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Fragen & Antworten

Vorstoß nach EU-Umfrage: Ende der Zeitumstellung, Anfang des Chaos? Es könnte bald noch komplizierter werden

Millionen Europäer haben sich in einer Online-Umfrage für die Abschaffung der Zeitumstellung ausgesprochen. Aber was passiert eigentlich, sollte die umstrittene Regelung tatsächlich gekippt werden? Die Szenarien.

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Im März eine Stunde vor, im Oktober eine Stunde zurück - seit Jahrzehnten wird in der Europäischen Union zweimal im Jahr die Zeit umgestellt. Doch nun scheint das Ende dieser seit Jahren umstrittenen Regelung absehbar. In einer EU-weiten Umfrage hat sich eine überwältigende Mehrheit der Teilnehmer für die Abschaffung der Zeitumstellung ausgesprochen. Die Abstimmung war zwar nicht repräsentativ und auch nicht bindend. Doch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker will dem Ergebnis folgen. "Die Menschen wollen das, wir machen das", sagte der Kommissionschef am Freitag im ZDF. 

+++ Welche Hürden noch genommen werden müssen, damit die Regelung abgeschafft wird, lesen Sie hier. +++ 

Aber was passiert eigentlich, wenn der Gesetzesvorschlag wirklich beschlossen wird? Werden dann die Zeitzonen in der EU ein unübersichtlicher Fleckenteppich? Ein Überblick der Szenarien.

Die Zeitumstellung wird abgeschafft - und dann? 

Sollte das Hin und Her tatsächlich abgeschafft werden, könnte jedes Land für sich entscheiden, ob es dauerhaft die Standardzeit - also Winterzeit - oder die Sommerzeit einführen möchte. Diese Entscheidung, welche von beiden Zeiten dauerhaft gilt, ist eine nationale Angelegenheit und würde von einer Abschaffung der Zeitumstellung nicht berührt. 

Gibt es dann noch mehr zeitliche Unterschiede?

Gut möglich: Spanien etwa würde wohl kaum die Sommerzeit beibehalten - denn dann würde die Sonne in Madrid im Winter erst gegen 9.30 Uhr aufgehen. Der Chronobiologe Till Roenneberg sieht vor allem dort und in Portugal einen Handlungsbedarf: "Die sollten dringend ihre Zeitzone ändern", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". "Die Spanier und Portugiesen bräuchten die Greenwich Mean Time, wie man sie in England hat." In der von Deutschland dominierten Online-Umfrage wollte hingegen eine Mehrheit die dauerhafte Sommerzeit.

Warum ist die Diskrepanz in Ländern wie Spanien und Portugal so groß? Hier hilft ein altbekannter Merksatz: "Im Osten geht die Sonne auf, im Süden nimmt sie ihren Lauf, im Westen will sie untergehn, im Norden ist sie nie zu sehn." Die Sonne kommt im Westen gewissermaßen später an. Westeuropäische Länder sind von der Zeitumstellung daher wesentlich stärker betroffen, als Länder im Osten oder - wie in Deutschland - der Mitte Europas. 

"Wenn ein Galicier (Nordwesten Spaniens, Anm. d. Red.auf die Uhr blickt und sie zeigt 22 Uhr, dann ist es vom Sonnenstand her eigentlich erst 19.30 Uhr", erklärt Chronobiologe Roenneberg. Eine Differenz von zweieinhalb Stunden. "Deswegen ist die Behauptung, die Spanier würden 'spät essen', Quatsch. Sie essen genau wie die Münchner, nur lügt halt deren Uhr und behauptet einfach, es wäre schon so spät."

Was für Zeitzonen gibt es in der EU?

Schon jetzt gibt es drei Zeitzonen in der EU. In Deutschland und 16 weiteren Staaten herrscht die gleiche Uhrzeit: die Mitteleuropäische Zeit, genannt MEZ. Darunter sind die Niederlande, Belgien, Österreich, Dänemark, Frankreich, Italien, Kroatien, Polen und Spanien. Acht Länder  - Bulgarien, Estland, Finnland, Griechenland, Lettland, Litauen, Rumänien und Zypern - sind eine Stunde voraus: dort gilt die Osteuropäische Zeit oder OEZ. Drei Staaten sind eine Stunde zurück, nämlich Irland, Portugal und Großbritannien, wo die Westeuropäische Zeit gilt, die WEZ. 

Zeitumstellung: Mit diesen fünf Eselsbrücken verschlafen Sie nicht mehr

"Portugal hat eine andere Zeit als Spanien, und Finnland hat eine andere Zeit als Schweden", sagte der CDU-Politiker Peter Liese, ein langjähriger Gegner der Zeitumstellung. "Daher wäre es kein Problem, wenn sich einige Mitgliedstaaten für die ständige Winterzeit und andere für die ständige Sommerzeit aussprechen." Nur eines soll EU-weit wegen des Binnenmarkts einheitlich sein: Zeitumstellung oder nicht.

Warum gibt es den Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit überhaupt?

Eigentlich soll das Tageslicht besser genutzt werden. In Deutschland gab es die Sommerzeit schon mehrfach. Zuletzt wurde sie 1980 wieder eingeführt. Unter dem Eindruck der Ölkrise von 1973 hatte man die Hoffnung, auf diese Weise Energie zu sparen. Ein weiterer Grund war die Anpassung an die Nachbarländer, die diese Regelung schon hatten. Seit 1996 gibt es eine einheitliche EU-weite Regelung. Seitdem beginnt die Sommerzeit Ende März und hört Ende Oktober auf. In dieser Zeit ist es abends eine Stunde länger hell. 

Zeitumstellung

Was spricht gegen die Zeitumstellung?

Kritiker argumentieren, dass tatsächlich keine Energie gespart wird. Laut Umweltbundesamt schalten die Deutschen im Sommer zwar wegen der Zeitumstellung abends seltener das Licht an - im Frühjahr und Herbst wird morgens allerdings mehr geheizt. Mediziner sehen zudem Risiken für die Gesundheit. In einer repräsentativen Studie des Forsa-Instituts im Auftrag der DAK-Gesundheit gab im Frühjahr rund ein Viertel der Befragten an, schon einmal gesundheitliche Probleme gehabt wegen der Zeitumstellung zu haben. Als Beschwerden wurden vor allem Müdigkeit, Schwierigkeiten beim Einschlafen und Konzentrationsprobleme genannt.

"Insgesamt ist es verrückt, was der Mensch da macht", sagt der Chronobiologe Till Roenneberg der "Süddeutschen Zeitung". "85 Prozent der Deutschen brauchen einen Wecker, um aufzuwachen. Das bedeutet, dass die meisten dann noch gar nicht fertig sind mit dem Schlafen. Bei dauerhafter Sommerzeit wäre das noch eine Stunde früher." Der Experte spricht sich gegen die Sommerzeit aus. "Man sollte so wenig wie möglich an der Natur herumjustieren, weil wir noch nicht alles in seiner Komplexität verstehen."

fs / DPA
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