Jahren

Am 2. Januar 2006 war die städtische Eissporthalle Bad Reichenhall unter einer tonnenschweren Schneelast zusammengestürzt. 15 Menschen wurden erschlagen, 18 schwer verletzt. Schon unmittelbar nach dem Unglück wurden Vorwürfe gegen die Stadt laut. Sie habe ihre Halle schlecht gepflegt, seit Jahren sei Wasser durch das undichte Dach gedrungen. Doch es dauerte fast anderthalb Jahre, bis die Staatsanwaltschaft Traunstein jetzt Anklage gegen fünf Männer erhob. Und von denen, die 2006 in Bad Reichenhall für die Halle Verantwortung trugen, ist keiner dabei.

Wie immer, wenn es Tote gegeben hat, weil ein Gemeinwesen versagte, tun sich die Strafverfolger schwer. In der Regel wird durchaus akribisch ermittelt. Und in der Regel werden mehrere Unglücksursachen gefunden. Dann verschanzt man sich hinter Gutachten und Zuständigkeiten, die Verantwortung wird hin und her geschoben - und am Ende ganz abgewälzt. So war es in 1998 in Eschede, so war es 2000 in Kaprun. Hunderte Menschen kamen bei diesen Unglücken ums Leben, insgesamt 19 Angeklagte kamen vor Gericht. Verurteilt wurde niemand.

Für die Strafverfolger aus dem Nachbarort Traunstein war der Halleneinsturz von Bad Reichenhall ihr bisher größter Fall. 150 Zeugen, acht Gutachter und drei wissenschaftliche Institute wurden befragt. Über 5000 Aktenseiten sammelten sich an. Sechs Monate nach dem Unglück das erste Zwischenergebnis: Die Schlittschuhläufer wurden tatsächlich Opfer von Ignoranz, Geiz und Schlamperei. Aber welche Namen und Personen standen dahinter? Die Anklage ließ auf sich warten. "Die haben auf Zeit gespielt, die Menschen vergessen ja schnell", vermutet Robert Schromm. Er ist ein streitbarer Mann; die Schromms, "zugereiste Studierte", hatten schon vor dem Unglück immer mal Zoff mit den Behörden. Sie hätten sich, sagt er, gegen "das südostbayerische Filzgeflecht" aufbegehrt.

Schlampige Verarbeitung kostete Menschenleben

Die Menschen im Lande mögen schnell vergessen, die Betroffenen aber können das nicht. In den Akten findet sich eine schematische Zeichnung der Halle, die skizziert, wo die Opfer gefunden wurden: kleine schwarze Strichmännchen auf weißem Grund. Die zehnjährige Helena zum Beispiel war nur noch einen Meter vom Ausgang entfernt, als sie ein großer Dachträger am Kopf traf. Nüchtern werden die Todesursachen anderer Opfer aufgelistet: "Rumpfkompression", "offenes Schädelhirntrauma", "Rückenmarksabriss", "unvollständige Abtrennung des Halses". Michaela Schromm, 38, die Mutter von Ricarda, lag zur Mitte hin und starb an einer "Zertrümmerung des Kopfes und Zerquetschung des Rumpfes". Die Eislauffläche glich einem Schlachtfeld. Viele der Helfer und Angehörigen sind noch heute in psychologischer Behandlung.

Die Liste der Versäumnisse, die zu dem Grauen führten, ist grotesk. Schon die Statik der Dachkonstruktion enthielt Rechenfehler, ihre Tragfähigkeit wurde überschätzt. Die vorgeschriebene zusätzliche "Prüfstatik" fehlte gänzlich. Die übergroßen Kastenbalken hatten nicht die erforderliche Sonderzulassung. Obendrein wurde zu ihrer Herstellung der falsche Leim verwendet. Obwohl das Dach von Anfang an undicht war, wurde es 33 Jahre lang nicht saniert, die ständig feuchten Balken wurden kein einziges Mal neu gestrichen. Vorgeschriebene Prüfungen der Standsicherheit fanden nicht statt. Ein 2003 bestelltes Sanierungsgutachten kam zu falschen Ergebnissen. Am Unglückstag wurde die Schneelast falsch berechnet.

Der Schnee, die höhere Gewalt, das Schicksal waren Schuld

Als so genannte "Große Kreisstadt" war Bad Reichenhall bei der Halle alles in einem: Bauherrin, Genehmigungsbehörde und Unterhaltspflichtige. Mit anderen Worten: Sie kontrollierte sich in jeder Phase selbst. Doch der amtierende Bürgermeister Herbert Lackner bittet "um Verständnis, dass ich mich zur schuld- und strafrechtlichen Thematik nicht äußern will". Sein Vorgänger Wolfgang Heitmeier "möchte öffentlich nichts mehr sagen. Das muss jeder mit sich privat abmachen". Immerhin ein Denkmal für die Opfer wollte die Stadt finanzieren. Aber mit der Auflage, dass dort auch die drei Lawinenopfer aufgenommen werden, die am gleichen Tag verunglückten. Die Botschaft war klar: Der Schnee, die höhere Gewalt, das Schicksal waren Schuld.

Im Nachbarort Aufham, auf dessen Friedhof fünf Opfer des Unglücks begraben liegen, lässt man das nicht gelten. Pfarrer Michael Kiefer sagt, dass in seinen seelsorgerischen Gesprächen mit den Hinterbliebenen "die Schuld- und Gerechtigkeitsfrage immer eine große Rolle spielt. Viele sind verwundert, wie man das mit der schlechten Pflege der Halle abgetan hat."

Tatsächlich aber scheint die Stadt für die Staatsanwälte strafrechtlich nicht zu fassen. Sie werfen ihr zwar "Sorgfaltspflichtverletzungen" vor, zum Beispiel die fehlenden Schutzanstriche der Balken. Doch die hätten "den Einsturz (nur) möglicherweise, nicht jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verzögert". Kein einziger der Hallen-Verantwortlichen muss deshalb vor Gericht. Nicht die Stadtbaudirektorin Henrike S., die zunächst Beschuldigte war und jetzt nur noch Zeugin ist. Nicht Hermann F., der Leiter des Hochbauamtes, und nicht Johann M., der Hallenbetriebsleiter. Er wird nicht angeklagt, weil aus einem "lauten Knall", den viele Zeugen eine halbe Stunde vor dem Einsturz gehört haben, bei den Ermittlern "laute Knackgeräusche" werden, die "in Holzkonstruktionen durchaus nicht selten sind".

Angehörige wollen nicht, dass man nur die Kleinen hängt

Robert Schromm "könnte wahnsinnig werden bei solchen Sätzen". Nervös sitzt er im Zimmer seiner toten Frau am Computer. Er scrollt durch alte Protest-Schreiben. Dass seine Tochter unter einer winzigen Aussparung des Hallendaches sechs Stunden auf der Eisfläche überlebte, sei für ihn "das einzige Licht in all dem Dunkel". Schromm will kämpfen, und vor allem will er nicht, "dass man nur die Kleinen hängt".

Die "Kleinen", das ist die jetzt angeklagte Riege von Rentnern, Durchschnittsalter 69. Der Statiker, der vor Jahrzehnten falsch rechnete, zwei Architekten, die einst am Bau mitwirkten, einer davon als städtischer Angestellter, und der Zimmerer, der die Balken zusammen leimte. Jüngster Angeklagter ist der Ingenieur und Gutachter Rüdiger S., 54, der 2003 schrieb: "Die Tragkonstruktionen der Eislaufhalle befinden sich in einem als gut zu bezeichnenden Zustand." Dieser fatale Satz wirkt nach der Logik der Ankläger als Persilschein für die Stadt und entschuldigt alle ihre vorangegangenen "Unterlassungen". Denn: "Die erforderliche Untersuchung ist zwar verspätet, aber noch vor dem Einsturz erfolgt." Die Verantwortlichen hätten sich darauf verlassen können, "dass die Standfestigkeit der Eissporthalle weiterhin gewährleistet ist." Wenn aber die Stadt nicht mit angeklagt ist, davon ist Michael Thilo, Schromms Rechtsanwalt, überzeugt, "bricht auch die Logik der Vorwürfe gegen die anderen in sich zusammen".

Die Widersprüche der Staatsanwälte machen es den Verteidigern leicht, die Anklage Stück für Stück auseinander zu nehmen. Denn die Strafverfolger argumentieren stets mit "wenn" und "hätte": Wenn zum Beispiel beim Bau der Halle das Fehlen der Prüfstatik aufgefallen wäre, dann hätte man eine neue gemacht, dann wäre der Rechenfehler aufgefallen, dann hätte man die Halle stabiler gebaut, dann wäre sie "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" nicht eingestürzt. Klingt gut, ist aber nicht sicher: Bei der benachbarten gleichzeitig gebauten Schwimmhalle gab es durchaus eine Prüfstatik. Der gleiche Rechenfehler wurde dennoch nicht erkannt, sondern anstandslos durchgewunken.

Und warum gilt diese Hätte-Wenn-Kette nicht auch für die Stadt? Etwa so: Wenn die Stadt die Balken regelmäßig gestrichen hätte, dann hätte man "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" frühzeitig die maroden Leimfugen entdeckt, die die Gutachter nach dem Unglück festgestellt haben. Oder so: Wenn die Stadt das Gutachten von 2003 aufmerksam gelesen hätte, dann wäre ihr aufgefallen, dass dort die hohlen Kastenbalken fälschlich als "Brettschichtholzkonstruktion" bezeichnet werden. Daraus hätte sie auf unzureichende Untersuchung schließen müssen und sich deshalb niemals auf den Satz mit dem "gut zu bezeichnenden Zustand" verlassen dürfen. Obendrein war das Gutachten für die Schwimm- und Eishalle zusammen mit 3000 Euro zigfach unterfinanziert. Pfarrer Kiefer musste jetzt "allein für die Prüfung der Statik einer Empore meiner Kirche 10.000 Euro bezahlen."

Der Grad der Verantwortung bei den meisten Beschuldigten ist mehr als 30 Jahre nach dem Hallenbau ohnehin unklar: Der freie Architekt Rolf R. hatte damals nur die Projektleitung des Hallenbaus; der eigentliche Bauleiter ist inzwischen gestorben. Tot sind auch die Chefs des Zimmerers Johann G., der sagt, nur auf deren Anweisung den billigeren Leim verwendet zu haben. Der städtische Architekt Horst P. war einst nur für die Baustelle zuständig, sein für die Baugenehmigungen und Statiken zuständiger Kollege lebt ebenfalls nicht mehr. Auch der Prüfstatiker, dessen Bericht fehlt, ist gestorben.

Prozess gegen vier Sündenböcke

Anwalt Thilo prophezeit dieser Anklage "einen Ausgang wie bei Eschede und Kaprun." Man habe nun zwar "einige hilfsweise beigezogene Beschuldigte, aber letztlich wird keiner verurteilt werden." Wenigstens eines wurde in Bad Reichenhall besser geregelt als bei anderen Großunglücken: die zivilrechtliche finanzielle Entschädigung der Opfer. Allerdings nicht ohne Druck. Thomas Kämmer von der Kanzlei v. Jeinsen hatte gedroht, sämtliche Schriftsätze der Kurstadt mit ihrer Haftpflicht, der Versicherungskammer Bayern, auf einer Webseite namens badtodeshall.de zu veröffentlichen, da kam Bürgermeister Lackner mit an den Verhandlungstisch und half beim Abschluss. Das gezahlte Schmerzensgeld liegt nun mehrfach über dem üblichen Satz von 2000 Euro je totem Angehörigen. Auch Therapiekosten und Schadensersatz wurden großzügig geregelt. Franz Zauner, dessen Frau in der Halle starb, ist froh, dass so wenigstens für seinen neunjährigen Sohn Patrick gesorgt sei; "seine Ausbildung ist abgesichert".

Die meisten Angehörigen der Opfer sind inzwischen zu ermattet, um sich an den strafrechtlichen Auseinandersetzungen noch zu beteiligen. Petra Rehrl, die ihre Tochter Helena verlor, "fährt sowieso nicht mehr in die Stadt". Zum Prozess will sie "ganz sicher nicht".

Ein Klageerzwingungsverfahren von Robert Schromm hatte keinen Erfolg. Es wird also kein Vertreter der Stadtverwaltung vor Gericht sitzen. Sondern nur vier Sündenböcke sollen sich verantworten. Von der Staatsanwaltschaft wurden fünf angeklagt. Aber das Landgericht Traunstein hatte im Oktober verkündet, dass es die Anklage gegen den 74-jährigen Zimmerer Johann G. aus gesundheitlichen Gründen nicht zulässt. Auch der 71 Jahre alte Vize-Stadtbaumeister wird überraschend nicht auf der Anklagebank sitzen, wie kurz vor Prozessbeginn in Traunstein bekanntwurde. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa ist der pensionierte Architekt verhandlungsunfähig.

Die Anklage wirft den Angeklagten die fahrlässige Tötung von 15 Kindern und Müttern vor. An zwölf Verhandlungstagen bis zum 24. April will das Gericht nun klären, wen welche Schuld trifft.