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Kolumne Winnemuth: Auuuuuuuuuus!

Alle paar Tage verkünden die Boulevardmedien ein neues "Liebes-Aus"; bei einer Scheidung gerne auch "Ehe-Aus". Abpfiff. Ende. Schluss mit Gefühlen. Als ob der Mensch so einfach wäre.

Von Meike Winnemuth

Brangelina

"Ehe-Aus"! Für Betroffene fühlt es sich eben doch nach ein bisschen mehr an als es so eine Schlagzeile auszudrücken vermag

Wenige Worte erbosen mich derartig wie der von Boulevardmedien so oft und gern benutzte Ausdruck "Liebes-Aus". Oder, noch kürzer und deshalb von den Schlagzeilendichtern noch mehr geliebt: "Ehe-Aus" - man spürt regelrecht die Freude der Texter, wenn sie es mit zwei Verheirateten zu tun haben und dadurch gleich drei Buchstaben einsparen können.

Je kürzer die Wörter und je breiter die Buchstaben, desto größer die Lüge; das Vereinfachen der Dinge ist meist auch ihr Verfälschen. Weiß man. Aber am blöden "Liebes-Aus" ist gleich so viel daneben, und es sagt so viel über unsere seltsame Zeit, dass ich es kurz mal auseinandernehmen möchte. Haben Sie eine Minute?

Wenn die Liebesbeziehung zur Turnierdisziplin wird

Da ist zum einen die hanebüchene Idee, dass Liebe eine digitale, binäre Angelegenheit ist. Klick: Liebe an. Klack: Liebe aus. Entweder Liebe oder keine Liebe, was anderes geht nicht. Ach, wenn es doch so einfach wäre. Wie jeder weiß, der schon mal geliebt und sich dann getrennt hat, ist auch nach einer Trennung die Liebe noch lange nicht vorbei. Für den Anfang einer Beziehung braucht man zwei Jas, für das Ende genügt ein Nein, heißt es immer, aber selbst derjenige, der "Ab jetzt bitte nicht mehr" sagt, ist meist längst noch nicht mit seiner Liebe am Ende. Glauben Sie mir. Lebenserfahrung. Trennungen sind - ebenso wie Beziehungen selbst - selten bis gar nicht einfach, sondern langwierige, verworrene, schmerzhafte, komplizierte Storys, die nicht mal in ein Buch passen würden, geschweige denn in sechs Buchstaben.

Gut, Komplikationen haben in Überschriften selten Platz. Aber muss es denn ausgerechnet eine Vokabel aus dem Sportkommentatoren-Deutsch sein? "Auuuus! Auuuuuus! Das Spiel ist aus!" - "Das ist das Aus für Felix Neureuther." Das Liebes-Aus sortiert Beziehungen zwischen Turniertanz und Wrestling ein und damit in einen Bereich, in dem es um Leistung geht, um Durchhalten und Kämpfen und Punkte-Machen. Liebes-Aus heißt: Quali nicht erfüllt, nicht gut genug gewesen für die Weltspitze, in der nächsten Runde bitte härter trainieren. Beziehungen sind zum Zuschauersport geworden: Sie werden wie Test-Matches beäugt und analysiert, und von der heimischen Couch aus kann es natürlich jeder besser.

Ach? Die waren also zusammen?

Selbstverständlich ging es beim Klatsch schon immer um das Thema "Wer mit wem", doch in den vergangenen Jahren scheint "Wer mit wem nicht mehr?" fast das wichtigere Thema geworden zu sein. Ein kurzer Blick in die per "Liebes-Aus" medial gewürdigten Trennungen der zurückliegenden Wochen zeigt, dass man nicht selten erst im Angesicht des Endes von der Existenz des Paares erfährt: "Liebes-Aus bei Model Nico Schwanz und Ex-'Bachelor'-Kandidatin Saskia Atzerodt" , "Liebes-Aus bei Taylor Swift und Tom Hiddleston", "Liebes-Aus bei Tanja Tischewitsch", "Ehe-Aus bei 'Bauer-sucht-Frau'", genauer "dem Ziegenwirt Willi und seiner Karola" ("seine" Karola, darüber rege ich mich dann ein andermal auf). Das Ende scheint interessanter als der Anfang und erst recht als die Zeit dazwischen.

Ich mache mir keine Illusionen, dass die Grausamkeit, den Augenblick größter Verletztheit unter dem Brennglas einer mitleidlosen Öffentlichkeit durchstehen zu müssen, sich mit einer anderen Wortwahl ändern würde. Ich mache mir nur Sorgen, dass das Vokabular, das wir für die Liebe und deren Probleme verwenden, einen Rückkoppelungseffekt auf unsere Gefühle haben könnte. Keine Zeit mehr für die Feinheiten, die Widersprüchlichkeiten. Liebes-Aus: Die Geduld nimmt ab, die Herzlosigkeit zu. Und das gilt nicht nur für die armen Säue, die es in die Headlines schaffen.