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Winterwetter: London versinkt im Schneechaos

Stetiger Schneefall hat in der britischen Hauptstadt für eine so dicke Schneedecke gesorgt, wie sie wohl kaum ein Londoner je schon in der Stadt gesehen hat. Mit dem ungewohnten Wetter haben viele Einwohner und Pendler schwer zu kämpfen. Selbst der Bürgermeister hofft auf himmlischen Beistand.

Von Cornelia Fuchs, London

Schneeballspielende Polizisten, schlittenfahrende Touristen und Investmentbanker, die sich gegen die Unbill des Wetters Gummistiefel angezogen haben: London erlebt den heftigsten Schneefall seit 18 Jahren, und die Stadt erkennt sich selbst nicht wieder. Seit Sonntagabend hat das Schneegestöber kaum aufgehört, über 20 Zentimeter sind es inzwischen. Viele Londoner haben solch eine durchgehend weiße Decke in ihrer Stadt noch nie gesehen.

Entsprechend sorgt der Schnee für Chaos, Autofahrer sind in der Nacht zu Montag auf den Ringstraßen um London zur Sicherheit lieber auf die Standstreifen gefahren und haben die Nacht in ihrem Wagen verbracht. Nur die wenigsten haben Winterreifen aufgezogen, wer sich dennoch auf die Straßen traut, fährt kaum schneller als 20 Stundenkilometer.

Die Unsicherheit, wie man ein Auto bei diesen Straßenverhältnissen sicher steuert, betrifft auch die Verkehrsbetriebe. Die verkündeten am frühen Morgen, dass kein einziger Bus in der Stadt an diesem Montag fahren wird - zu groß ist die Angst, dass sich die Doppeldecker auf rutschigem Schneematsch in tödliche Geschosse verwandeln könnten.

Völliges Durcheinander auf den Flughäfen

Sechs Millionen Londoner nutzen die Busse eigentlich jeden Tag, um in die Stadt zu kommen, dazu fahren hunderttausende mit Vorortzügen oder der U-Bahn. Doch die meisten Züge verließen ihre Depots erst gar nicht, die U-Bahnen fuhren nur Teilstücke, bis Schnee eine Weiterfahrt überirdisch unmöglich machte. Und auf den Flughäfen herrscht immer noch ein völliges Durcheinander. Heathrow sperrte zeitweise beide Startbahnen, nachdem ein Flugzeug beim Manövrieren zwischen Startbahn und Terminal auf eine Grasnarbe gerutscht war. Am Londoner City Airport kamen die Streu- und Räumfahrzeuge dem Schneefall nicht hinterher, in Gatwick, Luton und Stansted waren schon am Abend vorher die meisten Flüge gestrichen worden, die Flughafen-Hotels melden eine hundertprozentige Auslastung. Wer hier kein Hotelzimmer mehr findet, muss sich im schlimmsten Fall auf eine Nacht im Terminal einrichten - Züge zum Beispiel von Gatwick hinein nach London fahren nicht mehr und eine Besserung ist zur Zeit nicht in Sicht. Es schneit weiter.

Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson strich angesichts der schwierigen Verhältnisse die Maut in der Londoner Innenstadt für die "tapferen Fahrer", die sich trotz aller Warnungen auf den Weg zu ihrer Arbeit machten. Und er appellierte an alle Angestellten, die Situation nicht zum Massen-Schwänzen zu nutzen. Er selber sei mit dem Fahrrad zum Rathaus an der Tower Bridge gefahren, es sei möglich, wenn man nur wolle. Dann schickte er noch eine Bitte gen Himmel: "Wir haben diese Naturgewalt von Schnee nun wahrgenommen, danke, es ist genug!"

Doch solche Winterhärte scheint den meisten Londonern abzugehen. Wer es in die Stadt geschafft hat, fährt früh wieder nach Hause - aus Angst, die letzte U-Bahn oder den letzten Zug zu verpassen. Oder weil der Weg zu Fuß Stunden dauern wird. Viele haben sich auch gar nicht erst auf den Weg gemacht, die Stadt wirkt leer und auf Webseiten der BBC mehren sich die Kommentare von genervten Arbeitswilligen, die allein im Büro sitzen während ihre Kollegen gleich zu Hause geblieben sind.

Die Lokalzeitung "Evening Standard" schätzt am Nachmittag, dass London jeden Tag Millionen Pfund verloren gehen werden wegen des Schneechaos. Das soll im schlimmsten Fall bis zum Wochenende anhalten, prophezeien die Wetterämter.