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stern-Kolumne Winnemuth: Der Untergang

Warum es wirklich schlimm ist, seinen Müll in fremde Fahrradkörbe zu werfen: Das Böse ist uns längst vertrauter als jede überraschende Nettigkeit.

Von Meike Winnemuth

Den eigenen Müll in fremde Fahrradkörbe werfen: Für stern-Kolumnistin Meike Winnemuth eine gezielte Bösartigkeit

Den eigenen Müll in fremde Fahrradkörbe werfen: Für stern-Kolumnistin Meike Winnemuth eine gezielte Bösartigkeit

Wer dieser Kolumne regelmäßig folgt, weiß, dass ich den meisten Ärgernissen der Welt entspannt bis verständnisvoll gegenüberstehe. Ein dreifaches Om angesichts von Leuten, die sich auch im 21. Jahrhundert immer noch "auf eine Nudel" verabreden, oder angesichts von breiten Autos, die zwei Parkplätze verdienen (nach der Überzeugung ihrer breiten Fahrer). Sogar den mittel begabten Akkordeonspieler, der heute schon zum siebten Mal unter meinem Balkon ein Medley aus "La Mer" und "Schön ist die Liebe im Hafen" quetschfiedelt, mag ich irgendwie, denn Herr, der Sommer war sehr groß, und deshalb halte ich das aus, om, om und nochmals om.

Meiner Heiligsprechung stünde also nichts im Weg, wenn es nicht das eine gäbe, was mich regelmäßig ausrasten und Petitionen zur Einführung der Prügelstrafe formulieren lässt, es sind ja immer die kleinsten Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen, und bei mir ist es eben dieser: wenn Leute ihren Müll in fremde Fahrradkörbe schmeißen. Nein, winken Sie noch nicht ab, blättern Sie noch nicht um, ich kann genau erklären, wieso das der Untergang des Abendlandes ist.

Freundlichkeit nach dem Zufallsprinzip

Dazu muss ich etwas ausholen. Hie und da habe ich schon über eine charmante kleine Guerilla-Aktion geschrieben, die vor einigen Jahren die Runde machte und an der ich mich hin und wieder beteilige: random acts of kindness. Grob übersetzt: Freundlichkeit nach dem Zufallsprinzip. Die Idee ist, wildfremden Leuten etwas Gutes zu tun, idealerweise anonym, um die mit guten Taten verbundenen Konsequenzen zu vermeiden. Zum Beispiel das Gefühl des Empfängers, in jemandes Schuld zu stehen. Ob man im Drive-in für die Bestellung im nächsten Auto mitzahlt oder jemandem eine Tafel Schokolade in den Briefkasten wirft oder irgendwem eine Blume unter den Scheibenwischer klemmt. Eine kleine Freude, verbunden mit einer nicht ganz so kleinen Irritation: Wer war das? Was soll das? Mit nichts kann man die Welt so effektiv ins Wackeln bringen wie mit unerklärlicher Nettigkeit.

Bösartigkeiten gegen Unbekannte

Der Müll im Fahrradkorb hingegen ist das genaue Gegenteil: ein random act of unkindness, eine gezielte Bösartigkeit gegen einen komplett unbekannten Menschen. Da wirft man seinen leeren To-go-Becher oder die Brötchentüte mit dem halb gegessenen, durchgematschten Tomate-Mozzarella- Baguette oder den schokoladigen Eisstiel nicht etwa auf den Boden, was schon ärgerlich genug wäre, sondern dem Erstbesten quasi in den Schoß. Oder durchs offene Fenster. Das ist nicht achtlos, sondern offensiv missachtend, und das macht mich derart rasend, dass ich schon öfter solchen Scheißmüll aus fremden Fahrradkörben (ich selbst habe keinen) geklaubt und in den danebenstehenden Mülleimer geworfen habe, ebenso wie ich gelegentlich nicht nur die Haufen meines eigenen Hundes, sondern auch die anderer vom Bürgersteig sammle, schäumend vor Wut über so viel Arschlochhaftigkeit. Entschuldigung, ich muss kurz unters Sauerstoffzelt.

Leute, wir haben ein Problem

Was mich so aufregt: Als ich gestern jemandem von diesen beiden random acts erzählte, sagte er: "Der Müll - doof, klar. Halt Großstadt. Muss man mit rechnen. Aber wenn mir jemand eine Tafel Schokolade in den Briefkasten stecken würde, würde ich die nicht essen. Vielleicht hat ein Irrer sie mit Rattengift präpariert?"

Ich fasse zusammen: Man findet es inzwischen normaler, wenn Menschen einem Böses wollen, als umgekehrt. Jemand tut mir was Gutes: Da kann doch was nicht stimmen.

Leute, wir haben ein Problem.

Die Kolumne ...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien in der vergangenen Woche, Heft Nr. 41.

Themen in diesem Artikel
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?