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stern-Kolumne Winnemuth: Vergangen und vergessen

Wie schnell uns doch entgleitet, worüber wir uns gerade noch schrecklich aufgeregt haben. Ein Grund, melancholisch zu werden? Absolut.

Von Meike Winnemuth

Menschen können in den unterschiedlichsten Situationen in Melancholie verfallen - so wie Meike Winnemuth beim Betrachten einer Fotowand in einem Hotel

Menschen können in den unterschiedlichsten Situationen in Melancholie verfallen - so wie Meike Winnemuth beim Betrachten einer Fotowand in einem Hotel

Gaucho. Wollte ich noch mal schnell schreiben. Als Beweis, dass sich in einer Woche, wenn diese Kolumne erscheint, jeder fragt: "Gaucho? Wat willse nur, wat meintse mit Gaucho?" Eben. Die Geschwindigkeit, mit der sich Empörung, Empörung über die Empörung, Empörung über die allgemeine Empörungsbereitschaft und sofortiges Vergessen abwechseln, sorgt dafür, dass es sich bei den meisten Themen nicht mal mehr lohnt, den Mund zu öffnen, so schnell sind sie wieder vom Tisch. Diese Woche bereits: nächste Sau, selbes Dorf. Danke für die Aufmerksamkeit, das war's auch schon.

Aber was ich eigentlich erzählen wollte, ist nicht weit weg vom Thema: Vor Kurzem habe ich im größten Hotel einer kleinen Stadt übernachtet. Eines, das man gern "erstes Haus am Platz" nennt, ein Ort für Rotariertreffen und goldene Hochzeiten, die in Klemmbuchstaben an schwarzfilzenen Riffeltafeln verkündet werden ("Irma und Hermann: Rokokozimmer"). Ein schönes Hotel mit Frühstück bis halb elf. Im Durchgang zum Frühstücksbüfett hingen bestimmt 200 gerahmte Fotos von prominenten Gästen des Hotels, teils mit Autogramm, meist mit Hoteldirektor.

Melancholisch wie Andrea Berg

Nach dem Frühstück stand ich vor der Wand und studierte die Gesichter (zwischen halb elf und zwölf weiß ich nie was mit mir anzufangen, ich war also dankbar). Harry Wijnvoord mit einem weißen Terrier unterm Arm. Max Greger (erkannt am Saxofon). Das Basketballteam Bayer Giants Leverkusen (erkannt an einem Klebestreifen, auf dem das stand). Ottfried Fischer. Robin Gibb (†). Hans "Johnny" Klein, Minister im Kohl- Kabinett (†). , ungeschminkt und melancholisch.

Eine Tanztruppe in roten Kleidern mit asymmetrischen Schlitzen. Die Harlem Globetrotters. Zwei dicke schwarze Damen (die Weather Girls?). Eine weitere dicke schwarze Dame (Gloria Gaynor?). Zwei entschlossen blondierte Männer (Brunner & Brunner?). Je länger ich auf die Bilder starrte, desto melancholischer wurde ich. Fast so melancholisch wie Andrea Berg. Von den 200 Leuten und Gruppen, die mal so berühmt waren, dass der Hoteldirektor sie gerahmt vor seinen Frühstücksraum hängen wollte, habe ich, wenn es hoch kam, gerade mal ein Fünftel erkannt, und das auch nur, weil ich so steinalt bin. Den anderen Frühstücksgästen ging es ähnlich. "Das ist doch der Dings, der … na, sag schnell, du weißt schon." – "Nee, kennichnich."

"Ich war Winnetous Schwester"

Vollends erwischt hat mich das Bild einer alten Dame im Indianerkostüm. Ist das...? Könnte das...? Ja. Marie Versini, die in den Sechzigern Winnetous Schwester Nscho-tschi spielte. Die Frau, die ich mit acht werden wollte. Die 1965, 1966, 1967 und 1968 den Goldenen Otto von "Bravo" bekam und 1969 den Silbernen und 1970 den Bronzenen, und dann hörte man nichts mehr von ihr. Und da steht sie gebrechlich im Indianerkostüm und hält ihre Autobiografie hoch: "Ich war Winnetous Schwester". Entschuldigung, ich muss mal kurz mein Taschentuch...

Aber vielleicht irre ich mich auch, und die Fotowand erzählt eine ganz andere Geschichte. Die Weather Girls zum Beispiel: Von den beiden ursprünglichen Sängerinnen zog eine nach Braunshardt bei Weiterstadt im Kreis Darmstadt-Dieburg und trat fortan mit ihrer Tochter als Weather Girls auf. Diese Tochter suchte sich nach dem Tod der Mutter eine neue Partnerin, mit der sie zuletzt als Weather Girls tourte. Wer die zwei auf dem Foto sind: keine Ahnung. Aber bis zum Ende aller Zeiten wird es immer zwei dicke Damen namens Weather Girls geben und immer die Harlem Globetrotters. Irgendwie tröstlich. Ach nee, ich bin doch lieber melancholisch.

Die Kolumne ...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.

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