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Verschüttete Bergarbeiter in Chile: Das Wunder von Copiapo

Vor zwei Wochen wurden 33 Bergleute in einer Kupfermine im Norden Chiles verschüttet. Womit kaum jemand gerechnet hat: Die Männer leben. Doch ihre Rettung könnte noch Monate dauern.

Von Sebastian Huld

Niemand kann sich vorstellen, was in den Köpfen dieser Männer vorgeht, als sie plötzlich in die Linse einer Videokamera starren. Zwei Wochen ist es her, dass die 33 Bergleute in 700 Metern Tiefe verschüttet wurden. Zwei Wochen in der Dunkelheit bei 36 Grad Hitze. Zwei Wochen Hoffen und Bangen, kaum eine Aussicht auf Rettung. Und dann das: Eine Kamera, die an einem Seil befestigt ist, zwängt sich durch einen acht Zentimeter kleinen Schacht hinein in den Hohlraum, in dem die Männer Zuflucht fanden. Sie begreifen sofort: Sie sind gerettet! "Wir konnten ihre Freude und ihre Hoffnung in ihren Augen sehen", berichtet später der sichtlich bewegte Staatschef Sebastián Piñera der Nation.

Die Chancen stehen gut

Chile, das große Land an der westlichen Flanke Südamerikas, befindet sich im Ausnahmezustand seit die Meldung von der Entdeckung der Verschütteten die Runde macht. Chile, so sieht es derzeit aus, erlebt sein eigenes "Wunder von Lengende". Damals 1963 wurden in einem Bergwerk unweit von Salzgitter noch 14 Tage nach dem Grubenunglück elf Kumpel gerettet. Das hatte kaum jemand für möglich gehalten. Die verschütteten Bergleute der Gold- und Kupfermine San José werden möglicherweise noch Wochen oder Monate auf ihre Rettung warten, doch ihre Chancen stehen sehr gut. Auch deutsche Experten sind optimistisch: „Die Männer werden da raus kommen, da habe ich gar keine Befürchtungen, denn sie haben genug Sauerstoff und können über die Kleinbohrung versorgt werden“, sagt Hossein Tudeshki, Professor am Institut für Bergbau der Technischen Universität Clausthal, im Gespräch mit stern.de.

Ein finsteres Grab

Unglücke, wie das von San José, gehören zu den beinahe alltäglichen Dramen des Rohstoffabbaus in den ärmeren Ländern dieser Welt. Die Mine San José ist seit 1889 in Betrieb. Nach einem tödlichen Unfall wurde sie zwar 2007 schon einmal geschlossen, doch im vergangenen Jahr wurde der Betrieb wieder aufgenommen. In die Teife gelangen die Arbeiter über einen sogenannten Wendelschacht, ein Tunnel der sich gleich einer Wendeltreppe in die Tiefe bohrt. Nach bisherigen Erkenntnissen ist dieser Schacht an zwei Stellen eingestürzt. Für die Arbeiter unterhalb der Einsturzstelle gab es fortan keinen Ausgang mehr. Die Mine drohte ihr feuchtheißes, finsteres Grab zu werden.

Mit allen Mitteln versuchen Rettungsarbeiter seit dem Unglückstag Kontakt zu den Verschütteten herzustellen. Jeder Versuch scheint zum Scheitern verurteilt, doch dann gelingt im wahrsten Sinne des Wortes der Durchbruch: Eine winzige Bohrsonde gräbt sich ihren Weg in den Schutzraum, in dem die Bergleute halbnackt und verzweifelt ihrer Rettung harren. Kurz darauf die Sensation, die Verschütteten reichen einen Zettel durch den Schacht. In roter Schrift stehen auf dem Papierfetzen die erlösenden Worte: „Uns geht es gut in dem Schutzraum – die 33.“ Kurz darauf wird ein Funkkontakt hergestellt, die Ärztin Paula Newman spricht mit den Bergleuten und bestätigt, die Männer seien „in einem perfekten Gesundheitszustand“.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Verschütteten womöglich schneller gerettet werden können, als von offizieller Seite angekündigt.

Politische Taktiererei

Lilian, die Ehefrau des verschütteten, bereits 63 Jahre alten Mario Gómez, wird vom Bergbauminister Laurence Golborne persönlich unterrichtet. "Lili, dein Mann schickt dir eine Botschaft und sagt, dass er dich und die Kinder sehr liebt", habe der Minister ihr gesagt. "Ich konnte das Glück nicht fassen." Ihr Mann fährt schon seit dem zwölften Lebensjahr unter Tage. Beide sind seit 30 Jahren verheiratet, haben vier Töchter und sieben Enkelkinder. Doch auch Mario Goméz weiß, dass es noch dauern wird, bis er seine Familie wiedersieht, "Gott ist groß und mit seiner Hilfe werden wir es schaffen, hier aus dieser Mine lebend rauszukommen, auch wenn wir Monate warten müssen", schreibt Gómez in seiner Nachricht, die nach dem ersten Lebenszeichen ans Tageslicht gezogen wird.

Einhellig sprechen die Verantwortlichen in Chile davon, dass es bis zu vier Monate dauern könnte, bis ein ausreichend großer Schacht zu den Verschütteten gebohrt werden kann, um sie zu bergen. Der deutsche Bergbauexperte Tushkedi bezweifelt diese Aussage: „Ich verstehe und glaube nicht, dass das vier Monate dauern soll. Auch wenn das Gestein relativ hart ist, dauert es nicht so lange 700 Meter tief zu bohren.“ Eine Erklärung, warum selbst Präsident Pinera diese lange Bohrzeit veranschlagt, hat Tushkedi aber: Längst ist das „Wunder von San José“ auch zum Politikum geworden. Niemand möchte versprechen, die Bergleute innerhalb weniger Wochen retten zu können, und dann im Fall von Komplikationen die Menschen enttäuschen. „Wenn ich sehe wie emotional der Präsident sich einschaltet, vermute ich, dass einige mehr an die nächste Wahl denken als an die Verschütteten“, so Tushkedi weiter.

Die Tortur dauert an

Gut möglich also, dass die Männer nicht bis Weihnachten warten müssen, um wieder das Tageslicht zu erblicken. Sollte es aber doch so lange dauern, sind sich die Experten einig, dass die Männer das Warten überleben. Über den dünnen Schacht sollen die Kumpel mit angereichertem Wasser, Mineralien und anderen Nährstoffen versorgt werden. Doch weitere Wochen mit so vielen Männern in dem begrenzten Schutzraum auszuharren, muss eine Tortur sein. Hossein Tushkedi aber ist optimistisch: „Natürlich leiden die Männer physisch und psychisch, aber Bergleute sind hart im Nehmen. Die stehen das durch.“

Fraglich ist aber, wie es danach mit den Männern weitergeht. Ob sie in den Monaten des Ausharrens in der Mine bezahlt werden ist unklar. Der Betreiber der Mine, die chilenische Gruppe San Esteban, hat nur diese eine Mine. Es droht der Bankrott. Außerdem drohen den Männern psychologische Schäden. Posttraumatische Belastungsstörungen sind nach solch existenziellen Erfahrungen alles andere als unwahrscheinlich.

Vorbild deutscher Bergbau

Die RAG Deutsche Steinkohle, die den Steinkohlebergbau in Deutschland betreibt, rechnet jedenfalls fest damit, dass sich solche Belastungstraumata nach einem Grubenunglück einstellen können. „Wir haben deshalb schon Anfang der neunziger Jahre angefangen, Mitarbeiter in Schulungen für solche Erkrankungen zu sensibilisieren“, berichtet Frank Kremer, Pressesprecher der RAG. Auch ein engmaschiges Versorgungsnetzwerk für den Ernstfall - vom Notfallseelsorger vor Ort bis hin zur Nachsorge - sei vorbereitet, so Kremer weiter. Glücklicherweise ist der Ernstfall bislang nicht eingetreten. Der Bergbau in Deutschland gehört zu den sichersten weltweit und kann sich in punkto Sicherheit selbst mit anderen Branchen messen. „Mit 6,4 Unfällen auf eine Million Arbeitsstunden gehört der Bergbau zu den sichersten Arbeitsplätzen der deutschen Industrie“, berichtet Kremer hörbar stolz auf den Arbeitsschutz seines Unternehmens.

Chiles Präsident Sebastián Piñera hat nach dem Unglück angekündigt, die Sicherheitsvorgaben für den Bergbau zu verbessern. In Deutschland stünden die Experten sicher gern mit Rat und Tat zur Seite.

mit DPA/AFP / AFP