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stern-Kolumne "Winnemuth": Mit P, nicht mit B!

Es gibt Fehler, die machen wir immer wieder: Schreibfehler, Beziehungsfehler, Fehler beim "Quizduell". Und immer wieder nehmen wir Anlauf, diese Fehler zu vermeiden. Wozu eigentlich?

Und? Wart Ihr noch in der Kneipe?", simste ich vorhin einem Freund. Begann jedenfalls zu simsen und stoppte. Wart Ihr? Ward Ihr? T? D? Ich weiß nicht, wie oft ich das schon geschrieben habe, aber ich weiß genau, wie oft ich mir diese Frage gestellt habe: Jedes. Verdammte. Mal.

Das gleiche mit Leipzig. P? B? Leibzig? Ich weiß es natürlich, aber nie weiß ich es sofort, immer ist es mit heftigem Nachdenken verbunden, mit wackligen Eselsbrücken ("nicht wie der Keks und der Philosoph") und knirschenden Zähnen. Warum, zum Teufel, kann ich mir das einfach nicht merken, stolpere ich immer wieder an derselben Stelle (oder heißt es hier: an der gleichen Stelle?)?

Eine kleine Umfrage im Freundes- und Kollegenkreis - in Kolumnistenkreisen gilt das als investigative Recherche - ergab: Jeder hat so ein bis mehrere Dinge, die er sich auch beim tausendsten Mal nicht merken kann, einen Fehler, den er immer und immer wieder macht, komplett vernagelt. Bedrouille statt Bredouille. Labtop statt Laptop. Brilliant statt brillant. Es heißt Billard, nicht Billiard, Mensch! Das Abc, nicht das ABC, Canal Grande, nicht Canale Grande, merk’s dir doch endlich!

"Ich habe eine regelrechte Toilettenpanik"

Das Teuflische an solchen Permafehlern ist: Das Richtige kommt einem so wahnsinnig falsch vor und das Falsche so wahnsinnig richtig. Kommt "brillant" nicht von "brillieren"? Müsste dann nicht dringend ein I rein? Sieht Albatros mit nur einem S nicht irre verhungert aus?

stern-Illustratorin Tina Berning mailt mir gerade, dass sie sich nie die Zeichen für männlich und weiblich merken kann, Kreis mit Pfeil rechts oben oder Kreuz unten. "Ich habe eine regelrechte Toilettenpanik", schreibt sie. Und ich habe regelrechte Albträume (Alpträume? Nein, Albträume. Oder doch Alpträume?), wenn ich daran denke, dass ich mit 93 noch an haargenau denselben Stellen stolpern werde wie mit 13.

Richtig irre werde ich, wenn mir beim "Quizduell" zum fünften Mal dieselbe Frage gestellt wird und ich jedes Mal dieselbe falsche Antwort gebe, auch wenn ich genau weiß: Vorsicht, bei den südafrikanischen Amtssprachen hattest du schon beim letzten Mal danebengelegen. Wenn die Definition von Einstein stimmt - Wahnsinn sei, immer wieder dasselbe zu machen und dabei unterschiedliche Ergebnisse zu erwarten -, bin ich völlig meschugge.

Fehlerfrei? Bloß nicht

Rechtschreibung und Wissensfragen sind natürlich nur Pipifax gegen all die anderen Dauer-Fehlleistungen, mit denen wir uns so gern das Leben versauen. Die Neigung, sehenden Auges Fehler zu wiederholen (dämliche Beziehungsmuster, sinnlose Streitigkeiten, Feigheit, Stummheit, Schissertum), scheint inkurabel - mein Gott, man weiß es doch besser, warum macht man es dann nicht besser? Lieber kauft man das zehnte Selbsthilfebuch, das einem geduldig dasselbe erklärt wie die neun Bücher zuvor, die auch schon nichts geändert haben.

Andererseits liegt vielleicht genau darin der allergrößte Fehler: zu glauben, dass man irgendwann keine mehr macht. Ewige Irrtümer sind ebenso Charaktermörtel wie ewige Gewissheiten (und oft genug sind sie nicht voneinander zu unterscheiden).

Meine Leipzig-Schwäche ist ein Teil von mir ebenso wie der inzwischen entspannte Umgang damit. Ich nehme es hin, dass ich an dieser Stelle blöd bin, ich ärgere mich nicht immer wieder aufs Neue. Dann ist es halt so, gewisse Dinge werde ich nie können, na und? Leibzig, c’est moi. Der einzige fatale Fehler, den ich machen könnte, wäre es, diese eine Frage nicht zu stellen: Ich weiß es nicht, weißt du es vielleicht?

Die Kolumne...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.

Von Meike Winnemuth