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stern-Kolumne "Winnemuth": So long, Lupo

Die stabilste Beziehung? Ist oft die zum Auto, man hat ja so viel gemeinsam erlebt. Aber was passiert, wenn der geliebte Kleinwagen zum Schrott muss?

Von Meike Winnemuth

Nicht zu heulen, hatte ich mir vorgenommen, wenn es so weit wäre. Ich würde es hinter mich bringen wie eine Frau. Aufrecht, würdevoll, gefasst. Irgendwann müsste das Unvermeidliche passieren, und ich würde gerüstet sein.

Das Unvermeidliche passierte. Und ich war nicht gerüstet. Es war auf der A 5 zwischen Baden-Baden und Freiburg, 700 Kilometer fern der Heimat. Plötzlich brüllte der Motor, er stotterte Traktorgeräusche, der Wagen verlangsamte sich, ich rechts raus, mit letzter Kraft auf einen Autohof gerettet. Öl überprüft, das war es nicht, ADAC angerufen. Der kommt nach einer Stunde und guckt mitleidig. „Sieht nicht gut aus. Ich schleppe Sie in eine Werkstatt, die sollen sich das mal angucken.“

Drei Jungs bauen sich um die geöffnete Haube auf, lassen sich von mir den Motor vorspielen und winken nach einer Sekunde mit gepeinigten Gesichtern ab. "Lagerschaden. Pneuelstange. Neuer Motor lohnt sich nicht. Gebrauchtmotor gibt es für den selten bis nie." Und das heißt? "Tja." Tja? "Verschrotten." Wie jetzt, verschrotten? Entschuldigung, aber: verschrotten? Das ist mein Auto, das kann man gar nicht verschrotten. Das Wort ist im Zusammenhang mit diesem Wagen verboten. Seit knapp 14 Jahren fahre ich ihn, einen Öko-Lupo 3L, ein Auto, das VW 2005 aus der Produktion genommen hat. Nicht mein erstes Auto, aber die längste Beziehung meines Lebens. Mein Gott, was wir alles … – nein, ich sage jetzt nicht "wir", das wäre zu peinlich.

Und plötzlich ging alles ganz schnell

Doch: wir. Wirwirwir. Elf Umzüge (wenn man nur die innerhalb Deutschlands zählt), fünf bis sieben Jobwechsel (je nachdem, wen man fragt), drei bis vier Lebensplanungswechsel (dito) – und die einzige Konstante war dieses tapfere kleine Ding, das mich oft genug zum Wahnsinn getrieben hat, weil die Fensterkurbel immer abbrach und die Heizung sich zuletzt Zeit mit dem Heizen ließ. Seit zehn Jahren ist die Rückbank dauerumgelegt, der Lupo hat Weinkisten, Truthähne, Ikea-Gartenliegen, Gummistiefel und Hundeboxen transportiert, oft alles gleichzeitig.

Und plötzlich ging alles ganz schnell. "Hier müssen Sie unterschreiben für den Verschrottungsauftrag." Ich tat es unter Tränen. "Elf Euro fürs Abmelden. Brauchen Sie einen Leihwagen?" Einen Leihwagen? Ich brauche einen Leihlaster!

Ein Frauenauto auszuräumen ist wie eine Haushaltsauflösung. Quälend, sentimental, ein archäologisches Großunternehmen, das ein sorgfältiges Abtragen von Sedimentschichten erfordert. Geöffnete und ungeöffnete Briefe aus 14 Jahren, eine Picknickdecke von 2002, ein Dutzend leere Coke-Zero-Flaschen, im Handschuhfach Puder und Lieblingslippenstifte (die auch nicht mehr hergestellt werden; als ob ich nicht schon deprimiert genug wäre), Falk-Stadtpläne von Bremen und Berlin. Berlin in dieser Form gibt es nicht mehr, Stadtpläne sind ohnehin vom Navi hinweggefegt, mein Auto hat von allen am längsten durchgehalten.

Und welches Auto nun?

Das Schlimmste ist, dass ich jetzt einen neuen Wagen brauche. Es ist, als ob man nach langjähriger Ehe wieder beginnen müsste zu daten. Ich hatte das perfekte unperfekte geliebte Auto, ich will kein anderes. Die neuen Autos gucken alle so fies, ist Ihnen das im Rückspiegel schon mal aufgefallen? Diese unsympathischen Frontscheinwerfer mit LED-Augen wie aus Horrorfilmen? In so was Gruseliges setze ich mich doch nicht rein.

Das Letzte, was ich aus dem Lupo räumte, war ein kleiner Plastikwolf von Schleich, hinterlassen vom Sohn einer Freundin, der ich den Wagen ein Jahr lang geliehen hatte. Dieses Plastikwölfchen ist jetzt mein einziger Trost. Nach kurzer schwerer Krankheit verstarb vergangenen Mittwoch mein geliebtes Auto in Achern-Gamshurst. Es hat nicht leiden müssen. Ich umso mehr.

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